UNTER MEINEM BETT 2, 08.01.2017, Fabrik, Hamburg

UNTER MEINEM BETT 2, 08.01.2017, Fabrik, Hamburg

Foto: X-tof Hoyer

Um halbdrei stehe ich vor der Fabrik in Hamburg und überlege mir, ob ich da jetzt wirklich reingehen soll. Ein Konzert mit Kinderliedern liegt vor mir, mein Autoren-Team ist krank und ich habe nicht mal eine vernünftige Kamera dabei. Dann frage ich mich, wozu ich sonst die 800 km von Stuttgart angereist bin, gebe mir einen Ruck und stelle mich in die Schlange zwischen all den Kindern und ihren Eltern. Drinnen schaue ich mich noch etwas um und schon steht Bernd Begemann auf der Bühne und beginnt das Konzert. Die Band heute Abend hat noch gar keinen Namen und wird von ihm spontan als „Unter meinem Bett 2 Allstars Band“ getauft. Dass es keines der Konzerte wird, die ich sonst zigfach jeden Monat erlebe, lässt Belinda erahnen; das ist seine Tochter, die bei seiner Interpretation von „Eine Cola soll es sein“ von der Liga der gewöhnlichen Gentlemen mitsingt. Im weiteren Verlauf wird sie ihren Vater auch bei jeder der kommenden Ansagen unterstützen.

Während Lisa Bassenge „Andersrum“ und „Schweinehund“ singt, versuche ich einen Platz zum Fotografieren zu finden, bei dem ich keinem Kind im Weg stehe, aber trotzdem noch was sehe, es ist aber fast unmöglich.

Deniz Jaspersen räumt in seinem Lied „Was der Papa sagt“ mit den ganzen „Erwachsenen-Argumenten“ auf. Bei allen hier anwesenden Kindern wird ein reduzierter Fernseh-/Handygebrauch nicht mehr mit „viereckigen Augen“ zu argumentieren sein, ebenso wird heute Abend sicherlich wild geschielt, da ja nun alle anwesenden Kinder wissen, dass die Augen gar nicht „so stehenbleiben“ können. Sein „Liebeslied an die Erde“ werden sie hoffentlich ebenso verinnerlichen und ihr zukünftiges Handeln danach richten.

UNTER MEINEM BETT 2, 08.01.2017, Fabrik, Hamburg

Foto: X-tof Hoyer

Nun steht Die Höchste Eisenbahn auf der Bühne, auch sie werden von (ihren?) Kinder unterstützt. Während sie ihre Ansage zum „Der Tee von Eugenia“ machen, wird es den ersten Kindern aus dem Publikum zu langweilig und sie zählen selbstständig „1, 2, 3, 4“ ein. Die Band versteht dieses Signal, aber ist nicht ganz so spontan. Daher bitten sie die Kinder darum, nochmals einzuzählen und fangen mit diesem Lied von der ersten „Unter meinem Bett“-Platte an. Das zweite Lied widmet Moritz Krämer augenzwinkernd auf der Bühne seinem Bandkollegen Francesco Wilking: „Gib nicht so an“

Als nächstes sollte Cäthe auf die Bühne kommen, allerdings ist sie krank, gestern in Berlin habe sie noch „performed, abgeliefert, delivered – wie wir Musiker so sagen“; der Wortschatz der meisten Kinder wurde vermutlich gerade etwas erweitert. Ihr Lied „Fahrradfahren“ wird nun eben von der höchsten Eisenbahn gespielt (oder ist das sogar schon ein Cover?), natürlich immer noch mit Unterstützung zweier Kinder auf der Bühne. Mir sagt das Thema sofort zu, schließlich will ich auch oft einfach nur Fahrradfahren! Ich erinnere mich wieder an ihr Konzert im März in Stuttgart (wir berichteten), als sie einen Gürtel aus einem Fahrradmantel trug und ihr Schlagzeuger ein T-Shirt mit dem Spruch: „Es gibt kein Problem, für das das Fahrrad nicht Teil der Lösung ist“

Bevor es in die Pause geht, spielen Locas in Love „Von hier oben“ und „Du suchst an den falschen Orten nach Liebe“. In der Pause dürfen natürlich alle Kinder Cola trinken; hier und da spielen sich kleine Dramen um das verschüttete schwarze Gold ab. Ganz anders als bei Konzerten für Erwachsene geht es auf die Minute pünktlich weiter! Bernd Begemann steht wieder mit Belinda auf der Bühne. Während er noch probiert, ohne explizite Mitmach-Ansage die Kinder zum Mitmachen zu motivieren, fällt ihm Belinda ins Wort: „die machen nicht mit!“. Das stimmt in dem Moment, wenn man sie jedoch direkt dazu auffordert, machen sie in der Tat mit!

