DAS VEREINSHEIM, 08.06.2016, Scala, Ludwigsburg

DAS VEREINSHEIM, 08.06.2016, Scala, Ludwigsburg

Foto: X-tof Hoyer

Irgendwann im Verlauf dieses Frühjahrs begegne ich dieser Veranstaltung, die im Ludwigsburger Scala stattfinden soll und von „Hejscala“, dem noch relativ jungen, Scala-Programm veranstaltet wird und für dessen Programm sich bis zu diesem Abend Flo König verantwortlich zeichnet: „Das Vereinsheim“. Nun ist es so, dass es vielleicht kaum einen typischeren deutschen Ort gibt als ein Vereinsheim. Sie sind Treffpunkte für Generationen, Orte der Gemütlichkeit, der Festivitäten, der Vereinskultur und das ein oder andere Vereinsheim könnte derweilen ein bisschen Durchzug und frische Luft gebrauchen – das schwingt in der Konnotation dieses Begriffes mit.

Die genauen Beweggründe, warum die Musiker Tommy Baldu, Nico Schnepf und David Maier (der durch den Abend führt) sich für ihr Musiker-Kollektiv ausgerechnet diesen Namen gaben, bleibt an diesem Abend ihr Geheimnis. Es führt allerdings dazu, dass ich mir nicht sicher bin, was mich an diesem Abend erwarten wird. Drei Musiker, die sich weitere drei Musiker und eine Musikerin einladen und in ihrer Facebook-Info etwas wolkig von einem „Wohnzimmer für die Sinne“ schreiben. Weiter heißt es da: „Es ist ein Ort, an dem sich Künstler und Publikum auf eine gemeinsame Reise begeben, um in eine musikalisch-visuelle Welt einzutauchen – fernab vom Mainstream, irgendwo dort, wo es sich gut anfühlt.“

DAS VEREINSHEIM, 08.06.2016, Scala, Ludwigsburg
Im Scala angekommen fühlt es sich schon allein aus dem Grund gut an, da es trocken, wärmer und gemütlicher ist als im verregneten Ludwigsburger Abend. Das Set ist zu einer Art runden Bühne in der Mitte des Raumes aufgebaut, auf einem großen Teppich mit verschiedensten Stühlen, Sesseln und allerlei Instrumenten. Das Scala macht seit seinem Umbau außerdem einen hervorragenden Eindruck – da haben alle Beteiligten einiges geleistet, allen voran Geschäftsführer Edgar Lichtner. Nicht nur was den Ablauf und das Konzept des Abends angeht, bin ich gespannt, was mich erwartet, auch und vor allem musikalisch: Eingeladen sind zu diesem Abend Julia Marcell, Ómar Guðjónsson, Michael Paucker, der die Musiker am Bass begleitet, und „And The Golden Choir“, den man vielleicht noch vom letztjährigen Marienplatzfest kennt.

Das Konzept sieht so aus, dass diese Gruppe, unterstützt von zwei Laptop-Künstlern, die für 360°-Live-Visuals sorgen, eine Mini-Tour mit den Stationen Mannheim, Frankfurt, Karlsruhe und zum ersten Mal Ludwigsburg unternehmen und den Abend über gemeinsam auf der Bühne sitzen. Abwechselnd werden Songs der Gäste sowie des Kollektivs „Das Vereinsheim“ gespielt, wobei an dieser Stelle das erste auffallende Merkmal zu nennen ist: Teilweise werden die Songs mit Unterstützung von Noten mitgespielt. Klar, eine gemeinsame Probezeit im Vorfeld wird schwierig sein, aber das Können aller Anwesenden scheint das gar nicht nötig zu machen.
Um es schon vorweg zu nehmen, ausnahmslos alle Songs, die in den nächsten knapp zwei Stunden präsentiert werden, gehen ins Ohr und bieten wunderbare Momente in diesem im Laufe des Abends immer schöner werdenden Ambiente. Zu Beginn dauert es ein, zwei Songs, bis ich weiß, wie ich diesen Abend einschätzen kann. Aber schnell wird klar, dass dieses Konzept nicht aufgesetzt wirkt, sondern im Gegenteil, äußerst stimmig. Und vor allem haben alle auf der Bühne sichtbares Vergnügen an dem, was sie machen und auch hören. Denn es spielen nicht bei alle bei jedem Song mit, sondern es kommt vor, dass z.B. Tobias Siebert („And The Golden Choir“) drei oder vier Songs andächtig lauschend oder im Takt mitwippend auf der Bühne sitzt.

