GEWALT, MELVIN RACLETTE, 02.10.2016, Komma, Esslingen

GEWALT, 02.10.2016, Komma, Esslingen

Foto: Steffen Schmid

Schön uncool, schon um kurz nach acht treffe ich dank erstaunlich entspann­ter Verkehrssituation zum Auftritt von Melvin Raclette und Gewalt im Komma in Esslingen ein. Zum Glück sind die Gig-Blog-Kollegen auch schon da. Es zeigt sich jetzt, die Schließung der sympathischen, an das Komma angeschlo­sse­nen Bar „Fünf bis Neun“ ist nicht nur grundsätzlich ärgerlich, sondern auch ganz konkret, denn die Getränkeauswahl im Kleinen Saal des Komma ist Jugendhaus-typisch übersichtlich, da war die Bar doch immer eine nette Ergänzung.

MELVIN RACLETTE, 02.10.2016, Komma, Esslingen

Foto: Steffen Schmid

Der Saal füllt sich nach und nach und wie angekündigt geht es fast ganz pünktlich um neun los. Melvin Raclette, echter Name Kevin Kuhn, habe ich vor gut zwei Jahren in der Rakete im Vorprogramm von GUZ gesehen (die Kollegin berichtete). Damals hatte ich, um ehrlich zu sein, keine Ahnung, um wenn es sich hier handelte, kann mich aber erinnern, dass ich den Auftritt erstaunlich kurzweilig fand. Dem obskuren jungen Mann schrieb ich durchaus Starqualitäten zu. Konnte ich ja nicht wissen, dass er es als Mitglied von Die Nerven schon zu gewisser Berühmtheit gebracht hatte.

Die Nerven habe ich bisher, obwohl immer fest eingeplant, immer noch nicht live gesehen und so kann ich jetzt auch nicht mit Sicherheit sagen, inwiefern der Künstler sich bei seinem Soloauftritt anders gibt als im Bandkontext als Schlagzeuger. Zu Beginn des Auftritts kauert er jedenfalls mit dem Rücken zum Publikum mit der E-Gitarre auf der Bühne und produziert krachiges Feedback. „Ich hab euch gar nicht reinkommen sehen,“ gibt er sich nach dieser Eröffnung überrascht.

MELVIN RACLETTE, 02.10.2016, Komma, Esslingen

Foto: Steffen Schmid

Raclette trägt eine schwarzgerahmte Nerd-Brille und einen 90er-Jahre-Strickpulli mit geometrischem Streifenmuster. Die Gitarre wird beiseite gelegt und weiter geht es mit Powerpop-Playback aus der Konserve, ordentlich Hall auf der Stimme und Songs über Weltraumkiller und den Esslinger Bahnhof. Kurz wird eine schräge, deutschsprachige Coverversion von „Girl from Ipanema“ angespielt, die dann jäh vom Künstler selbst unterbrochen wird, um mit Menschen im Publikum das Gespräch zu suchen. Weiter geht es mit einem Dancehall-Stück, bei dem in zwei Mikrofone gleichzeitig gesungen wird. Eine Technik, die bis zum Schluß beibehalten wird.

MELVIN RACLETTE, 02.10.2016, Komma, Esslingen

Foto: Steffen Schmid

Ein anderers Stück handelt, so der Künstler, von „einen Traum, den ich hatte“, es ging um einen der Gallagher-Brüdern von Oasis, zwei Zuschauerinnnen liefern bereitwillig fehlende Hintergrundinformationen über die Brüder. Gegen Ende nimmt der Beat nochmal Fahrt auf und Melvin Raclette bekommt beim letzten Stück stimmliche Unterstützung von einem befreundeten Man-Bun-Träger aus dem Publikum.

Insgesamt waren das eher Fragmente als Songs, aber sehr unterhaltsam und im besten Sinne poppig. Erinnert mich an den Schotten Jonnie Common, der ähnlich verspielt agiert und sich als experimentierfreudiger Alleinunterhalter quer durch alle Genres bedient.

