HEIMSPIEL KNYPHAUSEN, Tag 2, 24.07.2016, Draiser Hof, Eltville-Erbach

HEIMSPIEL KNYPHAUSEN, Tag 2, 23.07.2016, Draiser Hof, Eltville-Erbach

Foto: X-tof Hoyer

Man müsste mal eine Erhebung starten. Welcher Festivaltag wird im Schnitt als bester Tag angesehen und vor allem, welche sekundären Festival-Merkmale sind dabei von Bedeutung, neben den primären, wie Line-Up, Verpflegung, Preise usw.? Um es auf den Punkt zu bringen, nach der Bämbel-getränkten Nacht war die Reisegruppe definitiv „Im Eimer“, konnte sich aber dank eines opulenten Frühstücks im Herzen der hessischen Landeshauptstadt und einer fantastischen Gastgeberin wieder soweit regenerieren, dass auch die Chronistenpflicht über den zweiten Tag des „Heimspiels Knyphausen“ gewohnt professionell und kaum beeinflusst durch das häufig zu beobachtende sekundäre Festival-Merkmal „Kater“ angegangen werden konnte.

HEIMSPIEL KNYPHAUSEN, Tag 2, 23.07.2016, Draiser Hof, Eltville-Erbach

Foto: X-tof Hoyer

Am zweiten Tag reihen wir uns in den Decken-Reigen vor der Bühne ein und sichern uns einen zentralen Platz vor dem Mischpult. Die Stimmung auf dem Gelände wirkt entspannter, vielleicht auch etwas müde, was einem Sonntagnachmittag ganz gut zu Gesicht steht. Als erster Act steht die sogenannte „Heimspiel Hoffnung“ auf dem Programm, wobei es sich dieses Jahr um die Musikerin „Lilly Among Clouds“ aus Würzburg handelt, die mit bürgerlichem Namen Lilly Brüchner heißt. Sie wird von Gisbert zu Knyphausen als musikalische Nachwuchshoffnung vorgestellt, mit dem Hinweis auf die am Eingang verteilten Flyer, auf denen alle Besucher*innen einen musikalischen Wunschgast vermerken können. Dass „Lilly Among Clouds“ dann mit zwei alten Bühnengefährten des Gastgebers den Gig spielt, hat für mich dann doch ein kleines „Gschmäckle“ – aber vielleicht besteht dieser Eindruck zu Unrecht.

HEIMSPIEL KNYPHAUSEN, Tag 2, 23.07.2016, Draiser Hof, Eltville-Erbach

Foto: X-tof Hoyer

Musikalisch überzeugt mich auch heute der erste Act nicht. Das liegt einerseits an der Musik respektive ihrer Stimme. Die ist gut, keine Frage, in manchen Momenten klingt sie wie die junge Tori Amos, aber für meinen Geschmack habe ich diese Art der Stimme schon zu oft irgendwo gehört. Da kann die Künstlerin nichts dafür, sondern es trifft schlicht nicht meinen Nerv – auch die musikalische Ausarbeitung nicht. Das könnte für meinen Geschmack alles noch etwas verrückter und überraschender sein. Andererseits finden auch ihre Ansagen bei mir keinen Anklang: „Dieses Lied ist für Euch“ ist z.B. eine schon lange nicht mehr gehörte Plattitüde. Auch die Teenager-Themen erwecken kein großes Interesse auf meiner Seite und so lässt sich konstatieren, dass das alles schon ordentlich gemacht ist, nur nicht nach meinem Geschmack.

HEIMSPIEL KNYPHAUSEN, Tag 2, 23.07.2016, Draiser Hof, Eltville-Erbach

Foto: X-tof Hoyer

David Lemaitre trifft diesen schon deutlich zielsicherer. Die Stimme ist zunächst der allgemeinen Kategorie „Singer-Songwriter“ zuzuordnen (also wohlklingend, nicht allzu sehr verstörend). Die Musik überzeugt durch ihren Einfallsreichtum, was in erster Linie an den beiden Mitmusikern liegt: Zum einen werden ein Synthie, eine Geige und faszinierend alltägliche Sounds genutzt (ein reißendes Papier, Münzen in einem Glas), zum anderen ein mannigfaltiger Drum- und Percussion-Aufbau. Bei dem Song über den Meeresbiologen Jacques Cousteau gelingt es sogar, karibische Klänge auf eine nicht stereotypische Weise erklingen und wirken zu lassen. Wenn dann noch die Bass-Drum die Viertel durchschlägt, wachen wir als auch viele andere aus der Sonntagnachmittags-Starre auf und bewegen sich zum catchy Sound, der gegen Ende fast schon Minimal-Bereiche streift, und den kurzen Ausflug in die Coldplay-Stadion-Ecke bei einem Song, schnell wieder vergessen macht.

