DIE AERONAUTEN, STRAGULA, 03.12.2016, Goldmark’s Stuttgart

DIE AERONAUTEN, STRAGULA, 03.12.2016, Goldmark's Stuttgart

Foto: Steffen Schmid

„Das nächste Lied verstehen nur Leute, die seit dreißig Jahren in einer Punkrockband spielen – zum Beispiel bei den Sumpfpäpsten.“ Der Aeronauten-Sänger Guz schmunzelt: „Ich kenne die sogar persönlich.“ Wissendes Grinsen und freundliches Lachen im Publikum, schließlich hat das Reutlinger Sumpfpäpste-Urgestein Rod Schneller den Abend gerade wie bereits im vergangenen Jahr mit seinem herrlichen Trash-Projekt Stragula eröffnet. Holger fasste damals knapp zusammen: „Auf historischen Billig-Synthesizern produzieren sie Lo-Fi-Trash-Versionen berühmter Party-Klopper. Der Auftritt ist optisch und musikalisch, ähm, nunja, zumindest bemerkenswert.“ Dass das als absolutes Kompliment gemeint war, bewiesen weitere Zeilen – und mir nun auch das Live-Erlebnis. Denn ein Erlebnis ist es.

DIE AERONAUTEN, STRAGULA, 03.12.2016, Goldmark's Stuttgart

Foto: Steffen Schmid

Gemeinsam mit der hinter einem Witwenschleier versteckten Mrs. Free singt und spielt sich Schneller als Bühnen-Alter-Ego Stragmann an Orgel und Keyboards durch den popmusikalischen Kanon, während der Schlagzeuger und der Gitarrist im Hintergrund einen rumpelnden Rhythmus spielen. Zu billigsten Electro-Beats dekonstruiert man Klassiker von Morricones „The Good, The Bad & The Ugly“ und Johnny Cash Standards bis hin zu Jeanettes „Porqué te vas?“ . Das ist mitunter schmerzhaft wie bei Jefferson Airplanes „White Rabbit“, aber in den meisten Fällen einfach großartig. Was wünschte ich, Radiohead könnten „Creep“ mit ähnlicher Nonchalance aufführen! Dem Publikum gefällt das selbstredend auch. Es lacht und tanzt und singt. In Fußballstadien der Welt tot gebrülltes wie „Seven Nation Army“ wird als Reggae mit Tangobeat zu neuem Leben erweckt. Manch einer schaut skeptisch, aber lautstarke „Weiter“-Rufe am Ende sprechen Bände – ebenso wie Guz, der in Lederjacke in der ersten Reihe steht, Fotos macht, filmt und zufrieden grinst. Es gibt – für eine Vorband ungewöhnlich genug – Zugaben.

DIE AERONAUTEN, STRAGULA, 03.12.2016, Goldmark's Stuttgart

Foto: Steffen Schmid

Die Aeronauten sind freilich selbst alles andere als gewöhnlich. Seit 25 Jahre sorgt das Schweizer Sixtett vom Hochrhein mit seinem Soul-Rock zwischen Mod und Punk in Szenekreisen für Begeisterung. Als Guz und seine fünf Mitstreiter das Publikum mit einem alles einnehmenden Northern-Soul-Mod-Groove mit funkigen Gitarren und fetten Bläsern begrüßen, weiß man auch sofort wieso. Die Eröffnung „Schaffhausen Calling“ vereint alles, was den Aeronauten-Sound ausmacht. Entsprechend ist das Goldmark’s gut besucht und das Publikum schnell auf Touren; die Band sowieso. Fast zwei Stunden inklusive mehrerer Zugaben liegen vor den Zuschauern. Gefüllt werden sie von Songs, deren schwächsten besser sind, als alles, was Die Ärzte in den letzten zwanzig Jahren zustande gebracht haben, und zu deren schönsten „Männer“, „Schuldigung“, „Gegen alles“ oder „Freundin“ gehören.

DIE AERONAUTEN, STRAGULA, 03.12.2016, Goldmark's Stuttgart

Foto: Steffen Schmid

Guz klingt mal wie Carsten Friedrichs (Superpunk / Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen), mal wie Udo Lindenberg, während er über die wirklich wichtigen Dinge sinniert: „Meine Freunde sagen mir / ich solle mit ihnen gehen / sie schlagen die Faschisten / und ficken das System / sie schreiben überall Sachen an die Wand / sie hören Musik aus dem Baskenland / doch ich möchte lieber eine Freundin / ich möchte lieber ein Mädchen kennen lernen“. Die mal lakonische, mal zynische, aber doch immer linkspolitische Weltsicht kommt nie plump daher, sondern mit ironischem Augenzwinkern. Das eint Die Aeronauten und die befreundeten Bands von Carsten Friedrichs. Musikalisch ist es allerdings anspruchsvoller. Die Esoterik-Satire „Heinz“ wartet gar mit einer Jethro-Tull-Querflöte auf. „Mach’s gut, Heinz!“ Überhaupt sind die Bläser der fette Trumpf. Hier zeigt sich der Unterschied zwischen Deutsch- und Soul-Rock und der zwischen Punk und Mod. Mit zunehmender Konzertdauer, nehmen die Ska-Einflüsse zu, das kollektive Tanzen und Grölen auch. Der Klassiker „Insel“ gehört sicher zu dem Besten, was ich dieses Jahr live gehört habe. „Ich denke nur an dich“, hört man um sich herum. „Und ich denke nur an dich“. Der Mitgrölfaktor des Punks der frühen Jahre trifft hier auf treibenden Soul. Iggy Pops „The Passenger“-Gefühl, das in „Ottos kleine Hardcore Band“ beschrieben wird, wird hier gelebt, und das verstehen nicht nur Mitglieder alter Punkbands. Die Band verlässt die Bühne, das Publikum singt weiter den „Passenger“-Refrain und die Aeronauten kehren für zahllose Zugaben zurück, bevor DJ Joe Whirlypop die Zuschauer weiter tanzen lässt.

Mit dem Durchbruch hat es für Die Aeronauten auch dieses Jahr nicht geklappt. Dafür habe ich es nach so vielen verpassten Gelegenheiten nun endlich doch einmal auf ein Konzert der Band geschafft – und eines ist klar: Solche Gelegenheiten werde ich nicht mehr auslassen!

DIE AERONAUTEN, STRAGULA, 03.12.2016, Goldmark's Stuttgart

Foto: Steffen Schmid

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