JOHN ALLEN & THE BLACK PAGES, 04.12.2016, 1210, Stuttgart

JOHN ALLEN & THE BLACK PAGES, 04.12.2016, 1210, Stuttgart

Foto: Armin Kübler

Es gibt Tage, an denen sollte man besser kein Konzert veranstalten. An Sonntagen zum Beispiel. Oder an saukalten Dezemberabenden. Auf dem Weg ins Zwölfzehn mache mir deshalb Sorgen: werden sich für den Gig von John Allen, den wir so vollmundig angekündigt haben, außer uns und den Verlosungsgewinnern überhaupt noch andere vom gemütlichen Sofa erheben? Angenehme Überraschung vor Ort: Gut sechzig Besucher haben sich im Zwölfzehn eingefunden, das bei solch unangenehmen Außentemperaturen geradezu kuschelig wirkt.

Ducking Punches, 04.12.2016, 1210, Stuttgart

Foto: Armin Kübler

John Allen haben wir bekanntlich letztes Jahr als Support von Ben Caplan kennengelernt. Ein denkwürdiger Gig, bei dem er solo an Gitarre und Piano beinahe dem markanten Kanadier die Show gestohlen hätte. Und nun ist er, mit seinem aktuellen Album „Ghosts“ im Gepäck, sogar mit kompletter Band unterwegs. Wir sind gespannt. Den Support macht aber erstmal der Engländer Dan Allen alias Ducking Punches. (Ich erinnere mich, ihn schon einmal als Support von Andrew Jackson Djihad im Bonnie & Clyde gesehen zu haben.) Mit knarziger Raspelstimme und ausgeprägt britischem Tonfall erinnert er sofort an Frank Turner und Billy Bragg. Und – ähnlich wie die großen Vorbilder – hat er auch wirklich etwas zu sagen. Besonders berührend ist der Song „Six Years“, der vom Selbstmord eines Freundes handelt. Dass er insgesamt schon vier Bekannte durch diese Todesart verloren habe und dies die häufigste Todesursache unter britischen Männern unter 35 sei, sind verstörende Informationen. Konsequenterweise hat er den Überschuss aus dem Crowdfunding seines letzten Albums an zwei Charity-Projekte gespendet, die sich der Suizid-Prävention widmen. Respekt.

JOHN ALLEN & THE BLACK PAGES, 04.12.2016, 1210, Stuttgart

Foto: Armin Kübler

Zu jeder Rock’n’Roll-Band gehört ein anständiger Gründungsmythos. Bei John Allen ist es eine besonders schöne Anekdote: Frank Turner hat Allen – als er in Hamburg vor dem Knust für die Besucher des Turner-Gigs ein paar Lieder spielte – spontan auf der Mundharmonika begleitet und ihn danach als Support für seine Deutschland-Tour eingeladen. Ein Kickstart für die Musiker-Karriere des jungen Lehrers, die er hier in seiner sympathischen Art erzählt. (Man beachte auch die erstaunliche Wandlung vom braven Jüngling zum wild-zerzausten Rockstar binnen weniger Jahre…)

Allen beginnt sein Set mit „Good Times“, dem Opener des aktuellen Albums. Der sehr solide, mir aber deutlich zu Springsteen’sche Titel bringt sofort Stimmung in den Laden. Vor allem, da die Band mit ordentlich Verve zu Werk geht. Schon der nächste Titel „Two out of Three“ mag mir weit besser gefallen. Rollende Drums, sinistre Stimmung und dazu Allens Kratzestimme. Diese muss allerdings mit Hilfe einiger Tassen Tee („Nicht wirklich Rock’n’Roll, oder?“) immer wieder geölt werden. Die Tour und das Wetter scheinen ihren Tribut zu fordern. Die Ballade „Rain Won’t Change A Thing“ kommt so wunderbar leichtfüßig im Dreivierteltakt daher, dass der Fan-Club junger Damen neben uns hörbar ins Schmachten kommt.

JOHN ALLEN & THE BLACK PAGES, 04.12.2016, 1210, Stuttgart

Foto: Armin Kübler

Wenig später setzt Allen mit einer Solo-Unplugged-Einlage in der Mitte des Publikums noch einen drauf. Keine Frage: das ist ein Musiker, der weiß, wie er sein Publikum packt. Die Höhepunkte des Konzerts sind für mich aber eindeutig „Discovering Ice“, das in einer postrockmäßigen Wall of Sound endet und das Weltuntergangs-Epos „Water Rising“, das auf einem markanten Bass-Ostinato ein Inferno Nick-Cave’scher Wucht entfesselt. Ganz großes Kino. Mit einem locker eingestreuten „Whole Lotta Love“ holt Allen noch die Hard-Rock-Liebhaber ab, bevor er mit seinem Hit „Home“ das Set beschließt.

Die ergreifende Ballade „Famous Last Words“ gibt es als Nachschlag, bevor er sich mit Tom Pettys „American Girl“ vor einem seiner großen Vorbilder verneigt und uns mit viel guter Laune in die kalte Sonntagnacht entlässt. Und mit dem Wunsch, diesen großartigen Musiker mal bei einem Wohnzimmerkonzert erleben zu dürfen.

JOHN ALLEN & THE BLACK PAGES, 04.12.2016, 1210, Stuttgart

Foto: Armin Kübler
John Allen

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