Bernd Begemann versucht, die Kinder damit zu motivieren, dass er tanzen wird, wenn sie gut klatschen. Belinda dreht sich demonstrativ weg, sie will ihren Vater nicht tanzen sehen. Was natürlich zu einem kleinen Disput auf der Bühne führt – der Vater will tanzen und seinen Spaß haben, die Tochter findet das peinlich und will genau das nicht sehen. Er könnte hier seine Entertainer-Fähigkeiten voll ausspielen und die Menge für sich gewinnen. Das probiert er kurz, indem er allen Eltern einen Freifahrtschein fürs Tanzen oder sonstige Spaß-haben-Aktionen vor ihren Kindern ausstellt. Die kleine Schrei-Schlacht, wer nun lauter ist – Eltern, die Spaß haben wollen oder Kinder, die das nicht sehen wollen – geht für meine Ohren unentschieden aus. Offenbar wurde nun genug ohne Instrumente gealbert, jetzt wird das Gnu-Lied gesungen.

UNTER MEINEM BETT 2, 08.01.2017, Fabrik, Hamburg

Foto: X-tof Hoyer

Danach lässt er ungewollt seine Tochter auflaufen, indem sie offenbar unabgesprochen den nächsten Künstler ansagen soll. Als Entschuldigung bietet er ihr an: „Tritt mich!“ Sie nimmt zwar nur zögerlich, aber dennoch an. Im weiteren Gespräch weiß auch Bernd mal etwas nicht und muss sich nun die selbe Frage im selben vorwurfsvollen Ton von ihr gefallen lassen, ob er denn nicht vorbereitet sei?
Eines ist klar, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Über äußerliche Ähnlichkeiten kann man streiten, aber eines ist klar: in dieser Familie ist das Rampensau-Gen definitiv vererbt worden.

Albrecht Schrader singt „Ich und die anderen“ und bemerkt in seiner Ansage zu „Großstadt“, dass sie gestern in Berlin waren, wo er auch wohne. Dies wird doch tatsächlich mit einem leichten Buhen im – erwachsenen – Publikum quittiert. Jetzt kommt Enno Bunger, der mit Sarah das Stachelschwein-Lied singt. Sein zweites Lied ist „Regen“, mit der Ansage, dass man selbst an traurigen Regentagen noch etwas Positives sehen kann und auch genau dies immer tun sollte.

Im letzten Block kommen die „großen Stars“ auf die Bühne. Zuerst Bela B, der zusammen mit Peta Devlin in einem goldenen Glitzeranzug und Zylinder auftritt.

Weihnachten ist vorbei, aber Glitzer geht immer!

Er erzählt die Geschichte von den drei kleinen Schweinchen. Als er mal einen Fehler einbaut, wird er prompt von den Kindern korrigiert. Er fragt erst noch nach, ob da etwa ein Klugscheißer im Publikum sei, scheint daran jedoch Gefallen gefunden zu haben und phantasiert diese Geschichte wild weiter – um bei jedem neuen Unfug ein lautstarkes „NAAHIIN!“ von den Kindern zu bekommen.
Sein zweites Lied kann er nicht gleich anfangen, nutzt die Gelegenheit jedoch gekonnt für allgemeine Weiterbildung: „Technische Probleme überspielt man mit einem Lächeln, lernt das von einem Profi!“
Immer noch im „Große-Stars-Block“ wird nun Das Bo angekündigt. Bernd Begemann versucht ihn mit „er ist noch sonderbarer als ….“ anzukündigen, ihm fällt aber nicht schnell genug ein passender Vergleich ein. Belinda springt natürlich gerne spontan ein und vervollständigt den Satz mit „…. Du!“

Das Bo spielt verwundert, dass er hier Kinder erwartet hätte und keine kleinen Erwachsenen, die brav und ordentlich da säßen. Natürlich veranstaltet er sogleich ein großes Schreikonzert, Kinder sind ein dankbares Publikum dafür – wenn man sie auffordert, lauter zu schreien, dann machen sie das auch. Und das kann man mehrmals steigern. Bei „normalen“ Konzerten enden solche Mitmach-Teile gerne mal peinlich, hier ist das Gegenteil der Fall. Da er, im Gegensatz zu Enno Bunger, eher am anderen Ende der Gefühlswelt zuhause sei, stimmt er unter „High Fives“ in den ersten Reihen „Quatschmachen und Schlapplachen“ an. Er fordert noch einen „Applaus für die Eltern, dass sie Euch gemacht haben“ und spielt für sie noch „türlich türlich, sicher digger!“ Die Zeile mit „ihr wisst, dass bei dem ganzen Brei ich Kindern….“ singt er vor diesem Publikum nicht zuende.

Am Ende sind nochmal alle auf der Bühne, singen das „Unter meinem Bett“ Lied und fordern jeden Musiker auf, ein Solo beizusteuern, bevor Bernd Begemann mit der Aufforderung: „Eltern, seid nett zu den Kindern. Kinder seid lieb zu euren Eltern!“ das Konzert nach zweieinhalb Stunden beendet. Es ist 17:30. So früh habe ich noch nie ein Konzert verlassen und frage mich dabei, wieso es eigentlich so lange gedauert hat, bis es endlich mal neue und coole Kinderlieder gibt. Ich hätte mich als Kind sicherlich noch viel mehr als heute darüber gefreut.

UNTER MEINEM BETT 2, 08.01.2017, Fabrik, Hamburg

Foto: X-tof Hoyer

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