NEW FALL FESTIVAL: AGNES OBEL, FRANCES, 30.10.2016, Liederhalle, Stuttgart

Konzertbericht: New Fall Festival Stuttgart - Agnes Obel und Frances, 30.10.2016, Liederhalle Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Es gibt ein neues Festival, alle gehen hin, sprechen drüber, ich hab’s nicht mitbekommen und mir ist es eigentlich Wurscht. Trotzdem müssen wir drüber reden. Musik in Stuttgart ist schließlich eines meiner Lieblingsthemen und ebenso aller derjenigen, die hier mitschreiben und mitlesen. Ich muss jedoch jetzt erstmal meckern. Wer heute nix Negatives lesen will, springt einfach zur Konzertbesprechung weiter, da schreib ich nur noch Gutes – fest versprochen! Das New Fall Festival kommt aus Düsseldorf und findet dieses Jahr zum ersten Mal zeitgleich in der nordrhein-westfälischen und der baden-württembergischen Landeshauptstadt statt. Als ich die Programmzeitung aufschlage, begrüßt mich unser schwarzgrüner Oberbürgermeister und schreibt, dass er das Festival ganz dufte findet. Ehrlich gesagt vertraue ich bei Musikempfehlungen lieber ganz anderen lokalen Fachleuten. Hätten mich beispielsweise an dieser Stelle fachkundige Stuttgarter Plattenhändler oder andere MusikauskennerInen zum Kauf eines Konzerttickets animiert, so wäre ich eher überzeugt gewesen. Kuhn schreibt im Vorwort:

„Dass zwei Landeshauptstädte, die in etwa gleich groß sind, hier nun etwas Gemeinsames haben, freut mich.“

Ich weiß nicht, wie es Euch geht. Ich kann mich wie unser OB ebenfalls vor Freude kaum beruhigen. In Düsseldorf und Stuttgart gibt’s Konzerte – Bockstark! Auf der gleichen Seite werden wir StuttgarterInnen auch von Festivalleiter Hamed Shahi begrüßt:

„Live-Acts wie Regina Spektor, Wilco oder Agnes Obel spielen nicht automatisch in dieser Stadt. […] Konzertorte wie der Beethoven-, Hegel- oder Mozart-Saal passen perfekt zum Qualitätsanspruch unseres Festivals, akustisch wie architektonisch.“

Diese Aussagen kann ich persönlich nun nicht ohne Murren schlucken. Von den neun Konzerten, die in Stuttgart im Rahmen des Festivals stattfinden, könnte Herr Shahi auf den Seiten des gig-blogs erfahren, dass es fünf von ihnen natürlich schon in Stuttgart gegeben hat. Wanda sind im letzten Jahr sogar dreimal hier gewesen, dass ich mich eher frage, welche Schlafmützen und Möchtegern-Trendsetter gehen denn da immer noch hin? Konzertstädte gegeneinander ausspielen ist kein guter Stil. Ich frag ja auch nicht, wann Bootsy Collins das letzte Mal in Düsseldorf aufgetreten ist und ob Angel Haze da überhaupt schon jemals war. So was ist doch kindisch! Dass das Festival an akustisch und architektonisch besonderen Orten stattfindet, stimmt zwar schon, nur sind das halt Orte an denen ich persönlich schon etliche Male Musik hören konnte. Im weißen Saal des Neuen Schlosses war ich natürlich schon bei Konzerten, und dass die Säle der Liederhalle ein Traum sind, weiß ich seit frühester Kindheit. Ich höre halt immer schon gern klassische Musik. Aber auch populäre Musik fand und findet dort statt. Mein erstes großes Rockkonzert habe ich Ende der Achtziger Jahre noch nicht volljährig im Beethoven-Saal gehört. Dort traten damals Jethro Tull auf und haben mich vor allem wegen ihrer tollen Zaubertricks begeistert. Es gab dann mal eine längere Phase, in der keine Popmusik in den historischen Sälen der Liederhalle mehr stattfand. Das lag aber daran, dass nach einem Konzert der Toten Hosen, der Laden so dermaßen demoliert war, dass der Denkmalschutz weitere Veranstaltungen dieser Art verbot. Wir StuttgarterInnen wissen ja nur zu gut, wenn der Denkmalschutz mal sein Veto einlegt, dann geht nix mehr!

