ALL DIESE GEWALT, 26.10.2016, Manufaktur, Schorndorf

Konzertbericht: ALL DIESE GEWALT am 26.10.2016 in der Manufaktur Schorndorf. Text: Christian Seyffert, Fotos: Steffen Schmid

Foto: Steffen Schmid

Es gibt Puristen, vor allem in den Sprachwissenschaften, die der Meinung sind, dass allein der Text Aussage genug sei. Jede Frage, welche ein Kunstwerk – hoffentlich – bei Rezipienten aufwerfe, sollte nur durch dieses selber beantwortet werden. So entstehe ein ganz individuelles Verständnis der Kunst. Die Popmusik schert sich um solcherlei Ansätze reichlich wenig. Oder ist die angeblich ausbleibende Reaktion Bob Dylans auf seinen großen Preis genau ein Beweis für derlei Auffassung, wie Kunst funktionieren sollte? Es ist aber auch zu verlockend, Kunstschaffende um Erklärungen ihres Werks zu bitten und stellenweise möchte man diese Sicht auf sich selbst bei manchen keineswegs missen. Einer dieser Vertreter ist für mich Max Rieger, der diesen Herbst ein weiteres Album mit seinem Projekt (auch wenn das viel zu banal klingt) All diese Gewalt veröffentlicht hat und einige interessante Einblicke in seine Kunst gegeben hat.
Auf sieben Konzerten in acht Tagen präsentierte er dieses spannende Album, das in den einschlägigen Medien auf Resonanz stieß und Anklang fand. Nun, am letzten Abend steht er mit seinen drei Bandmitgliedern auf der Bühne der Manufaktur im großartig arrangierten Scheinwerferlicht und ich stelle mir folgende Fragen: Woher nimmt Max Rieger diese Fülle an Ideen? Klar, jeder Künstler ist beeinflusst und ernährt sich aus dem Bestehenden und reichert es an oder entwickelt es weiter. Das gelingt ihm in beeindruckender Weise, wenn Noise auf Wave trifft und wahnsinnige Klangwände sich mit reduziertem Beat vereinigen. Das gepaart mit den Texten, wie sie für All diese Gewalt typisch sind, ergibt eine Energie und Spannung, die live kaum mehr zu überbieten scheint – und doch gelingt. Die ersten drei Songs sind genau in der Reihenfolge auf dem aktuellen „Alles in Klammern“ zu finden und erweisen sich in ihrer Zusammensetzung als wohl zu perfekt, um sie auf der Bühne auseinander zu reißen. „Wie es geht“ ist ein Beispiel dafür, welche wahnsinnigen Soundeskapaden man mit einer konventionellen Besetzung hervorzaubern kann. Es kreischt, flirrt, baut sich auf wie eine meterhohe Welle, die sich wenige Augenblicke später über das staunende und faszinierte Publikum ergießt.

Man kann die Begeisterung nur erahnen, welche Ralv Milberg am Mischpult bei dem Umstand erfasst, den Sound wieder einmal präzise und austariert auf die akustische Schmerzgrenze zu legen. Schon vor dem ersten Ton ist ein vielstimmiges Surren von der Bühne zu hören. Der Auftakt ist jedenfalls furios und geht über in „Maria in Blau“ , durch das man meiner Ansicht nach nicht nicht berührt sein kann. Das elektronische Wabern der Aufnahme wird live mit Gitarrensound ergänzt, was dem Song mehr Reibungspunkte verleiht. Ich versuche bei aller Begeisterung auf Details zu achten und mir fällt auf, wie unaufgeregt die Musik gespielt wird. Keine typischen Gesten, das Schlagzeug fast schon stoisch mit klaren und nicht verschnörkelten Rhythmen.

Auch Ansagen fehlen. Nein, es gibt nicht mehr Worte zu verlieren als die Texte der Lieder. Nicht mehr Antworten als die gespielte Musik. Die pulsiert Song für Song. „Kuppel“ erstmals mit deutlich mehr Synthie-Anteil, wodurch Riegers Stimme noch deutlicher hervortritt. „Im Himmel ein Riss / eine Kuppel grauen Lichts / hinter den Fenstern / rührt sich immer noch nichts.“ Woher nimmt er diese Stimmungen? Woher kommt dieser nüchterne, beinahe bleischwere Blick auf die Welt?

Es folgen noch das sich langsam, fast minutiös steigernde „Morgen alles neu“, „Versteck“ und „Stimmen“, das ganz leise und sachte sich nochmals aufbaut und in einem klanglichen Rausch endet, unterlegt mit einem fast an Trip-Hop erinnernden unterlegten Fundament. Es wird geraucht, das Gegenlicht blendet, noch ein Song („Grenzen“) und es ist vorbei. 50 Minuten? 60? Völlig egal, jede Minute zu viel oder zu wenig wäre irgendwie nicht passend gewesen. Dieses Konzert ließ Raum für Fragen und lieferte die Antworten gleich mit. Klammer zu.

Konzertbericht: ALL DIESE GEWALT am 26.10.2016 in der Manufaktur Schorndorf. Text: Christian Seyffert, Fotos: Steffen Schmid

Foto: Steffen Schmid

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