SONG CONVERSATION mit HOLOFERNES, ZU KNYPHAUSEN & KÄPTN PENG, 19.06.2016, Karlskaserne, Ludwigsburg

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Foto: Reiner Pfisterer

Holofernes, zu Knyphausen und Käptn Peng zusammen auf einer Bühne – was genau mich da erwartet, weiß ich auch nicht so genau. „Song Conversation“ nennt sich die Veranstaltung, die im Rahmen der diesjährigen Ludwigsburger Schlossfestspiele stattfindet. Ich muss an „Sing meinen Song“ denken und mir läuft ein eiskalter Schauer über den Rücken. Aber auf der Bühne stehen ja Musiker, die ich mag und respektiere. Und nicht Boss Hoss, Andreas Gabalier, Xavier Naidoo oder Nena. Also auf auf in die Karlskaserne in Ludwigsburg. Eine schöne Location ist das schonmal.

Bei bestem Wetter fläzt das Publikum im chilligen Innenhof rum und trinkt Bier und Wein. Recht gemischt ist es – vom chuckstragenden Twen bis zum halbglatzetragenden Herrn im letzten Lebensdrittel in adretter Begleitung. Die ganz Jungen fehlen allerdings fast ganz. Auch der Garderobe so manches Gastes merkt man den etwas schickeren Rahmen des Konzertes an. Macht ja nix. Ich trinke schnell noch ein Bierchen, genieße die Sonne und lese mir die Kurzinterviews der drei Musiker im Programmheft durch. Die geben darin Lieblingssongs und Einflüsse ihres eigenen Schaffens bekannt. Lustig: die sehr buntgemischten Songwriter, die Käptn Peng geprägt haben: Busta Rhymes, Conor Oberst, Slayer, Joanna Newsom, Motorpsycho, Blood Brothers und Frank Zappa. Da ertönt auch schon der Theatergong, der verkündet, dass es Zeit ist die Plätze im ausverkauften Saal einzunehmen.

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Foto: Reiner Pfisterer

Die ehemalige Reithalle ist komplett bestuhlt, was man bei einem solchen Konzert schon mal machen kann. Ist mir auch ganz recht heute. Wird ja bestimmt eher ruhig. Kurz nachdem ich meinen Platz eingenommen habe, geht es auch schon los. Judith Holofernes – Frontfrau der auf unbestimmte Zeit pausierenden Wir Sind Helden, Singer-Songwriter Gisbert zu Knyphausen und Alternative-Hip-Hopper Käptn Peng, alias Robert Gwisdek, betreten unter großem Applaus in Begleitung ihrer Gastmusiker Felix Weigt und Max Schröder, die mit ein paar Glühbirnen angenehm spärlich beleuchtete Bühne. Holofernes berichtet kurz von der aufreibenden Vorbereitung für dieses außergewöhnliche Event, das am Tag zuvor schon im Kunstmuseum Stuttgart aufgeführt wurde. Überfordert seien sie gewesen von der künstlerischen Freiheit, die der Veranstalter ihnen eingeräumt habe. Ich bin gespannt, was sie daraus gemacht haben.

Als Opener spielt Holofernes ihren poppig-flotten Song „M.I.L.F.“, in dem es, wie der Titel nicht gerade erwarten lässt, um Musikgeschmack geht. Quasi eine kleine thematische Einführung in den Abend. Es folgt „Monster“ von Wir sind Helden. Das sehr junge Mädchen neben mir jauchzt, strahlt über das ganze Gesicht und fängt an mitzusingen. Wenn ich mich so umschaue, machen das zumindest um mich herum nicht all zu viele. Das Publikum ist eben ein wenig gesetzter. Am donnernden Applaus zwischen den Liedern kann man aber gut erkennen, dass hier trotzdem alle schwer begeistert sind. Zeigt halt jeder anders.

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Foto: Reiner Pfisterer

Einer der Höhepunkte ist für mich ganz klar die wunderschön gelungene Coverversion „Henry Lee“, im Original von Nick Cave And The Bad Seeds. Zu Knyphausen und Holofernes performen das mit so viel Gefühl, dass es vielleicht sogar dem Altmeister selbst gefallen hätte. Als verstörend und wunderschön zugleich hatte Holofernes das Stück von Caves morbidem Meisterwerk „Murder Ballads“ angekündigt. Und so wirkt es auch. Gänsehaut. Ist zwar nicht das Original, aber es packt mich. Es folgen Coverversionen von Element Of Crimes „Ofen aus Glas“, Bright Eyes „Bowl Of Oranges“, Bob Dylans „Masters Of War“ und natürlich eigene Songs der drei Musiker, bzw. ihrer Bandprojekte. Manche spielen die Urheber selber, manche überlassen sie ihren Kollegen.  Manchmal halten sich die beiden, die nicht singen im Hintergrund, manchmal unterstützen sie mit Stimme oder Instrument und manchmal wird aus zwei Songs ein Dialog. Immer erklären sie auch äußerst sympathisch, was sie dazu gebracht hat ein bestimmtes Lied zu covern oder welche Facette der Musik sie damit beleuchten wollen. Mal ist es die Liebe, mal die Wut und mal die Trauer. Dass in der Ausführung alles ein wenig offen und nicht so streng reglementiert ist, finde ich sehr angenehm. Hier hat auch keiner wie beim unsäglichen „Sing meinen Song“ Tränen der Rührung in den Augen, wenn einer der anderen den eigenen Song singt. Ein ehrlich strahlendes Gesicht sagt mindestens genau so viel aus. Es wird sich auch nicht gegenseitig ständig beweihräuchert um Albumverkäufe zu steigern und auch rührende Geschichten vom Tod eines engen Familienangehörigen bleiben aus. Und wenn man wie bei „Ofen aus Glas“ den Anfang eines Stückes mal komplett versaut, ist das auch nicht schlimm. Dann fängt man unter dem Applaus des Publikums einfach nochmal an. Die im Programm angekündigte Pause übergehen die drei ganz einfach. „Wir mögen keine Pausen“, erklärt Holofernes. Ich auch nicht. Gefällt mir alles außerordentlich gut.

