LANDTAGSWAHL BADEN-WÜRTTEMBERG, 13.3.2016, Neues Schloss, Stuttgart

Landtagswahl

Foto: Steffen Schmid

Irgendwas müssen wir mit unserer Berichterstattung zur Wahl vor fünf Jahren richtig gemacht haben, denn dieses Jahr sind wir am Wahltag mit den ganz Großen im Neuen Schloss akkreditiert und müssen uns nicht in der Stadt auf irgendwelchen Parteiwahlpartys für jedermann rumtreiben. Für Schmoudi und mich gibt’s um halb fünf ein schickes blaues Armbändchen und dann dürfen wir rein. Unser Arbeitsplatz (im Casino, OG 2, Platz 7) ist ja ganz nett, aber so weit vom Geschehen weg, dass wir dort nur die Landtagswahlschokolädle aus Waldenbuch abgreifen, die Jacken abladen und uns dann die Örtlichkeiten mal genauer anschauen.

Wir emsigen Wahlstimmungsbeobachter müssen uns ja ein Fraktionszimmer für die Verkündung der ersten Hochrechnung um 18:00 ausgucken. Bei der CDU gibt’s Fan-Schals (lassen wir dann doch liegen). Bei den Grünen ist die Schnittchenauswahl am buntesten, es gibt sogar Wasabi-Nüsschen, dafür aber nur die grünverpackten Haselnusstäfelchen aus Waldenbuch. Die FDP ist im kleinsten Zimmerle im hintersten Eck untergebracht, so dass hier alle nur auf dem Gang rumstehen können, und bei der SPD war’s irgendwie nicht so nett. Aus Gewohnheit und Tradition entscheiden wir uns schließlich wie vor fünf Jahren für die CDU, da war’s damals lustig und außerdem gucken ja eh‘ alle den Landessender.

Landtagswahl

Foto: Steffen Schmid

Zunehmend wird die Hütte voller und wärmer, wer sich vorher so einen Fan-Schal geschnappt hat, der schwitzt jetzt wie in der Sauna und wäre das Webwerk aus orangfarbenem Polyester liebend gern wieder los. Vor mir begrüßen sich zwei blondierte Damen in farbigen Blazern: „Grüß Dich wie geht’s Dir?“ „Sehr gut… noch!“ Selbstironie, Galgenhumor und eine realistische Einschätzung der Lage, so mag ich das. Wir haben hier ja alle fünf harte Jahre hinter uns. Die CDU musste lernen, dass Opposition echt kein Zuckerschlecken ist, wenn der grüne Ministerpräsident den katholisch-konservativen Superschwaben gibt, und man selber keinen Kandidaten findet, der ihn auf’s Windrad flechten könnte. Da kann der ehemalige Ministrant Guido Wolf so oft er will der Weingartner Blutreliquie hinterherreiten, gegen Winfried Kretschmann, der in seiner Hobbywerkstatt Holzautos schnitzt, mit einem grünlackierten hybriden Riesendaimler rumbraust und für die Kanzlerin betet, hilft kein Zetern, Gedichtle schreiben und des Herrgotts Beistand erflehen. Doch nicht nur die Hellschwarzen auf der Oppositionsbank, auch so manches der dunkelgrünen Fundi-Urgesteine, die ihn 2011 gewählt hatten, schauten gelegentlich etwas dumm aus der Wäsche, wie grünes Regieren in Stuttgart fünf Jahre lang aussah. Nur ein einziges Mal kritisierte der Landesvater in der Legislaturperiode die schwäbischen Autobauer und als die sich prompt darüber beschwerten, tat er’s nie wieder. Landesmutter Gerlinde übernahm tatsächlich die Patenschaft für einen Riesentunnel der S21-Hochgeschwindigkeitsstrecke nach München. Diese und etliche andere Vorfälle, Entscheidungen und Zeichen kamen bei der breiten Masse der Landeskinder des Superschwaben Winfried wiederum so bombig an, dass sich gegen Ende der Legislaturperiode sogar das ganze erzkonservative Oberland wunderte, warum der Pfundskerle denn nicht bei uns mitmacht, sondern bei diesen (ehemaligen) kampfstillenden, langhaarigen Bombenlegern im Rentierpulli, die doch sonst immer so spinnerte Vorstellungen und Haltungen an den Tag legen. Dass nicht alle Wählerinnen und Wähler so denken, sollte mir persönlich den Wahltag allerdings gründlich verhageln – aber dazu später.

