NEW FALL FESTIVAL: REGINA SPEKTOR, 29.10.2016, Liederhalle, Stuttgart

Regina Spektor beim New Fall Festival in der Liederhalle in Stutgart

Foto: David Öchsle

„Ich sah heute in Stuttgart einen Vogel einen Fisch fangen“, berichtet Regina Spektor recht früh am Abend den Besuchern des New Fall Festivals im gut besuchten Hegelsaal der Liederhalle angeregt: „very nice city nature“. Seit jeher ist die in New York aufgewachsene Tochter aus der Sowjetunion geflüchteter Juden eine betörende Erzählerin mit großem Hang zur Poesie. Die Schönheit findet sie auch in kleinen Szenen des Alltags. Doch wie in ihren Songs sieht sie auch die Schattenseite des Ganzen. Schließlich sei es ja gleichzeitig eine sehr traurige Szene, also für den Fisch. Das Publikum lacht, und Spektor zeigt damit auch, ein oberflächliches, dichotomes Schwarz-Weiß-Denken wird man bei ihr selten finden: Als Lyrikerin legt sie den Fokus auf die Zwischentöne, die Unentschlossenheit und ist dabei immer auch so vielseitig wie brillant.

„All my love / In black and white / On this color photograph“, singt sie ganz in diesem Sinne in dem traurigen Stück „Black and White“ vom jüngst erschienenen siebten Studio-Album „Remember Us to Life“, das musikalisch ganz leise Beatles-Assoziationen hervorruft: „Sad sad eyes / Know too much / You will always start to cry“. Das aktuelle Album spielt die 36-Jährige komplett. Zwischen die elf neuen Lieder mischt sie Standards und heimliche Perlen ihres reichhaltigen Repertoires. Zur Eröffnung greift sie bei ihrer Stuttgart-Premiere zu einem zehn Jahre alten Klassiker: „On the Radio“ mit seiner beschwingten Melodie, dem markanten Basseinsatz und seiner urkomischen Guns n‘ Roses-Referenz ist ein glänzender Einstieg.

In schwarzer Bluse mit roten Sternen(!), schwarzer Jeans und roten Schuhen sitzt die zierliche Sängerin hinter einem beeindruckenden Steinway-Flügel und spielt ausgezeichnet Klavier. Ihren klassischen Hintergrund, die Ausbildung an einem Musik-Konservatorium merkt man ihr immer an. Es folgen „Grand Hotel“ und „Older and Taller“, letzteres durchaus mit einem unterschwelligen Vaudeville-Flair deuten ihre großartigen Fähigkeiten als Pianistin ebenso an wie ihre verschrobene Vielseitigkeit.

Regina Spektor beim New Fall Festival in der Liederhalle in Stutgart

Foto: David Öchsle

Spektor ist eine Ausnahmeerscheinung, eine charismatische Exzentrikerin mit wilden roten Locken, leuchtend geschminkten Lippen und einer fantastischen über mehrere Oktaven verfügenden Stimme. Spielend gelingt es ihr verschiedenste als unvereinbar geltende Genres zu vereinigen. Purer Pop, Country, Rock ’n‘ Roll, Punk, Hip-Hop, Folk; es lässt sich kein Genre denken, das sich nicht mit Spektors Anspruch Musik zu machen in Einklang bringen lassen könnte. Passend äußerte sie sich kürzlich geradezu programmatisch im Deutschlandfunk: „Ich fühle mich frei, zu machen, was ich will. Nicht alle Musiker haben dieses Privileg. Und das ist schade. Die Musikindustrie verlangt häufig, sich auf einen bestimmten Stil festzulegen, um gut vermarktbar zu sein. Ich aber liebe es, einen Hip-Hop-Song zu schreiben, wann immer ich mich so fühle, oder einen Punk-Song, oder ein Country-Stück.“

„Small Bill$“ ist dann veritabler Hip-Hop, den Rap-Versuchen von Chilly Gonzales nicht unähnlich. Das als Titelsong für die Netflix-Serie „Orange Is the New Black“ geschriebene „You’ve Got Time“ ist recht straighter Quasi-Punk. Spektor tänzelt über die Bühne, während der Schlagzeuger und ein zusätzlich auf die Bühne gekommener Gitarrist den Song wuchtig treiben. Stilistisch steht die Uptempo-Nummer ruhigeren Liedern wie dem A-Capella gesungenen „Silly Eye-Color Generalizations“ oder „Après Moi“ mit russischen Boris-Pasternak-Versen entgegen.

