HUNDREDS, 10.11.2016, Im Wizemann, Stuttgart

Konzertbericht: HUNDREDS am 10.11.2016 Im Wizemann, Stuttgart

Foto: Özlem Yavuz

In diesem Jahr, in dem der Brexit nur als zweitgrößte Blödheit in die Geschichte eingehen wird, in dem sich die Gewissheit einstellt, dass die Irren nun endgültig die Klapse übernommen haben, in dem die großen Musikhelden reihenweise wegsterben, in Zeiten wie diesen ist der Wunsch nach etwas Wahrem, Schönen und Guten wohl nur allzu verständlich. Nennt es Eskapismus, ich nenne es Selbstschutz: Wir gönnen uns einen Abend im tröstenden Wohlklang des Duos Hundreds. Und dieser Wunsch wird mehr als erfüllt werden, so viel sei schon verraten.

Konzertbericht: ARPEN am 10.11.2016 Im Wizemann, Stuttgart

Foto: Özlem Yavuz

Vorher hält der Abend aber noch eine schöne Überraschung bereit: Unser alter Wohnzimmer-Freund Arpen spielt im Vorprogramm. Anders als bei dem Home-Gig, wo er als Singer-Songwriter mit altmodischen Bluesnummern und Murder Ballads auftrat, zeigt der äußerst vielseitige Musiker heute seine elektronische Seite. Mit drei Keyboards und in Begleitung eines Drummers präsentiert er einige Titel seines aktuellen Albums „Arpen“. Stilistisch passt dies eigentlich wunderbar zu Hundreds – mal sphärisch, mal beatlastig – und könnte ein feines Warmup darstellen, wenn da nicht dieses unglaublich ignorante Publikum wäre. Es wird derart laut getratscht, dass man selbst in der ersten Reihe Probleme hat, der Musik zu folgen. Die beiden Musiker lassen sich nichts anmerken, spielen tapfer ihr Set zu Ende und bedanken sich sogar noch. Ich hätte volles Verständnis gehabt, wenn sie ihr Programm einfach abgebrochen hätten. Keine Ahnung, warum das Schwätzer-Problem an manchen Locations besonders häufig auftritt. Der kleine Saal des Wizemann, der doch eigentlich optimale Bedingungen für ein etwas größeres Club-Konzert bietet, scheint hierfür besonders anfällig zu sein.

Konzertbericht: HUNDREDS am 10.11.2016 Im Wizemann, Stuttgart

Foto: Özlem Yavuz

Insofern habe ich größte Bedenken, was den Auftritt von Hundreds betrifft. Denn deren Musik, die gerne auch mal ganz leise wird, könnte man damit komplett zerstören. Das Bühnen-Setup besticht durch schlichte Eleganz: drei von unten beleuchtete Podeste für die Musiker, dezent an der Seite platzierte Lichtinstallationen, ein schwarzer Backdrop, keine Monitorboxen, kein Kabelsalat. Links ein beeindruckender Aufbau aus einem Stagepiano und einem knappen Dutzend weiterer Tasteninstrumente und elektronischen Gadgets. Rechts ein Steh-Schlagzeug. Dazu die beiden Herren in schwarzen Anzügen und Sängerin Eva Milsner in einem einfachen schwarzen, rückenfreien Jumpsuit. Und wie immer barfuß. Das mittlere Podest komplett leer mit ausreichend Platz zum Tanzen, den die Sängerin im Laufe des Abends auch nutzen wird. Der Auftritt signalisiert sofort: Diese Band ist in der Profi-Liga angekommen und hat hohe Ansprüche. Vielleicht ist dies auch ein Grund, warum sich mit dem Betreten der Bühne (glücklicherweise) die gewünschte Ruhe im Saal einstellt.

Natürlich steht das eine Woche vorher erschienene Album „Wilderness“ auf dem Programm. Erster Eindruck: etwas sperriger als die Vorgängeralben, sehr vielfältig, teils symphonisch, teils poppig und tanzbar. Und genau so abwechslungsreich gestaltet sich das Programm. Keyboarder Philipp Milsner entlockt seinem Klanglabor immer wieder überraschende Sounds und begeistert mit seinem zurückhaltenden und eleganten Pianospiel.

Konzertbericht: HUNDREDS am 10.11.2016 Im Wizemann, Stuttgart

Foto: Özlem Yavuz

Untermalt wird das ganze von einer perfekt durchkomponierten Lightshow und schicken, meist schwarz-weißen Visuals. Keine Frage: Dieses Konzert ist konsequent durchkonzipiert und scheint sich von dem letzten, das vor ziemlich genau einem Jahr in der Manufaktur stattfand, doch deutlich zu unterscheiden. Und es funktioniert perfekt. Der Wechsel zwischen ruhigen Balladen und dynamischen Tanznummern wird mit verschiedenen Lichtstimmungen untermalt, die markante Sängerin immer wieder perfekt in Szene gesetzt.

Nach einer guten Stunde verabschiedet sich die Band, wird aber von einem völlig begeisterten Publikum nochmal zu einer Zugabe herausgeklatscht. Diese besteht aus nur einem Titel und setzt ein Ausrufezeichen an das Ende eines rundherum großartigen Konzerts. Und bevor auch nur der Wunsch nach einer weiteren Zugabe geäußert werden kann – viele vermissen noch das Black-Cover „Wonderful Life“ – geht die Saalmusik an. Und das ist nur zu verständlich: Eine Band mit diesem Anspruch möchte sicher nicht, dass die Zuschauer mit der Melodie eines anderen Künstlers nach Hause gehen.

Konzertbericht: HUNDREDS am 10.11.2016 Im Wizemann, Stuttgart

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