Akustisch sind die Räumlichkeiten der Liederhalle der Wahnsinn, das stimmt schon, nur die Truppe von Herrn Shahi kam beim Konzert von Agnes Obel eindeutig nicht mit den Räumlichkeiten zurecht und zeichnete sich im Gegenteil durch besondere Unfähigkeit aus. Im Mozart-Saal finden sehr oft Kammerkonzerte statt. Auf allen Plätzen hört man die Musik unverstärkt hervorragend und jedes Hüsteln aus dem Publikum veranlasst das in Ehren ergraute AbonentInnenhäuflein immer sofort zu empörtem Stirnrunzeln. Wer einmal versucht hat, dort wegen einer Erkältung ein Huschtenbombo von seinem Babierle zu befreien, weiß, dass Blicke doch töten können. Für die Auftritte des New Fall Festivals hat nun irgendein Bühnentechnikmensch mit grandioser Unsensibilität für die Akustik des Raumes sechs super bewegliche Multicolorriesenscheinwerfer über die Bühne gehängt. Die Teile sind schon toll und machen echt was her und illuminieren die Auftretenden wirklich beeindruckend. Mir wird im Verlauf der Show so oft ins Gesicht geblendet, dass ich eine Netzhautablösung befürchte, und jeder dieser Brummer hat offensichtlich einen eigenen Ventilator eingebaut, damit er nicht überhitzt und funkenschlagend durchbrennt. Bei den ruhigen und stillen Momenten der Auftritte von Frances und Agnes Obel klang das dann, als hätte jemand sechs Flugzeugturbinen im Raum installiert. Für mich ging da ganz viel von der Magie und Intensität flöten, die bei Konzerten von Agnes Obel möglich sein kann, und ich war kurz davor, die Mistdinger eigenhändig abzuschrauben. Bei einem klassischen Konzert hätten sich die MusikerInnen hundertprozentig geweigert, unter diesen Bedingungen aufzutreten und das erfahrene Stamm­publikum hätte noch während der Veranstaltung sein Geld zurückverlangt. Es muss auch noch erlaubt sein, die Frage zu stellen, warum man solche Konzerte überhaupt mit so einer überkandidelten Lichtschau ausleuchten muss. Kollege Plavec und ich waren uns nach dem Konzert absolut einig, so was ist bei „Wetten Dass“ besser aufgehoben. Bei solch tollen Musikerinnen muss man doch einfach nur ein paar Kerzen anzünden und vielleicht noch ein paar billige Stehlampen anknipsen, das reicht vollkommen. Da kann Herr Shabi eindeutig noch nachbessern. Dass das Konzert trotzdem unglaublich schön war, darum soll es nun gehen:

Konzertbericht: New Fall Festival Stuttgart - Agnes Obel und Frances, 30.10.2016, Liederhalle Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Pünktlich um 16:00 geht das Konzert mit der englischen Musikerin Frances los. Sie sitzt ganz fröhlich und sonntäglich gestimmt allein auf der 48m2-Bühne und ist wohl ein ganz umgängliches Menschenkind. Sie singt und begleitet sich selber dabei an den Tasten. Schöne kleine Pop/Folk-Stücke sind das, die mir sehr gut gefallen. Zwischen ihren Stücken erzählt sie uns ungespreizt und kichernd die ein oder andere Anekdote zu den Songs und lobt uns für unser gutes Zuhören. Die wahnsinnige Raumakustik hat bei mir den Effekt, dass ich jedesmal einen Schreck bekomme, wenn das Publikum im ausverkauften Saal nach einem Song begeistert und enthusiastisch klatscht. Da hat man sich gerade noch auf das Stück konzentriert und dann geht so ein Krach los! Natürlich klatsche ich auch mit, denn Frances hat ihren Applaus eindeutig verdient. Nach einer halben Stunde geht sie von der Bühne und hat einen Haufen neuer Fans gewonnen.

