ASTRONAUTALIS, 04.02.2017, Manufaktur, Schorndorf

ASTRONAUTALIS, 04.02.2017, Manufaktur, Schorndorf

Foto: Steffen Schmid

HipHop in der Manufaktur? Wahrlich eine selten gesehene Kombination. Und nicht ganz ohne Risiko für den Veranstalter. Zu seinem letzten Club-Gig in Stuttgart konnte der aus Florida stammende Rapper Astronautalis gerade mal 35 Gäste locken. (Da waren es sogar bei seinem letztjährigen Wohnzimmer-Gig deutlich mehr.) Jedenfalls ist ein Booking in der Manufaktur, die bisher sicher nicht zur Stammadresse des lokalen HipHop-Publikums gehören dürfte, schon mutig. Andererseits aber auch wieder nicht. Und genau dies erklärt uns Andy Bothwell am Ende seines fulminanten Auftritts in einer Freestyle-Plauderei am Bühnenrand. Ob uns eigentlich klar sei, was für ein Privileg es sei, solche Orte wie die Manufaktur zu haben? (Oder die Reitschule in Bern, von der er ebenfalls schwärmt). Orte, bei denen der Veranstalter bei schwachem Vorverkauf nicht sofort panisch wird. Wo sich ein Gig nicht immer rechnen muss. Wo das Publikum so höflich ist. Und schon ist der Weltbürger Astronautalis beim großen Vergleich zwischen dem Kulturverständnis in Europa und den USA…

ASTRONAUTALIS, 04.02.2017, Manufaktur, Schorndorf

Foto: Steffen Schmid

Dabei ist die Manufaktur sogar überraschend gut besucht. Gut 100 Zuschauer dürften sich eingefunden haben. Deutlich jünger als die Indie-Veteranen, die man hier sonst so antrifft. Offensichtlich hat es sich doch herumgesprochen, dass man von Andy Bothwell, so der bürgerliche Name des aus Florida stammenden und in Minneapolis lebenden Musikers, eine intensive Live-Show erwarten darf. Leider hat er nicht das dreiköpfige Lineup mit Gitarrist und Drummer mitgebracht, aber sein Kumpel Oscar Romero hat einige elektronische Geräte, ein Drumpad und eine akustische Gitarre dabei. Das ist schon geradezu opulent verglichen mit dem Setup beim Wohnzimmer-Gig. Und als Astronautalis Punkt neun loslegt, ist schon nach wenigen Takten klar: das Setup ist egal, Astronautalis ist pure Energie. Wie ein Getriebener durchmisst er die Bühne in Riesenschritten, wirft sich in seine unglaublich schnellen Wortkaskaden und hat binnen Minuten den Laden im Griff. Das hat nichts mit locker-flockiger Kopfnicker-Musik zu tun, das ist zornig und kompromisslos. Auch wenn Astronautalis singt „Rap is dead, Punk is dead!“, so ist er doch der hautnah erfahrbare Beweis für John Lydons berühmte Zeile: „Anger is an Energy“.

ASTRONAUTALIS, 04.02.2017, Manufaktur, Schorndorf

Foto: Steffen Schmid

Nach zwanzig Minuten nimmt der Gig eine überraschende Wendung: Romero holt sein akustische Gitarre raus, die beiden setzen sich an die Bühnenkante und geben unverstärkt den Titelsong des aktuellen Albums „Cut the Body Loose“ zum Besten. Das Publikum schart sich ganz dicht um die beiden, man könnte die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören, und der Song entpuppt sich als eine wunderschöne, traurige Folkballade, bei der Astronautalis seine wohlklingende Gesangsstimme präsentiert. Ein Gänsehaut-Moment, wie es ihn noch nicht mal beim Wohnzimmer-Gig gab. (Und ich wundere mich mal wieder, dass ausgerechnet aus dem mir sonst fremden Genre HipHop einer der beeindruckendsten Musiker kommt.)

Gleichzeitig ist dies der Wendepunkt des Gigs. Er habe jetzt alle traurigen und ruhigen Titel gespielt (ein netter Scherz angesichts des Stakkatos, dass bisher von der Bühne prasselte), nun würde aber gefeiert. Schließlich habe man einen Verrückten als Präsident und schon nächste Woche, zwei Tweets und zwei Atombomben später könne alles vorbei sein. Also wird ab jetzt gefeiert, als wenn es kein morgen gäbe. (Seltsames Déjà-vu: genau dies war die Stimmung in den 1980ern. Der Tanz auf dem Vulkan als schaurig-morbider Zeitgeist.)

ASTRONAUTALIS, 04.02.2017, Manufaktur, Schorndorf

Foto: Steffen Schmid

Mit einem Sprung von der Bühne in das tanzende Publikum heizt er die Stimmung noch weiter an und haut mit „Kurt Cobain“, „The River, The Woods“ und „Sike!“ einen Hit nach dem anderen raus. Und all dies mit einer scheinbar unerschöpflichen Energie. Mit „Attila Ambrus“ dem ungewöhnlichen swing-infizierten Titel über den ungarischen Eishockey-Spieler und Bankräuber und „Dimitri Mendeleev“, seinem Song über den russischen Chemiker beschließt er sein Set, bevor er zur oben erwähnten Freestyle-Runde zurück an die Bühnenkante kommt.

Hoffen wir nur inständig, dass seine sinistre Vision nicht Realität werden wird; unseren Teil – das Feiern, als wenn es kein morgen gäbe – haben wir sicherheitshalber mal erledigt. Und es wäre nicht das erste Mal, dass schwierige politische Umstände besonders kreative und kraftvolle Musik hervorbringen. Nicht umsonst hat Astronautalis seinem Album ein Zitat von Albert Camus vorangestellt:

The only way to deal with an unfree world is to become so absolutely free that your very existence is an act of rebellion.

ASTRONAUTALIS, 04.02.2017, Manufaktur, Schorndorf

Foto: Steffen Schmid

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