BABA ZULA, 01.02.2017, Edenless Bar, Leinfelden

BABA ZULA, 01.02.2017, Edenless Bar, Stuttgart

Foto: Özlem Yavuz

Gemma Ray im Galao! Und ich bin nicht dabei? Dass ich solch ein tolles Konzert sausen lasse, kann nur einen Grund haben: Am gleichen Abend steht irgendwo ein noch aufregender Gig an. Und wenn die türkischen Stars Baba Zula ein Privatkonzert vor zwanzig Zuschauern geben, dann dürfte das wahrlich Grund genug sein, der charmanten Britin einen Korb zu geben.

Als ich vor gut drei Jahren in der lauschigen Kellerbar von Peter und Claudia bei meinem ersten Besuch Terry Lee Hale sehen durfte, mutmaßte ich, dass hier wohl schon manch denkwürdiges Konzert stattgefunden haben mag. Mit dem Auftritt von Baba Zula dürfte sich jetzt allerdings ein absolutes Highlight in die Annalen der Edenless Bar eingetragen haben. Die Musik des Istanbuler Quintetts ist wirklich mächtig und bringt auch locker ein großes Festival-Publikum in Wallung, in der Kellerbar ist es wahrhaft umwerfend. Die Band um Murat Ertel ist gerade auf Tour durch Europa, hat mit „XX“ bei Glitterbeat eine mächtige Jubiläumskompilation veröffentlicht und schaut im Rahmen ihrer Rundreise an einem ihrer freien Abende beim Label-Chef vorbei.

BABA ZULA, 01.02.2017, Edenless Bar, Stuttgart

Foto: Özlem Yavuz

Auf die winzige Bühne haben sich neben Murat mit seiner elektrifizierten Saz, die Sängerin Melike Şahin, Özgür Çakırlar an der Daburka, der Oud-Spieler Periklis Tsoukalas und Levent Akman versammelt. Letzterer bedient diverse elektronische Geräte, ein rudimentäres Schlagzeug sowie Kastagnetten-ähnliche Löffel. Und schlürft dazu Whisky. In diesem Setup produzieren sie eine Musik, die für mich – ohne dass ich jemals dort gewesen wäre – wie Istanbul klingt. Eine unglaubliche Mischung orientalischer und westlicher Klänge und Rhythmen. Quasi die musikalische Brücke über den Bosporus. Von Melodien, die für mich wie türkische Volkslieder klingen (unsere Fotografin mag mich gerne korrigieren ;) ) bis hin zu psychedelischen Sphärensounds spannt sich der Bogen. Rhythmisch stellenweise unglaublich vertrackt, trotzdem immer direkt in die Beine, mit unorthodoxen Songstrukturen und überraschenden Breaks.

BABA ZULA, 01.02.2017, Edenless Bar, Stuttgart

Foto: Özlem Yavuz

Da werden auch gerne mal krautrockmäßige zehnminütige Soundwände aufgebaut, die einen fast in Trance versetzen (nicht auszumalen, wie diese Musik beim Konsum locker machender Substanzen wirken muss). Das alles übrigens bei einer erstaunlichen Lautstärke und einem brillanten Sound, an dem der mitgereiste Mischer permanent nachjustiert. Ein Ausflug ins Publikum gehört natürlich wie bei jedem großen Gig auch dazu. In diesem Rahmen wirkt dies ein wenig putzig und die per Funk angebundenen Instrumente hätte man in diesem Kämmerlein auch locker mit einem 3-Meter-Kabel anschließen können. Nahezu zwei Stunden prasseln die Beats auf das Publikum ein, bevor es dann zum Plausch mit den Musikern übergeht.

Dass sie mit ihrer Musik in der Türkei nicht nur Freunde hätten, erfahre ich, dass sie bereits auf der Bühne bedroht wurden und die meisten Ihrer Titel auf dem Index stehen. Kein Wunder, ist doch das Motto der Freigeister „Do not obey!“. In der gegenwärtigen Türkei bereits ein aufrührerischer Aufruf. Dass Künstler und Schriftsteller im Gefängnis säßen und man kaum noch zu äußern wage, was man denke. Ihr aktuelles Album ist in der Türkei nicht erhältlich, nur dank Glitterbeat konnte es erscheinen und im Ausland veröffentlicht werden. Ein etwas bedrückendes Ende eines großartigen Abends. Wie sagte Murat erst kürzlich in einem Interview „Wir haben viele Freunde in der ganzen Welt. Dadurch fühlen wir uns nicht so allein.“

Und dass dies wirklich so ist, das könnt ihr am 9. Februar beweisen. Da spielen Baba Zula nämlich im Reutlinger Franz K. Lasst es euch nicht entgehen!

BABA ZULA, 01.02.2017, Edenless Bar, Stuttgart

Foto: Özlem Yavuz

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