GUITAR WOLF, THE NERVES, 18.10.2016, Goldmark’s, Stuttgart

Konzertbericht vom Konzert von GUITAR WOLF und THE NERVES am 18. Oktober 2016 im Goldmark´s, Stuttgart. Text: stegoe, Fotos: Michael Haußmann

Foto: Michael Haußmann

Der Dienstag Abend, die wahrscheinlich am wenigsten rock’n’rolligen Stunden der Woche. Das vergangene Wochenende nicht mehr als nur noch eine blasse Erinnerung, das kommende noch viel zu weit, um über irgendwelche Exzesse auch nur nachzudenken. Doch ein Grummeln am Horizont kündigt Unheil an, ein immer lauter werdendes Donnern, das auf uns zurollt. Es ist die japanische Garage-Noise-Punk-Band Guitar Wolf, die sich wie Godzilla aus dem Meer erhebt um über unseren gemütlichen Dienstag Abend zu trampeln, als wäre er eine Pappmache-Kulisse von Tokyo.

Konzertbericht vom Konzert von GUITAR WOLF und THE NERVES am 18. Oktober 2016 im Goldmark´s, Stuttgart. Text: stegoe, Fotos: Michael Haußmann

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Doch vor der totalen Zerstörung dürfen The Nerves den Abend im Goldmark’s eröffnen. Die aus dem Stuttgarter Umland stammende Punk-Bank ist wie Guitar Wolf bereits seit 1987 unterwegs, und das sieht man auch. Das sind keine jungen Newcomer, die hier nun ihre Plätze auf der Bühne einnehmen. Captain Proton, Admiral Jack und Commander Bossi, wie sich die drei Herren an Bass, Gitarre und Schlagzeug nennen, legen um Viertel nach neun los und mit den ersten Takten von „Away“ schreitet Sängerin Nina H., die seit 2010 bei The Nerves am Mikro steht, auf die Bühne. Den riesigen Iro trägt Nina H. immer auf der Bühne, der Goth-Punk-Kimono, der wie aus einem schwarzen Duschvorhang selbst geschneidert aussieht, ist Teil des „Japan-Specials“, das The Nerves heute im Programm haben. Diese Japan-Affinität hatten The Nerves wohl schon immer, neben hauptsächlich englischen und deutschsprachigen Songs haben sie auch Lieder mit japanischen Texten im Programm, wie den zweiten Song des „Karoshi“ oder das später gespielte „999“, bei dem zeremoniell eine improvisierte Teeschale auf der Bühne zerschlagen wird. The Nerves spielen klassischen, melodischen Punk-Rock im Stile der Descendents oder Agent Orange und erinnerten mich manchmal an Jingo De Lunch (falls die noch jemand kennt). Das besondere der Band ist aber nicht nur die Erscheinung der Front-Frau, es sind vor allem die Instrumente, zu denen sie immer wieder greift und die man im Punk-Rock-Kontext so nicht so häufig antrifft.

Da wäre zum einen der „Singende Sarg“, der von Schlagzeuger Bossi selber gebaut wurde und heute zum ersten Mal auf der Bühne zum Einsatz kommt. Eine Art Stachelfidel, der mit einem Bogen schaurig-schräge Töne entlockt werden. Zum anderen ist da die Shakuhachi, eine japanische Bambusflöte. Leider hat die keinen eigenen Tonabnehmer, sondern wird nur über das Gesangsmikrofon verstärkt, was sie manchmal nicht so richtig hörbar macht. Nichtsdestotrotz, das ist überraschend gut. Nach 15 Songs geht der kurzweilige Auftritt mit „Dancing On Your Grave“ und „Facebook Zombies“ zu Ende, wenngleich noch ein 16. Titel auf der Setlist stand. Und obwohl es den meisten Leute im inzwischen auch ganz gut gefüllten und teilweise tanzenden Goldmark’s sicher gefallen hätte, gibt es keine Zugabe. Die Spielzeit von knapp einer Stunde war für eine Vorband aber auch so schon sehr ordentlich.

