PROTOMARTYR, 12.04.2016, Schocken, Stuttgart

Protomartyr

Foto: Steffen Schmid

Die Umstände, in welcher Art und Weise einem die Ehre zu Teil wird, einen Bericht zu einem bestimmten Konzert zu schreiben, sind mannigfaltig. Im Fall von Protomartyr kam ich reichlich spontan – auf dem Weg zum Konzert – zu dieser Ehre, obwohl die Band aus Detroit schon Schreiber-Kollege Holger und mir beim Easter-Ska-Jam am Ostermontag vom Fotografen-Kollegen Schmoudi wärmstens ans Herz gelegt wurde.

Nach ca. einer Stunde Spielzeit stand die kleine Truppe an bekannten Konzertgängern zusammen und schwärmte in den höchsten Tönen von dem eben Gehörten und Gesehenen. Dabei fielen Referenz-Bands, deren Namen ich teils schon mal in ähnlichen Momenten vernommen hatte, die mir teils aber auch völlig unbekannt waren. Mit Bewunderung nehme ich dabei immer zur Kenntnis, dass es ein wahrer Kosmos an interessanten Bands und Sounds (vornehmlich der 80er-Jahre) erfolgreich schafft, sich vor mir versteckt zu halten.

Heads

Foto: Steffen Schmid

Nicht versteckt, sondern schlicht nicht früh genug im Schocken, ist ein erheblicher Teil der Gäste, als die Band Heads, für den Club Schocken ziemlich früh, auf die Bühne kommt. Das Trio aus Berlin um den australischen Sänger und Gitarristen Ed Fraser gibt den Anwesenden in getragenem Tempo ab dem ersten Ton ziemlich eins auf die Zwölf. Gitarre, Bass und Schlagzeug spielen stakkatohaften Industrial-Post-Metal. Keine Ahnung, ob diese Genre-Bezeichnung existiert, für mich klingt es passend und irgendwas mit „Post“ gehört schließlich in jede ernstzunehmende Konzertkritik. Dem Gesang haftet an manchen Stellen etwas von einer Performance an und spannend wird das Ganze, als ich mich erstens eingehört habe und als zweitens eine Spur Psychedelic dem Sound an manchen Stellen etwas Luft verschafft.

Protomartyr

Foto: Steffen Schmid

Als die vier Musiker von Protomartyr die Bühne betreten, hat sich das Schocken weiter gefüllt und wahrscheinlich alle, die diese Band noch nicht live erlebt hat, geht es wie uns: Was ein herrlich skurriler, verschrobener, cooler Frontmann! Joe Casey steht vor dem Publikum, als hätte er sich verlaufen oder wäre zufällig von der Band an der nächstgelegenen Bushaltestelle eingesammelt, des Aktenkoffers entledigt und auf die Bühne gestellt worden. Ihn scheint auch nicht zu interessieren, dass die Musik einsetzt und Greg Ahee an der Gitarre, Scott Davidson am Bass und Alex Leonard am Schlagzeug sich anschicken, sich in eine einstündige Post(!)-Punk-Rock-Orgie hineinzustürzen. Doch dann stürzt er hinterher, indem er mit beiläufigen Enthusiasmus und einer spürbaren Wut die Texte in das hoch gestellte Mikro hinein- ja was? Hineinspricht? Hineinschreit? Hineinrotzt? Egal, es wirkt auf alle Fälle beeindruckend und fügt sich perfekt ein in die gesamte musikalische Darbietung.

Protomartyr

Foto: Steffen Schmid

Die Songs ähneln sich für meinen Geschmack über weite Strecken des Konzerts etwas zu sehr. Nicht, weil mir es nicht großen Genuss bereitet, sondern eher weil ich es interessant gefunden hätte zu hören, ob sie dieses Prinzip auch brechen können: Die Strophe im Dark-Wave-Stil mit cleanem Gitarrensound, der Refrain punkig verzerrt und mit anziehendem Tempo und Furor. Allerdings hätte dann der Auftritt wahrscheinlich nicht den gleichen Sog entwickelt. Und in diesem scheinen sich auch die Musiker zu befinden: Ahee steht oft mit geschlossenen Augen und kreisendem Kopf an seiner Gitarre, Davidson dagegen mit dem immer gleichen, wippenden Ausfallschritt nach vorne und Leonard trommelt ekstatisch, wodurch er die Songs ordentlich nach vorne treibt. Sänger Casey nimmt unterdessen zu keinem Zeitpunkt irgendeine bekannte Sänger-Pose ein. Stattdessen steigert er sich, eine Hand in der Hosentasche, immer weiter in das Schreien hinein, klingt dabei mit seinem stetig in der Hand haltenden Getränk (die beiden Bierflaschen werden stilecht mit dem Holzgriff-Flaschenöffner geöffnet) wie ein schreiender englischer Fußballfan im Pub. Das passt von der Form alles bestens zueinander und erinnert insgesamt verdammt an das Duo Sleaford Mods. Keine Ansagen, keine Konversation, weiter zum nächsten Song, immer weiter, bis der Rausch mit einem Mal ein Ende findet, in einem kurzen Lächeln und einem verschwitzten Winken ins begeisterte Publikum.

Protomartyr

Foto: Steffen Schmid

Protomartyr

Heads

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