JENS BALZER, 12.01.2017, Manufaktur, Schorndorf

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Foto: Niko

Rihanna, Justin Bieber, Beyoncé. Rammstein, Freiwild, Bushido. Helene Fischer, Art Garfunkel und Unheilig. Eine irre Aufzählung, später mehr dazu.

Ach, hatte ich noch zu Beginn der Lesung von Musikjournalist und Popkritiker Jens Balzer in der Manu gedacht, das ist ja eigentlich ganz witzig, mal so eine Beschreibung eines Konzerts von Helene Fischer. Aus der Neugier für Fremdartiges heraus lausche ich seiner Schilderung, die einen bizarren Auftritt der Helene in der Berliner O2 World beschreibt, bei dem sie, auf einer goldenen Gans reitend, ein Cover von Céline Dions „My Heart Will Go On“ singt. Spannend, denke ich noch, bei dem Konzert wäre ich irgendwie auch gerne gewesen. Nur um mal zu gucken. Es folgen weitere Konzerterlebnisse aus seinem letztes Jahr erschienenen Buch Pop – Ein Panorama der Gegenwart, hauptsächlich von Berliner Konzerten.

Mit fortschreitender Zeit schleicht sich bei mir aber tatsächlich ein bisschen Mitleid mit dem armen Kerl ein. Was für ein schrecklicher Beruf denke ich, bei dem man ständig zu diesen Großevents tigern muss, auch noch immer in diesen Riesenhallen. Das mag ja ein, zwei mal, aus einem Interesse für das Bizarre heraus, ganz lustig sein, aber ständig? Siehe die Liste am Anfang, und das sind nur einige der Konzerte, die im Buch vorkommen, und wahrscheinlich steht im Buch nur ein kleiner Teil der Konzerte, die Balzer über Jahrzehnte besucht hat. Vielleicht ist das Buch also eine Art Traumatherapie, indem er sich das ganze Plastik-Roboter-Geschranze, das ihm über die Jahre um die Ohren gehauen wurde, von der Seele geschrieben hat? Auch, weil nur wenige Kapitel, aus denen Balzer vorträgt, ein gutes Haar an dem jeweils besprochenen Künstler lassen. Klar, denn es macht wesentlich mehr Spaß, den launigen Verriss eines Celine-Dion-Konzerts zu lesen („bizarre Billigkeit“), als über den Gig eines unbekannten Alternative-Grime-Dubstep-Künstlers, den keiner kennt.

Dennoch stelle ich schnell fest: Mitleid muss man mit Balzer wegen seiner Berufswahl keines haben. Genussvoll, mit fast masochistischer Freude immer neue absurde Auswüchse des Business betrachtend, kämpft er sich durch den Sumpf des hyperkommerziellen Popzirkus. Beschreibt nicht nur Konzerte, sondern analysiert vor allem spannend die jüngere Popgeschichte vor allem vor dem Hintergrund von sich wandelnden Geschlechterbildern. Sex als große Klammer, die das Popgeschäft zusammenhält. Vom Dicke-Hose-Rock der Siebziger und Achtziger, den Superstars, die ein unerreichbar geiles Leben führen, über den tragischen Übergangsheld Kurt Cobain bis hin zum Ende des „heroischen Rock-Maskulinismus“, das er an einem niederträchtig schlechten Gig der „Strokes“ in der Coumbiahalle anno 2002 festmacht. Danach der Turn zu tragischen Männerfiguren wie Doherty, dem Spiel mit Rollenklischees etwa bei Rammstein oder Lady Gaga, der verklemmten Freiwild-Rhetorik, bei der Sex vollständig durch Hass ersetzt wird.

Klar wird auch, dass Balzer echtes Herzblut für Musik aller Arten mitbringt. Man muss ihm eigentlich dankbar für dieses Buch sein, denn so ein profundes, über unzählige Abende hinweg erworbenes Wissen in Sachen großartige vs. Scheißkonzerte dürften nicht viele Menschen in Deutschland besitzen, noch weniger könnten es so unterhaltsam aufschreiben.

Eigentlich, und so kommt es ganz zum Schluss heraus, ist Balzer wohl ein hoffnungsloser Romancier. Fast sehnsüchtig seine Schilderung im letzten Buchkapitel: er verlässt nach wenigen Songs ein Rammstein-Konzert in der von ihm konsequent „Mehrzweckhalle am Ostbahnhof“ genannten O2-World (heute Mercedes-Benz-Arena), um hinüber ins Berghain zu einem Gig von Gang Gang Dance zu laufen. Der Vergleich dieser beiden Orte fällt deutlich zugunsten des Berghain aus. Nur dort, in dem Club in einem ehemaligen Kraftwerk, könne sich der Besucher noch frei und ungezwungen bewegen und sich selbst, die Musik und die tanzende Masse feiern. Um das in der heutigen Zeit überhaupt noch möglich zu machen, seien jedoch jene strenge Auflagen und Verbote nötig, die dort herrschen. Denn wo könne man heute eigentlich noch ungestört feiern, ohne ständig befürchten zu müssen, dass man beim Tanzen, Saufen, Pinkeln oder Rummachen gefilmt oder fotografiert wird und am nächsten Tag zerfeiert auf Facebook-Fotos auftaucht? Mit diesem fast melancholischen Gedanken endet Balzers Lesung.

Dringend muss ich aber noch eine Frage nach der Lesung loswerden: Herr Balzer, gibt es eigentlich auch Pop-Acts, die Sie gut finden? Also nicht nur aus einem beruflichen Interesse heraus berichtenswert, sondern privat, zuhause? Was läuft bei Balzers in der Playlist? Windet sich ein bisschen, würde wahrscheinlich lieber irgendwelche Namen mit mehr Street Credibility nennen. Aber dann doch: Beyoncé (die ganz alten und die ganz neuen Sachen), das neue Tribe Called Quest-Album, Solange.

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