Ganz anders jedenfalls als die düster-minimalistischen Drone-Flächen, die Die-Nerven-Sänger Max Rieger mit All Diese Gewalt produziert. Spricht, behaupte ich jetzt mal, grundsätzlich für eine Band, wenn sie zwischendurch auch in sehr unterschiedliche Einzelteile zerfallen kann und trotzdem auch als Ganzes funktioniert.

GEWALT, 02.10.2016, Komma, Esslingen

Foto: Steffen Schmid

Nicht zu verwechseln mit dem vom Namen her ähnlich klingenden Max-Rieger-Projekt sind Gewalt aus Berlin, der zweite Act des Abends. Der Kleine Saal ist inzwischen mit um die sechzig Zuschauerinnen und Zuschauer ordentlich gefüllt, wird auch gut warm jetzt. Bevor die Band die Bühne betritt, dreht sich minutenlang ein einsames Blaulicht als einzige Bühnenbeleuchtung in der Dunkelheit.

Dann Auftritt Gewalt, zwei Gitarren und Bass, sonst keine Instrumente zu sehen, der Rest kommt auch hier aus dem Laptop. Die Theke vibriert schepprig mit dem repetitiven Drum-Sound, viel mehr ist erstmal nicht zu hören. Sänger, Gitarrist und Kopf der Band ist Patrick Wagner. Er trägt einen hellen (Samt?)-Anzug mit ausgestellten Beinen, auf den ersten Blick der klassische Schlagersängerlook. Das Hemd darunter ist dafür über und über bedeckt mit roten Flecken.

GEWALT, 02.10.2016, Komma, Esslingen

Foto: Steffen Schmid

Erstes Stück ist „Pandora“, klingt  schon mal ziemlich eindringlich und vor allem laut. Es folgt ein heiseres: „Ja! Gewalt!“ zur Begrüßung und der Hinweis, dass die eigentliche Bassistin aufgrund eines Todesfalls in der Familie kurzfristig ersetzt werden musste, gefolgt von der Ansage: „Also ihr Pisser, macht was aus eurem Leben!“ Das wirkt erstmal etwas befremdlich. Man geht doch nicht am wohlverdienten langen Wochenende aus, um sich von der Bühne emotional übergriffig anschreien zu lassen.

Ist aber möglicherweise Teil der Inszenierung, denn das Dünnhäutige, Übergeschnappte findet sich auch im dann folgenden Hit der Band (eigene Aussage) „Szene einer Ehe“ wieder. Wagner erläutert etwas ausführlich, dass er beim zufälligen Radiohören im Auto festgestellt habe, dass der Song quasi ein Schwestersong zu einem Andreas-Bourani-Radiohit ist mit den Textzeilen: „Mein Herz schlägt schneller als deins, sie schlagen nicht mehr wie eins“. Der Sound von Gewalt ist sicher signifikant weniger radiotauglich und in der Wortwahl nicht ganz so metaphorisch, aber ja, die Parallelen sind unverkennbar.

GEWALT, 02.10.2016, Komma, Esslingen

Foto: Steffen Schmid

„Wie geht’s euch? Wie taugt es? Wie ist Gewalt?“ fragt Wagner, extrem heiser und komplett durchgeschwitzt, zwischendrin nach. Krachig, noisig, hypnotisch und laut sind Gewalt und umso länger das Konzert geht, umso leichter fällt es, sich auf die leicht größenwahnsinnige Performance einzulassen. Im letzten Stück wird beschwörend bis verzweifelt die eindringliche Formel „Wir sind sicher“ wiederholt. In welchen Anteilen bei Gewalt Hipster-Pose und  Angststörung zusammenkomnen, lässt sich schwer sagen, wahrscheinlich in wechselnden.

Nach einer knappen Stunde ist alles vorbei, eine Zugabe gibt es keine. Um gerade einmal elf Uhr werden wir in die Nacht entlassen. Auch mal ganz angenehm.

GEWALT, 02.10.2016, Komma, Esslingen

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