SARAH KUTTNER, 16.03.2016, Im Wizemann, Stuttgart

SARAH KUTTNER, 16.03.16, Im Wizemann, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Außerhalb von Twitter über Twitter zu schreiben ist irgendwie eine unbefriedigende Angelegenheit. Denn man befindet sich genau dann nicht auf der Plattform, die man just in diesem Moment thematisiert oder über die man liest. Es fehlt das besprochene Objekt. Daher hatte ich auch kurz daran gedacht, den Bericht zur Lesung Sarah Kuttners schlicht in einem einzigen Tweet zu schreiben – klassisch in 140 Zeichen. Das hätte den Vorteil gehabt, durch einen möglichen Retweet der wirklich guten Twitter-Userin Sarah Kuttner herself einen erheblichen viralen Schub der Verbreitung zu erfahren. Aber schon nach wenigen Minuten in der großen Halle Im Wizemann (wohin das veranstaltende Merlin auswich) war klar, dass die Fülle an Worten, die in den nächsten knapp zwei Stunden von Kuttner zu vernehmen sein würde, sich kaum auf einen Tweet komprimieren lässt.

Interessant ist die Zusammensetzung des Publikums, und zwar hinsichtlich der Geschlechterverteilung: Geschätzte 95 Prozent der Anwesenden sind Frauen. Hatte ich in dieser Deutlichkeit nicht erwartet. Oder muss bei Kuttners literarischen Werken, wie den Romanen „Mängelexemplar“ und „Wachstumsschmerzen“ sowie ihren Kolumnen, doch die seltsame Kategorie „Frauenliteratur“ verwendet werden? Wären bei einer Lesung Nick Hornbys 95 Prozent Männer anwesend? Vielleicht. Spricht man bei Nick Hornby von „Männerliteratur“? Nein – der wird bei Wikipedia sogar unter „Popliteratur“ eingeordnet. Vielleicht ist die schlichte Erklärung, dass der Erzähler bzw. die Erzählerin, die bei beiden oft in der Ich-Form auftritt, meist dieselbe Geschlechterperspektive wie der Autor oder die Autorin einnimmt und das bei dem alltäglichen Gegenstand der Romanstoffe durch die dazugehörigen gleichgeschlechtlichen Lesenden besser nachvollziehbar ist.

SARAH KUTTNER, 16.03.16, Im Wizemann, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Bevor dieser Bericht völlig abgleitet, sei erstmals passend Sarah Kuttner zitiert: „Das ist ja kein Literatur-Treff.“ Das sagt sie gegen Ende ihres Warm-Ups, in welchem sie locker-flockig, witzig und charmant den Abend einläutet. Selbstverständlich wird als erstes das obligatorische Foto des Publikums (in der Panorama-Einstellung) geschossen, dann bewusst umständlich lustig der Lesetisch umgeräumt und ob der Geschlechteraufteilung wissend gefragt, wer denn nicht ganz freiwillig anwesend sei. Dazu noch ein paar nette bis skurrile Momente der vergangenen Tage, in denen in Stuttgart residiert wurde, Anspielungen auf Feinstaub, Stau und Service-Mentalität. Schon ist eine heitere Atmosphäre hergestellt und es geht los mit dem eigentlichen ersten Teil: der Lesung.

SARAH KUTTNER, 16.03.16, Im Wizemann, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Davor aber noch kurz ein oder zwei Bemerkungen zu Kuttners Auftreten. Vermutlich alle, die an diesem Abend dieser Veranstaltung beiwohnen, werden sie auch aus diversen Fernsehformaten kennen. Angefangen von dem mittlerweile konsequenterweise untergegangenen Musikfernsehen (Kuttner moderierte sowohl bei VIVA als auch bei MTV), bis hin zu Sendungen wie „Slam Tour mit Kuttner“, „Kuttners Kleinanzeigen“, „Frau Kuttner & Herr Kavka“, „Bambule“ oder das letzte Projekt „Kuttner plus zwei“. Der Umstand, eine aus dem TV bekannte Person zum ersten Mal außerhalb dieses Mediums zu erleben, ist von einem evtl. seit Jahren geprägten Bild dieser Person beeinflusst. Bei Sarah Kuttner ist es so, dass mein Bild vollständig bestätigt wird: Schnell, schlagfertig, energiegeladen, witzig. Das Format der Lesung und des direkten Kontakts zum Publikum trägt also nicht zu einer Veränderung des Bilds bei, das sie selbst der Öffentlichkeit vorgibt.

