DUCHESS SAYS, 25.11.2016, Komma, Esslingen

DUCHESS SAYS, 25.11.2016, Komma, Esslingen

Foto: Armin Kübler

Gewissenhafte Vorbereitung ist ja das A&O jeder Konzertberichterstattung. Vor allem dann, wenn mir die angekündigte Band komplett unbekannt ist und ich mich blind auf die Geschmackssicherheit des Veranstalters verlasse. Das aktuelle Album hören, Bandpage checken, Youtube nach frischen Konzert-Videos durchforsten. Ein bisschen will ich ja doch wissen, worauf ich mich einlasse. Alles für die Katz: Nichts davon konnte mich auch nur ansatzweise dafür präparieren, was die kanadische Combo Duchess Says gestern im Komma abgezogen hat. Ein Spektakel zwischen Punk, No Wave, Ekstase und kollektiver Durchgeknalltheit!

SEARCH YIU, 25.11.2016, Komma, Esslingen

Foto: Armin Kübler

Dabei fing der Abend eigentlich noch ganz geordnet an: Search Yiu bietet (so das selbstgewählte Genre) „Future R’n’B“. Ich würde es mal vocal-lastiger Indie-Pop mit einer Prise Ambient nennen. Elektronische Basis, dosierte Samples, Tiefbässe und ein elektronisches Minimalschlagzeug. Dazu wohlklingender Gesang, geradezu eingängige Melodien. Wenn dies aus den Zimmern meiner Kids schallen würde, mir würde es zwischen all den R’n’B-Songs tatsächlich nicht auffallen. Dass Search Yiu aka Sören Hochberg aus Landau und aus dem Umfeld von Drangsal und Sizarr kommt, wird einem bei jedem Bericht unter die Nase gerieben. Nötig ist es nicht.

DUCHESS SAYS, 25.11.2016, Komma, Esslingen

Foto: Armin Kübler

Inzwischen haben sich gut 30 Besucher eingefunden und Duchess Says vervollständigen noch kurz das Setup auf der Bühne. Mit „Poubelle“ von ihrem aktuellen Album „Sciences Nouvelles“ eröffnet die Band aus Montreal ihr Set. Fiese Elektronik-Sounds, hart verzerrter Bass und ein knackhartes Schlagzeug sind die Basis. Und vor dieser intensiv arbeitenden Band: Annie-Claude Deschênes, eine Frontfrau, die vom ersten Ton an die Nähe zum Publikum sucht. (Angesichts einer etwa zehn Zentimeter hohen Bühne auch gut machbar)

DUCHESS SAYS, 25.11.2016, Komma, Esslingen

Foto: Armin Kübler

Mit ekstatischen, leicht spastischen Tanzbewegungen und weit aufgerissenen Augen fixiert sie immer wieder einzelne Zuschauer und stellt schon mit dem ersten Song einen intensiven Publikumskontakt her. Dieser synthielastige Elektro-Punk, Duchess Says nennen ihren Stil „Moog Rock“, geht jedenfalls unglaublich in die Beine und schon nach wenigen Minuten ist Bewegung im Laden. Mit „Inertia“ schieben sie gleich einen ähnlich wirksamen Klopper hinterher und schon befindet sich Annie-Claude mitten im Publikum. Dass die in Kanada und im frankophonen Raum recht bekannte Band eigentlich größeres Publikum gewöhnt ist, scheint ihren Spaß aber nicht zu schmälern.

DUCHESS SAYS, 25.11.2016, Komma, Esslingen

Foto: Armin Kübler

Im nächsten Song wird ein Zuschauer als Priester der „Church of Budgerigars“ verkleidet und alle huldigen in einer skurrilen Zeremonie der Kirche der Wellensittiche. (Was sich übrigens im Nachhinein als der Name ihrer Vorgänger-Band entpuppt, aus der sich Duchess Says bereits 2003 gegründet haben.) Der Höhepunkt der Party ist aber noch lange nicht erreicht. Als wenig Songs später eine Plastikplane in den Raum geworfen wird, unter der sich das Publikum versammeln soll, wird aus dem Gig immer mehr eine Performance. Im ohnehin schon mächtig aufgeheizten kleinen Saal entwickelt sich unter der Plane, unter der nun alle knien, während sich Annie-Claude singend und auf dem Boden liegend durchs Publikum räkelt, eine schwüle, schweißtreibende Atmosphäre. In punkto Exaltiertheit kann sich die Kanadierin jedenfalls locker mit Teri Gender Bender oder sogar Peaches messen.

Nach einer knappen Stunde geht für ein euphorisches Publikum ein Gig zu Ende, der mal wieder manifestiert, dass das Komma eine der spannendsten Adressen ist, wenn es darum geht, neue Musik zu entdecken. Und meine Top-10-Konzerte-Liste für 2016, die ich gerade mit viel Mühen fertiggestellt hatte, muss nochmal neu geschrieben werden.

DUCHESS SAYS, 25.11.2016, Komma, Esslingen

Foto: Armin Kübler

Duchess Says

Search Yiu

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