HEIMSPIEL KNYPHAUSEN, Tag 2, 23.07.2016, Draiser Hof, Eltville-Erbach

Foto: X-tof Hoyer

Enno Bunger ist ein alter Bekannter in Stuttgart. Nicht zuletzt durch sein wirklich tolles Wohnzimmerkonzert 2014, aber auch durch seine Auftritte im Kulturzentrum Merlin, zu dessen 33-jährigem Bestehen er – zusammen übrigens mit dem Gastgeber Gisbert zu Knyphausen – am 22. Oktober wieder zu Gast sein wird. Bunger legt mit dem Song „Renn“ fulminant los: Eine Mischung aus „Industrial-Songwriter-Pop“ und Kirchenorgel-Klängen legt einen fast schon düsteren Sound über das Festival-Gelände. Interessant ist über den gesamten Auftritt hinweg der Mix der hallig abgemischten Instrumente mit der kaum mit Hall belegten Stimme, die zudem für meinen Geschmack etwas zu weit in den Hintergrund gemischt ist. Manch einer der Songs schlittert zuweilen nah an der Grenze zur Belanglosigkeit, was meistens von orchestral anmutenden Momenten verhindert wird, während derer die Mitmusiker nicht mehr ganz so teilnahmslos wirken. Zwei Songs stechen hervor: „Wo bleiben die Beschwerden“ zeigt, dass populärer Pop auch heute politisch sein kann. Ein leider immer wichtiger werdender Aufruf, rechter Gewalt und Gesinnung, vor allem in bürgerlichen Kreisen, entgegenzutreten. Auch musikalisch überzeugt dieser Song mit der Düsternis des ersten Songs und einem eindringlichen Sprechgesang in den Strophen. Der Abschluss „Neonlicht“ endet in einer elektronischen Kaskade, die allen auf und vor der Bühne sichtbar Freude bereitet.

HEIMSPIEL KNYPHAUSEN, Tag 2, 23.07.2016, Draiser Hof, Eltville-Erbach

Foto: X-tof Hoyer

Es bleibt der letzte Künstler des Festivals: Get Well Soon. In der Pause lichten sich allmählich die Reihen vor der Bühne – viele haben laut der Kennzeichen auf dem Parkplatz noch einen weiten Weg zurückzulegen an diesem Sonntagabend. Sie verpassen dadurch leider mit den besten Auftritt dieses rundum gelungenen Festivals. Noch im März war ich durchaus angetan von seinem Auftritt in Stuttgart, nun bin ich schlicht begeistert. Konstantin Gropper und seine Band bringen all das auf die Bühne, was bei den anderen Acts – teils unfreiwillig – vermisst wurde: Musikalische Dichte, Präsenz, Direktheit, keine Diskussionen oder Kompromisse, mit der richtigen Dosis Düsternis und tanzbarem Pop. Dabei vernehme ich etwas mehr gewollte Brüche in den einzelnen Songs als noch im März, um nach manch chaotisch wirkendem Ausbruch wieder punktgenau Fahrt aufzunehmen und uns mitzureißen. Zwischenzeitlich setzt leichter Regen ein, was die Euphorie ob dieses Abschlusses nur noch weiter in die Höhe treibt. Noch die letzten Flaschen Weißwein für die Daheimgebliebenen eingetütet und das Rheingau hinter uns lassend, bleibt das Fazit, dass das Konzept des „Heimspiels Knyphausen“, was Location, Publikum, Personal, Ambiente und Line-Up angeht, wirklich zu überzeugen weiß.
HEIMSPIEL KNYPHAUSEN, Tag 2, 23.07.2016, Draiser Hof, Eltville-Erbach

Foto: X-tof Hoyer

Impressionen

Get Well Soon

Enno Bunger

David Lemaitre

Lilly among Clouds

Ein Gedanke zu „HEIMSPIEL KNYPHAUSEN, Tag 2, 24.07.2016, Draiser Hof, Eltville-Erbach

  • 31. Oktober 2017 um 00:43
    Permalink

    vielleicht stimmt das mit der Nachwuchs-Hoffnung ja doch irgendwie?
    Zumindest ist Lilly among Clouds die einzige deutsche Band, die auf der aktuellen „Australian Music Week“ diese Woche auftritt.
    –> https://facebook.com/events/984627165005165

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