So herrlich heterogen wie die vor Kreativität sprudelnden Lieder zeigt sich auch das Stuttgarter Festival-Publikum: Da sieht man Hipster, wie sie in Spektors New Yorker Heimat genauso anzutreffen sind wie in Stuttgart-Süd, die sich unter ein älteres Kulturpublikum mischen; mal sieht man selbst Cosplayer oder Steam-Punks, dann wieder Protagonisten der lokalen Punk-Szene. „Egon-Forever“-Zeichner Andre Lux raunt mir vor dem Auftritt fragend zu, ob es okay sei, wenn er mitsinge. Das war selbstredend als Witz gemeint, zu komplex sind Spektors Lieder – und überhaupt lautstarkes Mitsingen kann ziemlich nerven. Und so wechseln wir kurz darauf erschrockene Blicke, als ausgerechnet in der Reihe hinter uns ein großer Fan zwar text- aber nicht gerade stimmsicher und dafür umso lauter, ganze Songs mitsingt.

Regina Spektor beim New Fall Festival in der Liederhalle in Stutgart

Foto: David Öchsle

Den Abend vermiesen kann einen das jedoch genauso wenig wie arhythmische Mitklatschversuche. Denn das, was Regina Spektor mit ihren großartigen Mitmusikern an Schlagzeug, Keyboard und Cello zeigt, ist in jeder Hinsicht großartig. Da fällt es auch nicht negativ ins Gewicht, dass mal etwas mit den Monitor-Kopfhörern nicht in Ordnung ist, das Klavier klemmt oder sie kurz den Text vergisst. „Fuck“, ruft sie dann mit einer anmutigen Nonchalance, die ihr nur noch weitere Sympathiepunkte einbringt. Ihrem Cellisten singt sie dann gemeinsam mit dem Publikum ein gar nicht nerviges „Happy Birthday“ als Geburtstagsständchen, was ihr einen lästigen Ohrwurm einbringt, wie sie kichernd bemerkt.

Seit ihrem Debütalbum „11:11“ 2001 hat sich Spektor mit einer Reihe wunderbarer Platten, Kollaborationen mit den Strokes, Peter Gabriel, Jeff Lynne oder Ben Folds als eine der klar herausragenden Künstlerinnen unserer Zeit etabliert. Ihre Bewunderer reichen von Feuilletonisten bis hin zu den Obamas. Die politisch klar für sexuelle Gleichberechtigung, das Existenzrecht Israels und Flüchtlinge eintretende Sängerin schließt musikalisch die Lücke, die Kate Bush und Tori Amos – seit sie keine interessanten Platten mehr aufnehmen – hinterlassen haben.

Dem begeisterten Stuttgarter Publikum wird dies in traumhaften Stücken wie „Blue Lips“ (damals produziert von Jeff Lynne), „Obsolete“ und „Us“ im regulären Teil des Sets noch einmal bewusst gemacht. Nach minutenlanger Pause, kehrt sie für eine Reihe Zugaben zurück, verspielt sich dabei wiederholt, erntet für „Vitality“ Beifallsstürme und treibt mit ihrem wunderschönen Evergreen „Samson“ Tränen in die Augen der Zuschauer. Alleine auf der Bühne, sich selbst auf dem Klavier begleitend, singt sie ein kleines Liebeslied, das ihre Poesie so greifbar macht, wie kaum ein anderes. Knicksend verabschiedet sie sich, huscht ins Off und lässt uns sprachlos zurück.

Regina Spektor beim New Fall Festival in der Liederhalle in Stutgart

Foto: David Öchsle

Ein Gedanke zu „NEW FALL FESTIVAL: REGINA SPEKTOR, 29.10.2016, Liederhalle, Stuttgart

  • 31. Oktober 2016 um 23:37
    Permalink

    hmmm… als langjähriger älterer fan bin ich von hamburg aus hin. wollte nicht eines tages trauern (wie bei tom waits) nie dagewesen zu sein.
    von kaum erträglichen kitsch (doch von jemand anderem?)
    bis zu unglaublichem staunen ob der schönheit gab es alles. schön dagewesen zu sein. sie bereichert unser leben und freut sich. (und sie hatte fans im saal dagegen bin ich nörgelkritiker)

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