ENNO BUNGER, SARAH & JULIAN, 08.12.2016, Merlin, Stuttgart

Konzertbericht: ENNO BUNGER, SARAH & JULIAN, am 08.12.2016 im Merlin, Stuttgart

Foto: Armin Kübler

Dass das Merlin schon längst eines meiner musikalischen Wohnzimmer ist, dürfte kein Geheimnis sein. Umso erfreulicher, dass es mit Enno Bunger und Sarah & Julian zwei Acts auf die Bühne bringt, die ich beide schon in einem tatsächlichen Wohnzimmer gesehen haben und ich mich nun (für den direkten Vergleich) auf die große Show auf einer richtigen Bühne freue. Bunger kündigt höchstpersönlich seine Support-Band mit warmen Worten an. Ein sympathischer Zug, den sich andere Künstler gerne abschauen dürfen. Wie das im allgemeinen sonst so mit Vorbands ist und warum er dann doch nicht im Vorprogramm von Nena gespielt hat, darüber verliert er gleich auch noch ein paar humorvolle Anekdoten und schon ist die perfekte Stimmung geschaffen für Sarah & Julian.

Konzertbericht: ENNO BUNGER, SARAH & JULIAN, am 08.12.2016 im Merlin, Stuttgart

Foto: Armin Kübler

Als ich die Geschwister Sarah & Julian vor zwei Jahren gesehen habe, trugen sie noch ihren Familiennamen Muldoon im Bandnamen und verzauberten uns mit ihrem nicht immer ganz perfekt, aber erfrischend unbekümmert vorgetragenen Folk-Pop. Was haben wir uns damals gewünscht, dass sie mit ihrer Musik doch Erfolg haben mögen. Und siehe da: Dieser Wunsch ist in Erfüllung gegangen. Ein Label wurde gefunden, bei Balthazar, Tocotronic, Gisbert zu Knyphausen haben sie Support gemacht und viel Live-Erfahrung gewonnen. Frappierend, wie souverän die beiden heute auf der Bühne stehen. Schöne Melodien und einschmeichelnder zweistimmiger Gesang. Folk-Pop vom Feinsten. Und das schönste: Ihre sympathische Unbekümmertheit und Frische haben sie sich – trotz der unübersehbaren Professionalisierung – erhalten.

Konzertbericht: ENNO BUNGER, SARAH & JULIAN, am 08.12.2016 im Merlin, Stuttgart

Foto: Armin Kübler

Enno Bunger und das Merlin sind inzwischen alte Bekannte. Die wohl heftigste und längste Aftershow-Party gehe auf sein Konto, hört man. Bei der Feier des Merlin-Jubiläums hat er ebenfalls gespielt. (Der Verriss eines Bloggers von diesem Auftritt habe ihn übrigens traurig gemacht. Aber letztlich sage dieser Text dann doch mehr über den Autor als über das Konzert, bemerkt Bunger süffisant.) Kurzum, dies ist ein Heimspiel für den sympathischen Ostfriesen. Ein ausverkauftes natürlich. Das Publikum übrigens überwiegend weiblich. Und das liegt sicher nicht nur daran, dass er viele sehr emotionale Liebeslieder im Repertoire hat, er ist auch ein geistreicher – und vor allem äußerst humorvoller – Entertainer. Aus dem Kontrast zwischen seinen meist melancholischen Beziehungs- und Trennungsliedern und den urkomischen Bemerkungen zwischen den Songs bezieht der Auftritt seinen ganzen Reiz. Sein erklärtes Ziel sei es, uns so richtig runterzuziehen.

Konzertbericht: ENNO BUNGER, SARAH & JULIAN, am 08.12.2016 im Merlin, Stuttgart

Foto: Armin Kübler

Einen großen Teil des Abends bestreitet er mit seinem Album „Flüssiges Glück“, sein brillantes Pianospiel wird ergänzt durch sparsame Gitarren-Akzente seines Sandkasten-Freundes Onno Dreier und das Schlagzeug von Florian Wienczny. Diesen haben wir doch erst kürzlich erst bei Hundreds gesehen? Und tatsächlich: Er ist nur als Ersatzmann für den Stammdrummer Nils Dietrich dabei. Macht seinen Job allerdings derart gut, dass er mit einem dicken Sonderapplaus bedacht wird.

Konzertbericht: ENNO BUNGER, SARAH & JULIAN, am 08.12.2016 im Merlin, Stuttgart

Foto: Armin Kübler

Um ehrlich zu sein: Die vielen Beziehungslieder, insbesondere die vom Trennungsalbum „Wir sind vorbei“ erzielen bei mir durchaus den gewünschten Effekt und ziehen runter. Insgesamt wird mir der Gig zu gefühlig, da ist mir Bunger fast zu lieb. Aber er kann auch anders. Die stärksten Momente hat das Konzert für mich immer dann, wenn es mal nicht um Zwischenmenschliches, sondern um Gesellschaftliches geht. Sein Zehn-Minuten-Werk „Hamburg“ ist nicht nur ein präzis beobachtetes Stadtpanorama und wortgewaltiges Stück Sprechgesang, es endet auch in einem fast fünfminütigem, opulenten Instrumentalteil, der echte Dancefloor-Qualitäten hat.

Willst du eine Bleibe haben, folge einem Leichenwagen.

Konzertbericht: ENNO BUNGER, SARAH & JULIAN, am 08.12.2016 im Merlin, Stuttgart

Foto: Armin Kübler

Der Höhepunkt des Abends ist aber ganz klar „Wo bleiben die Beschwerden?“, eine messerscharfe Beschreibung all der schlimmen Auswüchse der bleiernen Merkel-Republik. Und ein flammender Aufruf zum Widerstand gegen Ausländerfeindlichkeit und das Einstehen für Demokratie und Menschenwürde.

Wir können was dafür, wenn wir nichts dagegen tun.

Eine Positionierung, die wir – in Zeiten wir diesen – in dieser Deutlichkeit, Relevanz und künstlerischen Qualität hoffentlich noch von vielen Künstlern zu hören bekommen.

Enno Bunger

Sarah & Julian

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.