DAS VEREINSHEIM, 08.06.2016, Scala, Ludwigsburg
Den Auftakt machen zwei Songs von „Das Vereinsheim“, bei denen Sänger David Maier und seine Mitmusiker deutsche Popsongs präsentieren, die sich weit weg von der bei deutscher Musik nicht selten zu hörenden Peinlichkeit bewegen, was hauptsächlich an ihrem sehr klugen Arrangement liegt, das viel Raum lässt für klangliche Nuancen neben der eingängigen Melodie. Die Auswahl ihrer Gäste erweist sich nach der ersten Runde als äußerst gelungen. Julia Marcell schlägt live trotz ihrer hohen und klaren Stimme deutlich rockigere Töne an, als man es bei ihren frühen Songs vernehmen kann und weiß damit sehr zu überzeugen. Vor allem der Song „Superman“ sind sieben oder acht Minuten gesteigerte Energie: Ein durchgehendes Riff und ein stampfender Rhythmus werden mit Verve ergänzt durch Guðjónssons Gitarrenspiel und immer weiter und weiter getrieben. Nicht umsonst einer der meist bejubelten Songs an diesem Abend.

DAS VEREINSHEIM, 08.06.2016, Scala, Ludwigsburg
Aber auch die beiden anderen Gäste wissen das immer mehr begeistert wirkende Publikum, das teilweise sehr nah rings um die Bühne sitzt, mit ihren jeweils vier Songs zu überzeugen. Ómar Guðjónsson präsentiert prägnante Blues-Songs, bei denen er teilweise sehr expressive Gitarrensoli – im wahrsten Sinne, wenn man sein Spiel anschaut – runterreißt. Aber noch etwas mehr begeistert er mich, wie er die Songs, die er wahrscheinlich noch nicht allzu lange kennen dürfte, begleitet. Er spielt sich nie in den Vordergrund, wirkt dabei mit seinem Sound aber sehr präsent und – so ist mein Eindruck – wartet mit der ein oder anderen spontanen Idee auf, was aber auch beim Stage-Pianisten Nico Schnepf immer wieder zu beobachten ist. Dann wird von Seiten der Anderen anerkennend genickt, geschmunzelt, geklatscht und das bereitet mir als Zuschauer großes Vergnügen.

DAS VEREINSHEIM, 08.06.2016, Scala, Ludwigsburg
Tobias Siebert alias „And The Golden Choir“ tritt normalerweise eigentlich so auf, dass er die instrumentale Version seiner Songs von Platte abspielt und diese gesanglich und mit Akustik-Gitarre oder einem anderen Saiteninstrument begleitet. Nicht so heute, denn er wird, wie alle anderen vom „Vereinsheim“ begleitet, was erstens ihm und zweitens dem Publikum sichtlich zu gefallen scheint. Seine teils sehr hohe Stimme kommt auch Dank des an sich ziemlich guten Gesamtsounds in Gänsehautmanier bei mir an, vor allem sein letzter Song „My Brothers Home“, den er auf einer Zymbal begleitet. Sein Album „The Better Half“ ist sowieso absolut zu empfehlen und auf seine Andeutung, demnächst mit Band auf Tour zu gehen, kann man sich wirklich freuen. Sehr präsent präsentiert sich Siebert auf der Bühne und vor allem zu seinen eher melancholischen Songs passen die Visuals, welche rundherum projiziert werden, hervorragend.

Man kann nur hoffen, dass diese Reihe im Scala fortgeführt wird. Falls es klappt, wäre dies am 17. September, mit dann hoffentlich einem größeren Publikum – verdient wäre es!

DAS VEREINSHEIM, 08.06.2016, Scala, Ludwigsburg

Das Vereinsheim

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