POPFREAKS: VOODOO JÜRGENS, DER NINO AUS WIEN, 15.01.2017, Merlin, Stuttgart

Konzertbericht: POPFREAKS: VOODOO JÜRGENS, DER NINO AUS WIEN, 15.01.2017, Merlin, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

„Heite grob ma Tote aus“

Guglwald, Oberösterreich, Mühlviertel, Braunschlag um die Ecke, hinterm Haus die tschechische Grenze, es ist Pfingsten, es regnet und es läuft wie immer FM4, dieser öffentlich-rechtliche ORF-Sender, der von Österreichern in Englisch moderiert wird und seit Jahren ein frisches Indiepop-Programm macht, wie es keine Station im langweiligen Nachbarland hinkriegt.

Da läuft also dieser Song und der kriecht mit seiner hypnotischen Orgel und seinem morbiden Witz in mein Ohrwurmzentrum. Im südböhmischen Niemandsland ist das mobile Internet noch nicht angekommen, und so mache ich es wie früher: Ich schreibe mir Titel (phonetisch natürlich), Datum und Zeit auf und sende dem Sender eine Postkarte, damit man mir dort den Titel (in der richtigen Schreibweise), Interpret und Album mitteilen möge. Okay, das war gelogen, aber ich habe eine Woche danach auf der FM4-Seite die Setlists durchsucht. Manchmal muss man eben tief graben nach den Toten Lebenden.

Ein dreiviertel Jahr später: Voodoo Jürgens Debutalbum „Ansa Woar“ erreichte mittlerweile Platz 1 in den Ö3 Austria Top 40 (so heißen in der Alpenrepublik die Charts; ein Wunder, dass die noch nicht in RedBull Top 40 umbenannt wurden) und der Herr tourt durch Deutschland. Ende 2016 war er in der Manufaktur und heute Abend ist er zusammen mit Problembär-Labelkollege und gefeiertem Vorreiter der Austropopwelle (den Begriff wird er hassen) Nino aus Wien bei den Popfreaks im Merlin. Das Publikum hier kennt sich aus. Das Konzert war im Vorverkauf bereits ausverkauft, uns so bekommen 250 Zuhörer die volle Ladung Schlagobers auf die Ohren. Solch billigen Klischeekram sollte man sich eigentlich als Autor verkneifen, geht aber schwer bei einem dreistündigen Doppelkonzert im Wiener Dialekt.

Konzertbericht: POPFREAKS: VOODOO JÜRGENS, DER NINO AUS WIEN, 15.01.2017, Merlin, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Du Oasch, host ma die Freindin ausgsponnt, i verzeih da ned, na…

Der Nino aus Wien begleitet sich selbst mit einer Akustikgitarre und lässt sich begleiten von einer Elektrogitarre. Die spielt sich nicht selbst, sondern von seiner Begleitung. In getragenem Tempo mäandrieren seine Texte um Gott und die Welt die Liebe und Wien, es sind Geschichten, die keinen richtigen Anfang und kein richtiges Ende haben, sie erzeugen vielmehr eine melancholisch humorvolle Atmosphäre. Der Nino, eigentlich Nino Mandl, erweckt mit seiner Kunst das Wienerlied zu neuem Leben. Freie Assoziation: Leichtlebigkeit und Vergänglichkeit, untergegangene K.u.K.-Monarchie, Hans Moser und Sachertorte. Aber bei Nino geht es um das heutige Wien, deshalb erwischt er seine fremdgehende Freundin auch beim Chinesen und nicht in der Beisl:

I hob eich beide dawischt beim Chinesen
Du Oasch! Die Klara is meine, ned deine!
Und zum zerteiln is zu schod.

Sein Dialekt sei so etwa vierter Bezirk. Alben hat er sechs in den letzten neun Jahren veröffentlicht, ein oalda Hoas möchte man meinen. Weit gefehlt, er wird dieses Jahr 30.

Konzertbericht: POPFREAKS: VOODOO JÜRGENS, DER NINO AUS WIEN, 15.01.2017, Merlin, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Wuon di Schiarchn schena wern

Ganz klar, dialektmäßig fünfzehnter Bezirk, Voodoo Jürgens (eigentlich David Öllerer) beglückt uns auf seiner Konzertgitarre mit einfachen Liedermacher-Tunes, die er gelegentlich durch die Loopstation jagt und abspielt. Der feine Herr lässt die Technik arbeiten, das verschafft ihm die Möglichkeit, seine Geschichten beinahe theaterhaft auszuagieren, wie z. B. beim Song „3 Gschichtn Ausn Cafe Fesch“. Uns Zuhörern verschafft er ebenfalls Arbeit. Die biologische Googletranslation lassen die Hirnwindungen glühen – will sagen: Sein Wiener Dialekt ist teilweise nur schwer dechiffierbar, dafür umso schöner.

Zwischen Zuckerbude und Kadaverfabrik, wos siaßld oda noch hinige Viecha riacht.
Wo de Kinda in da Fruah ins Bushittl schlatzn und a Meubal noch da ondaren hatzn.

Zwischenzeitlich muss ich an die Comedians Eure Mütter denken, die in ihrem „Lied für Österreich (Wiara söb’n Marieh)“ sinnfreies Östereichisch singen: Mogst’n Doden sitten verkutten? Das ist extrem komisch. Palfrader und Ofczarek machen übrigens das gleiche mit Hochdeutsch in der grotesken Satireserie Boͤsterreich. Genauso komisch.

Weiter geht´s mit „Heite grob ma Tote aus“. Das wird als Singer/Songwriter-Dub zum Besten gegeben, und der Haußmanns Michel, unser heutiger Knipser vom Dienst, meint trocken: Klingt wie Lemon Tree. Und da hat er sehr recht, und das Merlin singt mit und alle freuen sich. Bester Pop.

Konzertbericht: POPFREAKS: VOODOO JÜRGENS, DER NINO AUS WIEN, 15.01.2017, Merlin, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Nach einer Pause sowie Ninos und Voodoos zweitem Set hat die Geisterstunde angefangen und die beiden geben eine furiose Zugabe im Duett: Wolfgang Ambros‘ „Du schwoaza Afghane“. Kommentar Knipser Haußmann: Indie-Ballermann.

Die Österreicher wissen einfach, wo es langgeht. Sei es im Film (Uli „Im Keller“ Seidl), im Fernsehen (David „Braunschlag“ Schalko) oder in der Musik wie Abend heute erlebt.

Dös wua a leiwand Nuocht mit eich, Nino und Voodoo!

PS: Wolfgang Ambros spielt am 28.03.2017 im Theaterhaus.

Der Nino aus Wien

Voodoo Jürgens

Ein Gedanke zu „POPFREAKS: VOODOO JÜRGENS, DER NINO AUS WIEN, 15.01.2017, Merlin, Stuttgart

  • 19. Januar 2017 um 11:43
    Permalink

    Sehr schöner Text!
    Beim Intro von „Heite grob ma Tote aus“ musste ich tatsächlich ebenfalls an das Intro von „Lemon Tree“ denken.

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