BEGINNER, 23.11.2016, Schleyerhalle, Stuttgart

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Foto: Steffen Schmid

Tiefe Nebelhörner dröhnen. Spotlights erleuchten die Szenerie, ein DJ thront auf einer Pyramide und zwei Männer um die vierzig schreiten über die Bühne. „Was los Digger, ahnma“. Die breitbeinige Geste passt zur Reaktion: „alle sind happy, denn der Testsieger rappt wieder“. Es ist eine große Feier mit der gebührenden Eröffnung. Tausende tanzen, springen und singen ausgelassen gemeinsam: „Wir haben Geburtstag. Heute vor genau 25 Jahren haben wir unseren allerersten Song aufgenommen“, ruft Eizi Eiz alias Jan Delay. „Und die Sonnenbrille, sie ist am Start, Baby / Sie ist der letzte Rest Privatsphäre“. Dass die Beginner ihren Geburtstag ausgerechnet in Stuttgart begehen, ist ein dankbarer Zufall. Stuttgart gilt als Mutterstadt des HipHops und so verwundert es nicht, dass Delay unserer Anja im Stuttgarter-Zeitungs-Gespräch zu Protokoll gibt: „Die Stuttgarter haben Hamburg vorgemacht, wie es gehen kann. Wir waren mit denen befreundet, haben aber schon immer ein bisschen neidisch geschaut.“ Als sie vor drei Jahren ihren Headliner-Auftritt beim Hip-Hop-Open auf dem Cannstatter Wasen aufgrund des Stunden verspäteten Wu-Tang Clans vorverlegen mussten, war die Stimmung dementsprechend mies. Bei der Rückkehr nach Stuttgart verschiebt sich die Gefühlslage. Die Laune ist gut und dem Selbstverständnis der Gruppe angemessen, schließlich muss man sich stets beweisen: „Das war im Hip-Hop schon immer so und wird auch im Jahr 2037 noch so sein. Das ist Hip-Hop. Es geht immer darum, dass man der Derbste ist.“

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Foto: Steffen Schmid

Jetzt stehen Delay, Denyo und DJ Mad mit zwei Backgroundsängerinnen auf der Bühne und haben neben Hits von Klassikern wie „Hammerhart“ bis zu neuen Songs wie „Rap und fette Bässe“ vom aktuellen Album auch ein paar Gäste als Geschenk mitgebracht. Neben Support Act Megaloh sind Torch und Tony L dabei. Die bloße Anwesenheit der Veteranen sorgt für ekstatische Momente im Publikum. Die beiden letztgenannten erfanden mit ihrer einstigen Gruppe Advanced Chemistry den politischen Deutschrap in den 80ern und gelten als Urväter deutschsprachigen HipHops. Ihr jüngst erschienenes erstes Album nach 13 Jahren Studiopause benannten die Beginner nach den stilbildenden Heidelbergern und so sorgen „Wir waren Stars“ und vor allem die Eröffnungszeilen des bis heute relevanten Agitprop-Tracks „Fremd im eigenen Land“ für tosenden Applaus. Seitjeher waren die Beginner immer schon eine politische Gruppe. Das zeigt der Gastauftritt von Advanced Chemistry und zieht sich durch die meisten Texte. Ein klar artikulierte linke Haltung gehört zum Selbstverständnis und ist heute so relevant wie einst. Kurzerhand tauft man den Auftrittsort in „Rudi-Dutschke-Halle“ um.

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Ja, das Konzert ist eben nicht nur eine mal humorvolle mal verklärende Rückschau auf den Deutschrap der 90er, es ist auch stets politischer Ausdruck. Das hilft dabei, dass das Konzert trotz allgegenwärtiger Nostalgie selten langweilig wird. Außerdem sorgen kleine Überraschungen wiederholt für kollektive Euphorie: „Wir lieben diese Stadt hier wirklich sehr, nur eine Stadt lieben wir mehr, nämlich Hamburg“, erklärt Denyo. Aus der Hansestadt hat man dann auch noch einen weiteren Gast mitgebracht, der gehörigen Anteil am Gelingen des Abends hat; Samy Deluxe. Der 38-Jährige rappt seinen Part in „Füchse“ mit zeitloser Nonchalance, kehrt immer wieder zurück und sorgt mit seiner Dynamite Deluxe Kiff-Hymne „Grüne Brille“ für einen großen Höhepunkt. Tatsächlich versinkt die Schleyerhalle in einem dezenten Geruch nach Kräuterzigaretten. Überhaupt werden Genre-Standards gepflegt und mit Klischees augenzwinkernd gespielt. „Alle Hände hoch“, hört man allenthalben und die Zuschauer folgen gern. Das kollektive Glücksgefühl hält fast bis zum Ende des Konzerts an. Nach zwei Stunden und drei Zugabenblocks von je drei Songs neigt sich das Konzert seinem Ende – just in dem Moment als die Langeweile vorsichtig angekrochen kommt.

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