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Foto: Reiner Pfisterer

Auch wenn Holofernes und zu Knyphausen mit noch so viel Gefühl und Inbrunst singen, der heimliche Star des Abends ist für mich Käptn Peng. Erstens weil er sich, wie auch seine Musikerkollegin bestätigt, als Hip-Hopper am weitesten aus seiner Komfortzone herauswagt, aber hauptsächlich weil der Jüngste der drei die jugendliche Energie einbringt, die aus einem sehr netten einen außergewöhnlichen Abend macht. Peng philosophiert, rappt, singt und tanzt herum was das Zeug hält. Er hat Hummeln im Hintern und schwer was im Kopf. Vielleicht auch ein wenig was am Kopf, aber auf gute Art und Weise. Ist mir nicht wirklich verständlich, warum sein Projekt Käptn Peng & Die Tentakel von Delphi eher ein Geheimtipp ist. Denn der Sohn der beiden Schauspieler Michael Gwisdek und Corinna Harfouch, der auch selbst Schauspieler ist, versteht es auf unglaublich philosophische Art und Weise zu reimen. Aber versteh einer die Menschen. Peng und seine Kollegen haben jedenfalls richtig Spaß bei dem, was sie da machen. Die Energie zwischen den dreien scheint einfach zu stimmen. Das merkt man an offensichtlichen Gesten wie Umarmungen, aber auch daran wie herzerwärmend sie sich anlächeln oder sich verschwörerische Blicke zuwerfen.

Als Holofernes, die eigentlich (wie ich gerade gelernt habe) Judith Holfelder-von der Tann heißt, zu Knyphausen und Käptn Peng nach etwa 90 Minuten die Bühne verlassen, gibt es donnernden Applaus und stehende Ovationen. Klar, da kommen die drei natürlich nochmal für eine Zugabe zurück. Es werden Wünsche angenommen. Gisbert zu Knyphausen spielt seinen Song „Flugangst“ und die Ex-Wir Sind Helden-Sängerin covert Lyle Lovetts „If I had a boat“ in ihrer eigenen deutschen Übersetzung, bevor es für mich zum zweiten Höhepunkt des Abends kommt. Käptn Peng entledigt sich seiner Schuhe, denn er braucht seine Socken als Handpuppen. Ja Mann! „Sockosophie“ soll den Abschluss eines von vorn bis hinten gelungenen Abends machen. Peng reimt mir einen Knoten in den Kopf mit seiner ganz eigenen Art das Universum und unseren Platz darin zu sehen. Leider ein wenig smoother als auf dem Album, aber immer noch grandios. Es donnert nochmal ordentlich Applaus, dann ist es vorbei. Ich bin begeistert. Weil sympathische Musiker, die sich selbst nicht zu ernst nehmen, sich und ihren Helden auf völlig unprätentiöse Art und Weise Respekt gezollt haben. Weil die Art und Weise offen gehalten und nicht in das enge Korsett eines strengen Konzeptes gepresst wurde. Und weil die Energie zwischen den Künstlern auch für das Publikum deutlich spürbar war. Bleibt zu hoffen, dass diese Art von Konzert auch nächstes Jahr wieder stattfindet. Und dass die Veranstalter bei der Auswahl der Musiker dann ein ähnlich glückliches Händchen haben. Chapeau!

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Foto: Reiner Pfisterer

Setlist:
JUDITH HOLOFERNES – M.I.L.F.
WIR SIND HELDEN – Monster
SPINVIS – Koning Alcohol
NICK CAVE – Henry Lee
GISBERT ZU KNYPHAUSEN – Neues, unveröffentlichtes Lied ohne Titel / KÄPTN PENG – Sie mögen sich
JUDITH HOLOFERNES – Liebe Teil 2
ELEMENT OF CRIME – Ofen aus Glas
WIR SIND HELDEN – Nichts was wir tun könnten
JUDITH HOLOFERNES Danke, ich hab schon / KÄPTN PENG – Kündigung
GISBERT ZU KNYPHAUSEN – Verschwende deine Zeit
WIR SIND HELDEN – Stiller / KÄPTN PENG – Sein Name sei Peng
BRIGHT EYES – Bowl of Oranges
BOB DYLAN – Masters of War
KÄPTN PENG – Liebes Leben
KID KOPPHAUSEN – Das Leichteste der Welt

ZUGABEN
GISBERT ZU KNYPHAUSEN – Flugangst
LYLE LOVETT / JUDITH HOLOFERNES – If I Had A Boat
KÄPTN PENG – Sockosophie

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