SARAH KUTTNER, 16.03.16, Im Wizemann, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Der aktuelle Roman, aus dem Kuttner einen beachtlichen Anteil vorliest, trägt den Titel „180° Meer“. Ich habe ihn nicht gelesen, was aber überhaupt kein Hindernis ist, dem vorgelesenen Text zu folgen und sehr schnell im Romangeschehen drin zu sein, was auch an den für die Lesung geschickt zusammengesetzten Textbausteinen liegt. Auch beim Vorlesen, was ja nie so einfach ist, wie man oft denkt, verstellt sich Kuttner nicht. Sie liest relativ schnell, schafft es aber durch passende Betonungen und trotz der Schnelligkeit mit gut gesetzten kurzen Pausen, dass man ihr gut folgen kann. Zudem wird durch die leichte Hektik eine zum Thema des Buches passende Stimmung erzeugt: Die Erzählerin im Konflikt mit dem Rest ihrer Umwelt und am Suchen nach möglichen Antworten, die sie zunächst nicht findet. Das passt natürlich wie die Faust auf’s Auge zur Lebenswelt der potentiellen Leserschaft der Twenty- und Thirtysomethings: Bar-Erlebnisse (die Erzählerin singt in einer Cover-Band mit „einer gehörigen Prise Soul“), Unzufriedenheit mit dem eigenen Aussehen, Beziehung und vor allem Beziehungsgespräche, das Verhältnis zur Mutter und ihrem Neuen, Familiengeschichte (Trennung der Eltern), Flucht in hippe Großstadt (zum Bruder nach London), WG-Leben, Anspielungen auf den Trash des Alltags (TV, Cappuccino-Wandtattoo), aufkommende Krebs-Erkrankungen im eigenen Umfeld. Die Fülle an Wiedererkennungsmöglichkeiten zum eigenen Leben ist so groß, dass man als gut situiertes Mitglied des Großstadt-affinen Bildungsbürgertums zwangsläufig Aspekte der Identifikation mit der Erzählerin findet und sich somit bestens unterhalten fühlt. So vermerke ich an vielen Stellen des Textes gemeinsam wissendes Lachen in den fast komplett besetzten Stuhlreihen (z.B. beim Telefon-Gespräch mit Mutter), aber auch teils völlig unterschiedlich verteilt.

SARAH KUTTNER, 16.03.16, Im Wizemann, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Im zweiten Teil sollen Fragen gestellt werden, mit dem expliziten Hinweis, es sei völlig egal, was diese zum Gegenstand hätten. Und hier fällt dann auf, dass es im gleichen Ton weitergeht, nur eben mit mehr Spontanität. Wobei ich vermute, dass Kuttner die an diesem Abend gestellten Fragen nicht zum ersten Mal vernimmt: Wie geht’s dem Hund? Was gab’s zum Abendessen? Wie lange dauerte der Schreibprozess? Was hältst Du von der Verfilmung von „Mängelexemplar“? Findest Du Dich selber geil? Bei dieser Frage kommt Kuttners Antwort sympathischerweise zum einzigen Mal nicht wie aus der Pistole geschossen, sondern fällt auf interessante Art und Weise differenziert aus, sinngemäß: Im klassischen Sinne nicht, aber die Tatsache, dass ein paar Hundert zu der eigenen Lesung erscheinen, sei schon ein geiles Gefühl.

Sarah Kuttner

Ein Gedanke zu „SARAH KUTTNER, 16.03.2016, Im Wizemann, Stuttgart

  • 18. März 2016 um 11:45
    Permalink

    Toller Bericht, tolle Fotos und tolles Merlin, das die Lesung veranstaltet hat, yeah!

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