Konzertbericht vom Konzert von GUITAR WOLF und THE NERVES am 18. Oktober 2016 im Goldmark´s, Stuttgart. Text: stegoe, Fotos: Michael Haußmann

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Umbaupause ist nur kurz, es muss ja nicht viel in Stellung gebracht werden. Ein Schlagzeug auf die Bühne, ein paar Verstärker, zack, fertig, es kann los gehen. Und wie es losgeht. Zur Überraschung vieler betreten nicht drei Wölfe die Bühne sondern drei Dinosaurier. Mit T-Rex-Masken über den Köpfen legen Drum Wolf Toru, Bass Wolf Ug und Guitar Wolf Seiji los, mit „Jet Reason“, dem Opener des ihres aktuellen Album „T-Rex from a Tiny Space Yojohuan“. Traditionell beginnt ein Guitar Wolf-Konzert damit, dass sich Seiji ein komplettes Bier in den Rachen schüttet, so auch heute, wobei ein Großteil irgendwo in der Maske verschwindet, auf der Lederjacke und sonst wo. Aber egal, die Masken runter gerissen und weiter geht es mit dem Titeltrack des aktuellen Album, eine beschwingte Rockabilly-Nummer. Das Publikum ist von Minute eins am Start, in den vorderen Reihen wird getanzt, die Band wird mit „Hey, hey, hey,…“-Rufen angefeuert, erste kleine Moshpits bilden sich.

Konzertbericht vom Konzert von GUITAR WOLF und THE NERVES am 18. Oktober 2016 im Goldmark´s, Stuttgart. Text: stegoe, Fotos: Michael Haußmann

Foto: Michael Haußmann

Zwischen den Songs gibt es kaum Pausen. In klassischer Punk-Rock-Manier wird durch das Programm gepeitscht. Die paar wenigen Ansagen versteht bei der überdrehten Lautstärke und in Kombination mit dem sehr japanisch-akzentuieren Englisch eh kaum jemand. Auch bei vielen Songs bin ich mir nicht sofort sicher, in welcher Sprache eigentlich gesungen wird, ist das eine japanische Version von „Summertime Blues“? Ach nein, zumindest der Refrain ist erkennbar englisch, und auch die zerfahrenste und raueste Version von „Kick out the Jams“, die ich je gehört habe, erkennt man eigentlich nur am „Motherfuckers“ in der Ansage. Die Sprache der Gitarre allerdings versteht jeder, Rock’n’Roll kennt halt keine Sprachbarrieren.

Der Schweiß tropft beim Publikum. Vor allem aber auch bei Guitar Wolf Seiji, der mit einer Intensität spielt, als ginge es um Leben oder Tod. Oder um noch mehr. Und auch wenn das Bühnenbild so schlicht ist wie die Kleidung der drei klassisch (schwarze Lederjacke, schwarze Lederhose, Sonnenbrille), so intensiv ist die Darbietung auf der Bühne. Es werden die großen Rockposen ausgepackt, Klassiker wie ein Über-Kopf-gespieltes Gitarren-Solo, eine Bass/Gitarre-Wippe wie sie Meine/Schenker nicht synchroner hinbekommen und eine fast schon Nunchuk-artig ausgeführte Mikrofon-Windmühle. Bass Wolf Ug, der die G-Saite an seinem Bass erst gar nicht aufgezogen hat und nur mit drei Saiten spielt, springt auf die DJ-Kanzel neben der Bühne und sieht von dort oben aus wie ein Kirk Hammett mit Duckface. Seiji zieht seinen wohl im voraus mit Feuerzeugbenzin präparierten Geldbeutel aus der Hintertasche und zündet ihn kurz an, er schmeißt sich wie ein Voodoo-Prediger zu Boden, die Leute drängen vor an die Bühne um ihm mit in die Luft gereckten Fäusten zu huldigen. Erste Crowdsurfer werden durch die Menge getragen. So auch Guitar Wolf Seiji, der an seinem Instrument auf der Bühne gerade von einem Freiwilligen aus dem Publikum vertreten wird und immer wieder genaue Anweisungen zugesteckt bekommt, was er wie anspielen soll, es aber wohl nicht immer richtig versteht. Ob wegen der hohen Lautstärke oder des starken Akzents, wahrscheinlich wegen beidem.

Konzertbericht vom Konzert von GUITAR WOLF und THE NERVES am 18. Oktober 2016 im Goldmark´s, Stuttgart. Text: stegoe, Fotos: Michael Haußmann

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Nach einer guten Stunde ist es dann rum, die Band verlässt die Bühne, „Do you wanna Dance?“ von den Ramones klingt aus der Club-Anlage. Die ersten Leute sind schon draußen, da stehen die drei doch noch mal wieder für eine Zugabe von zwei Songs auf der Bühne. Und auch danach ist noch immer nicht Schluß, am Ende kommt Guitar Wolf Seiji für einen allerletzten Song nochmal alleine auf die Bühne. Er lässt sich feiern, besprenkelt die Leute ein letztes mal mit seinem noch immer sehr reichlich fließenden Schweiß und hinterlässt eine freudig-erschöpfte Masse. Puh, was ein Dienstagabend…

Guitar Wolf

The Nerves

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