RONJA VON RÖNNE, 27.10.2016, Manufaktur, Schorndorf

Bericht von der Lesung mit Ronja von Rönne

Foto: X-tof Hoyer

Einen Tag nach dem beeindruckenden Konzert von All diese Gewalt wirkt der Saal der Manufaktur in Schorndorf wie ein anderer Raum. Halb abgehängt sind ca. 20 kleine Tische aufgebaut und vor der Bühne ein Tisch, der ausschließlich zur Verwendung bei Lesungen hergestellt zu sein scheint. Darauf eine Leselampe und Wasser für Ronja von Rönne. Zur selben Uhrzeit am selben Ort und doch viel beschaulicher und ruhiger, wie man sich die Stimmung bei einer klassischen Lesung eben vorstellt. Die Art der Veranstaltung schafft sich zu einem großen Anteil ihre eigene Atmosphäre. Dass die Klischees auch bedient werden, sind in unserem Grüppchen fünf Lehrkräfte dabei, davon vier mit dem Fach Deutsch, was im Laufe des Abends für interne Erheiterung sorgen wird. Natürlich wird Wein gereicht, Salat und Humus gegessen und über Feminismus diskutiert – wie gesagt, die Klischees.

Das Publikum ist altersmäßig sehr durchmischt, ansonsten sind sicherlich noch weitere Studienrätinnen und -räte anwesend, Studierende, ein paar Leseratten und „Welt“-Leser*innen. Als Kolumnistin dieser Zeitung ist die Autorin jedenfalls zu größerer Bekanntheit gelangt, obwohl doch ihr vordergründiges Ziel seit jeher gewesen sei, diesen Job bei einer Frauenzeitschrift auszuführen. Die „Glamour“ erfüllte ihr schließlich diesen Traum und sorgt wohl unter anderem dafür, dass von Rönne sich auch dem Schreiben von Romanen widmen kann. Ihr Debutroman ist auch der Anlass dieser Lesereise und heißt „Wir kommen“. Lesereisen an sich müssen eine ganz eigene Dynamik haben, denn oft sind sie Anlass für Anekdoten, für weitere Texte der Autorinnen und Autoren. Aber wieso sollte es anders sein als in der Musikszene. Wir Außenstehenden wollen an dem Mythos des wilden Künstler*innen-Lebens on the road festhalten und Autoren wie Stuckrad-Barre haben diesen geflissentlich angereichert, auch was Lesungen betrifft.

Bericht von der Lesung mit Ronja von Rönne

Foto: X-tof Hoyer

Ronja von Rönne räumt damit zu Beginn erst einmal auf, indem sie ein Beispiel eines Veranstalters schildert, der von der Autorin Anna Thalbach so sehr fasziniert gewesen sein musste, dass er jeden Schritt, jedes noch so nichtige Ereignis kommentiert habe, wie es sich zugetragen hätte, als sie zu Gast war. Humor ist ihr wichtig, das wird in diesen ersten Minuten schon deutlich. Humor und immer wieder Ironie prägen von Rönnes Anekdoten und Anmerkungen, die sie zwischen den gelesenen Texten immer wieder zum Besten gibt. Das Publikum nimmt das gerne an, verschafft dieser Umstand doch die beruhigende Gewissheit, dass nicht nur die ganze Veranstaltung über gelesen wird.

Was allerdings nicht dramatisch gewesen wäre, denn wie sich gleich beim ersten Text herausstellt, liest Ronja von Rönne alles andere als dröge oder einschläfernd. Im Gegenteil, ihre Art, wie sie Erlebnisse frei erzählt ist auch die, wie sie vorliest: relativ schnell und pointiert. Und das passt wiederum zu ihren Texten. Der erste ist eine Allegorie auf ein langweiliges Leben, das so austauschbar ist wie ein Ikea-Möbelhaus und dessen Philosophie und Konzept: billig, einheitlich, Individualismus vorgaukelnd und das Bild des Perfekten. Dabei reduziert sich das Meiste auf Malm, ist umständlich aufzubauen und fällt spätestens beim dritten Umzug auseinander. Das ist kurzweilig und an den meisten Stellen komisch, was aus der gleichzeitigen Bitterkeit der Vergleiche zwischen Ikea und einem Durchschnittsleben resultiert.

Bericht von der Lesung mit Ronja von Rönne

Foto: X-tof Hoyer

Es folgt dann der erste Ausschnitt aus dem Roman und es verfestigt sich langsam der Eindruck aus den ersten Minuten. Auch der Roman ist eine schnelle Folge von alltäglichen Ereignissen der Hauptfigur, die in einer Viererbeziehung lebt, gegen ihre Depressionen ankämpft und gegen den ganzen Rest. Nur nicht gegen ihre Schildkröte „390 Gramm“, die aber schließlich trotzdem stirbt, natürlich ganz profan – sie wird überfahren. Diesen Wechsel zwischen Anekdoten und Kommentaren über das Schreiben und die Folgen, Kurztexten, Romanausschnitten behält sie bei und hält dabei noch einige Pointen parat. Wie sie von ihrer ehemaligen Deutsch-Lehrerin (!) von einer schon zugesagten Lesung an ihrer früheren Schule wieder ausgeladen wurde ist schon wirklich komisch. Hier treten auch Merkmale zu Tage, die sonst an diesem Abend im Verborgenen blieben: Ärger und Eitelkeit. Zwei sehr nachvollziehbare Eigenschaften, die zu unrecht einen sehr negativen Ruf genießen.

Nach ca. 70 kurzweiligen und unterhaltsamen Minuten steht zum Abschluss eine Fragerunde an, in der hauptsächlich Fragen über ihren Roman und den Schreibprozess gestellt werden, aber auch über ihr Selbst- und Fremdbild im Zusammenhang mit der sich steigernden Popularität. Bei dieser Antwort ist kaum Komik und Ironie vorhanden, sondern etwas mehr Nachdenklichkeit und Ernst. Aber deshalb überrascht zu sein, nur weil von Rönne auch den schwierigsten Lebenssituationen immer wieder mit Humor begegnet, wäre in ihren Augen wohl wieder eine typisch deutsche Eigenschaft; so wie die strikte Trennung von U- und E-Kunst. Nein, auch ernst gemeinte Literatur dürfe bzw. solle unterhalten – so wie diese Lesung.
Bericht von der Lesung mit Ronja von Rönne

Foto: X-tof Hoyer

Ronja von Rönne

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