Um 17:00 geht das Konzert von Agnes Obel los. Die Dänin aus Berlin steht mit drei Multiinstrumentalistinnen auf der Bühne. Zwei Belgierinnen und eine Kanadierin singen, streichen, zupfen, schlagen, blasen und drücken alle möglichen Instrumente, Tasten und Effektgeräte. Hervorragend eingespielt ist die Truppe, die Titel von allen drei Alben der Chefin darbietet. Hits von den beiden älteren Platten gibt’s zu hören sowie Material vom neuesten Werk, das am 29. Oktober erschienen ist, welches ich noch nicht kenne. Hochkonzentriert sind die Vier am Werk. Agnes Obel richtet sich nach dem dritten Song zum ersten Mal freundlich auf Deutsch und Englisch ans Publikum, bis dahin haben alle nur intensiv musiziert und gearbeitet. Denn „Arbeiten“ kann man die Herangehensweise der Dänin an ihr Material auf der Bühne wirklich nennen. Die Tochter eines Jazzmusikers erforscht alle ihre Stücke ganz neu, baut frische improvisierte Instrumentalteile ein, verlängert manche Teile und sogar einzelne Töne. Auf ihrer neuen Platte hat sie in manchen Songs wohl bis zu 250 Tonspuren übereinander gelegt. Mit ihren Musikerinnen erbaut sie im Mozart-Saal für jeden Song eine ganz neue Architektur aus riesigen Klangwänden, in denen ich einfach nur genießend so lange wie möglich verweilen und wandeln möchte. So etwas wäre bei anderen Musikern ordentlich in den Kitsch abgerutscht, aber das hier ist nicht Jan Gabarek in der Tübinger Stiftskirche sondern halt Agnes Obel in der Stuttgarter Liederhalle. Teilweise wird die Musik durch die Verstärkung in diesem Raum, der ursprünglich ja nur für unverstärkt gespielte Musik konzipiert ist (s. o.) geradezu körperlich erfahrbar. Fast nach jedem Stück reißt mich wieder unsanft der begeisterte Applaus des Publikums aus irgendwelchen fernen Sphären, dorthin bin von der wunderschönen Musik getragen worden. Vor dem Konzert bat eine Dame von der Bühne darum, dass wir das Fotografieren mit unseren Mobiltelefonen doch bitte auf ein Minimum beschränken sollten. Sie hätte eigentlich das Klatschen verbieten sollen, denn das störte mich bei diesem Konzert wirklich ungeheuer, obwohl die Musikerinnen natürlich jeden Applaus mehr als verdient hatten. Ich habe es bei Konzerten von geistlicher Musik in Kirchen schon erlebt, dass von den Veranstaltern und Musikern darum gebeten wurde, aus Respekt vor der Heiligkeit der Orte nicht zu Klatschen und fand das jedesmal wunderbar. Wegen mir hätte man heute aus Respekt vor der Schönheit der Darbietung aufs Applaudieren verzichten können. Nach ungefähr anderthalb Stunden und natürlich ordentlich verdientem Applaus ist eines meiner schönsten Konzerte des zu Ende gehenden Jahres vorbei. Ich steige verzückt in den gelben Blitz und lausche innerlich dem gerade Gehörten glücklich nach.

Ach ja, nach dem Konzert baten mich Festivalmitarbeiter ebenso wie Holger eine Band für das Festival-Line-Up im nachsten Herbst vorzuschlagen: Die Belgier von „Dan San“ habe ich auf den Wunschzettel geschrieben.

Konzertbericht: New Fall Festival Stuttgart - Agnes Obel und Frances, 30.10.2016, Liederhalle Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Agnes Obel

Frances

Ein Gedanke zu „NEW FALL FESTIVAL: AGNES OBEL, FRANCES, 30.10.2016, Liederhalle, Stuttgart

  • 1. November 2016 um 09:12
    Permalink

    Wanda hab ich das erste Mal im März dieses Jahres wahrgenommen, als ich nach dem Hawelka-Gig im Café Weiß mit X-tof, Stefan und Christian noch da rumsaß und die Jukebox Wanda ausspuckte. Und hätte Christian nicht so geil mitgesungen, hätte ich Wanda möglicherweise auch da nicht mitbekommen und somit ist das New Fall Festival das perfekte Festival für verpennte Leute wie mich, damit wir auch noch eine Chance bekommen, obwohl ich dann ja doch nicht zu Wanda gegangen bin. Har har …

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