HODJA, 29.04.2016, Goldmark’s, Stuttgart

HODJA, 29.04.2016, Goldmark's, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Da steht er im schwarzen Anzug und Sonnenbrille, ganz dicht vor dem komplett zugezogenen Vorhang im Bühnenhintergrund, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Gamiel Stone, der eigentlich Claudius Pratt heißt, steht ganz cool da, wippt dann leicht mit dem Rhythmus seiner beiden Bandkollegen Tenboi Levinson an der Gitarre und f.w. smolls (Matthias Klein) an den Drums mit, bis es schließlich aus ihm herausbricht und er der energiegeladenen Musik noch das Tüpfelchen auf dem i aufsetzt, indem er eine Gesangs- und Bühnenperformance hinlegt, als sei es das letzte Konzert der Band Hodja.

Das Goldmark’s ist zu diesem Zeitpunkt richtig gut gefüllt und ein großer Teil des Publikums konnte sich schon zum Support, der Onemanband Slur  eingrooven. Dahinter verbirgt sich der Mannheimer Jörg Beer, der mit Gitarre und zwei Fußmaschinen (Bass- und Snaredrum/Tamburin) charmant schrammeligen Blues auf die Bühne bringt, wobei der Gesang sehr charakteristisch ist: Nicht nur, dass das schon zigmal geklebte Mikro aussieht, als wäre es aus dem Jahre 1957, auch die Stimme klingt, als käme sie aus einer Mittelwelle-Zeitschleife aus jenen fernen Jahrzehnten. Textlich ist es dabei egal, was gesungen wird, da kein einziges Wort zu verstehen ist.

HODJA, 29.04.2016, Goldmark's, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Und dann eben Hodja. Zwei Drittel – Drummer Klein und Sänger Pratt – sind auch Mitglieder der Band Reverend Shine Snake Oil Co., die mich schon bei ihrem letzten Auftritt an selbiger Stelle umgehauen haben. Die beiden taten sich im alternativen Kopenhagener Stadtteil Christiana zusammen und räumten die Gospel- und Soulelemente ihrer Stammkapelle zur Seite, sodass ein äußerst erdiger, ursprünglicher und gewaltiger Blues-Garage-Rock’n’Roll-Sound übrig geblieben ist. Und diesen zelebrieren die drei, dass es eine wahre Pracht ist! Pratt dreht sich also hüftschwingend zum getragenen Rhythmus des ersten Songs „No Tomorrow“ zum Publikum, aus dessen Reihen in den Gesangspausen Jauchzer ertönen. Die Intensität und die Spannung, mit der die drei Musiker sich an die Songs machen, sie vereinzelt in ihre Bestandteile zerreißen, zieht einen kompromisslos in den Bann dieser Band.

Sänger Claudius Pratt wirkt mit seinen Gesten oft wie ein Prediger: flehend, betörend, berauschend bewegt er sich über die Bühne, der Schweiß rinnt ihm das Gesicht und die Brust herunter, auf die er sich immer wieder mit der Faust klopft. Im zweiten Stück („So Heavy“) steigt die Intensität in einer Weise an, bei der man zu diesem Zeitpunkt nur erahnen kann, wo dieser Gig noch hinführen wird. Was mich neben all dem Furor, mit dem die Songs intoniert werden, noch begeistert, sind kleine musikalische Elemente, die zeigen, welch formidable Musiker Tenboi Levinson und Matthias Klein sind. Letzterer veredelt den dominierenden Gesang Pratts mit einer sehr gut passenden zweiten Stimme und treibt die beiden mit seinem präzisen Schlagzeugspiel förmlich vor sich her, wenn er z.B. beim vierten Song („Ariene“) energetisch im Stehen spielt. Levinson spielt dazu eine Gitarre, die in dieser Musikrichtung keinen Wunsch offen lässt, nicht einmal den nach einem Bass. Mal kreischend, mal im Dialog mit Sänger Pratts, mal solistisch ausgelassen, mal eine smoothe Slidegitarre – aber immer mit Blick auf einen passenden Gesamtsound. Und bei ein paar Songs auch mit einer gar nicht folk-haften Mandoline.

HODJA, 29.04.2016, Goldmark's, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Viele Assoziationen kommen mir bei diesem wilden Rock’n’Roll- und Blues-Ritt in den Sinn. „Halos“, das Titelstück des zweiten und aktuellen Albums klingt wie der bessere Soundtrack zum durchgeknallten Finale in Tarantinos „The Hateful 8“. Das wunderbare „Gazelle“ klingt wie ein musikgewordener Roadtrip durch die zentralen USA und wartet nebenbei mit einer unnachahmlichen Hookline auf. Und wenn ich mich während des zweiten Stückes gefragt hatte, wo das noch enden soll, liefern nach dem umjubelten Abgang Pratts die beiden verbliebenen Musiker die Antwort und legen ein minutenlanges, fanatisches, aber nie peinliches Duett hin, das aus verschiedenen Soli-Teilen besteht und Drummer Klein den Schweiß in die Augen treibt. Das ist schlicht hervorragend!

Weniger hervorragend ist dagegen das Verhalten von wenigen, aber deutlich zu vernehmenden Besuchern und Besucherinnen, die es sich nicht nehmen lassen wollen, bei den drei ruhigen Momenten des Konzerts weiter ihre Neuigkeiten auszutauschen. Da helfen kein Zeigefinger des Drummers, während Levinson ein wunderbares Slide-Gitarrensolo auf die Bretter zaubert, und auch keine „Psssst“-Laute aus dem genervten Teil des Publikums. Auch wenn 90 % eines Konzerts klingen und wirken, als sei man in einem der verruchtesten Blues-Clubs gelandet, sollte man es während des Gesprächs wenigstens auf die Reihe bekommen, an den ruhigen Stellen die Klappe zu halten. Nach dem Konzert auf den Umstand angesprochen, meint Drummer Klein lakonisch: „Oh well, I’m used to it.“ Äußerst schade!

HODJA, 29.04.2016, Goldmark's, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Hodja

Slur

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