Landtagswahl

Foto: Steffen Schmid

Als um 18:00 die Wahlergebnisse von allen möglichen Moderationspersonen auf den überall rumstehenden Flachbildschirmen verlesen werden, wird in unserem Fraktionsraum nur einmal kurz gejubelt, weil die FDP es wieder in den Landtag geschafft hat. Danach leckt man halt seine Wunden und fragt sich untereinander hinter vorgehaltener Hand wieder genau das, was sich eh‘ alle in diesem lahmen Wahlkampf gefragt haben: „Wer ist denn bloß dieser Guido Wolf, kenn’sch Du den?“ und „Warum ist denn dieser Kretschmann eigentlich bei den Grünen und nicht bei uns Mitglied?“ – aber das hatten wir ja schon. Steffen und ich gehen mal zu den Grünen hinunter wegen der Wasabinüsse und weil wir ein Bier in fröhlicher Gesellschaft trinken wollen. Hier sind alle in Partystimmung und auf dem Sprung in die Staatsgalerie, um dort auf der offiziellen Wahlparty so richtig einen drauf zu machen. Als neben mir Rezzo Schlauch interviewt wird, nennt er das gute Wahlergebnis seiner Partei eine „Volksabstimmung für Winfried Kretschmann“. Dass an diesem Sonntag noch weitere Volksabstimmungen gelaufen sind, wird mir danach allmählich klar, als ich die Ergebnisse aus den beiden anderen Bundesländern, die gewählt haben, mitbekomme. Aus dem Stand heraus hat es die AfD in alle drei Landesparlamente geschafft mit wahnsinnig guten Ergebnissen. Wer wählt die? Wieso? Was kann man da jetzt machen? Wie kriegt man das in den Griff? Diese und andere Fragen gehen mir durch den Kopf, als ich im barocken Marmorsaal auf die Spitzenkandidaten der Parteien warte, die im neuen Landtag vertreten sein werden. Um viertel Acht soll es losgehen mit der Landespressekonferenz. So nach und nach trudeln die Wahlgewinner auf dem Podium ein, Ministerpräsident in spe Kretschmann hat die meisten Bodyguards dabei, der Herr von der FdP schaut am verkniffensten, der ganz rechts (von mir aus gesehen) ist wohl von der AfD, so sehen die also aus…. solche und ähnliche Gedanken gehen mir durch den Kopf, während ich warte, dass es endlich losgeht.

Landtagswahl

Foto: Steffen Schmid

Enttäuschend an der Landespressekonferenz finde ich vor allem die äußerst erwartbaren und schlafmützigen Fragen der paar Pressekollegen, die Fragen stellen dürfen, nachdem die Kandidaten alle so ungefähr das gleiche von sich gegeben haben (Hart war’s, Dankeschön an alle, die geholfen haben und gewählt haben, wir nehmen die verantwortungsvolle Aufgabe, die uns nun erwartet, dankbar an, werden unser Bestes geben, müssen nun das Ergebnis analysieren undsoweiterundsoweiter). Mich interessiert jetzt wirklich nicht, wer jetzt da mit wem zuerst reden wird, ob der Nils den Hut nimmt oder der Guido, überhaupt nicht. Alle Kandidaten wollen irgendwas gegen die AfD und ihren Erfolg unternehmen. Warum fragt hier jetzt keiner nach, was das denn konkret sein soll? Als es die Republikaner in den 90er Jahren mal für fünf Jahre in den Landtag geschafft haben, konnte man die halt ignorieren und sich selber demontieren lassen. Keiner hat sich damals in den parlamentarischen Infight begeben, etwas riskiert und deutlich Position gegen Rechts bezogen. Vor allem die Konservativen waren Meister in diesem Rumgeeiere. Ich glaube echt nicht, dass das dieses Mal wieder so funktionieren wird. Im abgeschlossenen Wahlkampf hat man sich erfolgreich um jede Konfrontation, jede Diskussion und jede direkte Auseinandersetzung hübsch fein gedrückt. So langsam sollte man das mal anders versuchen. „There’s a big pink elephant in the room!“ Möchte ich zu den Herren auf dem Podium hochrufen. „Und der ist ganz schön angebräunt!“ „Seht Ihr das denn nicht?“ Naja, wir werden sehen, ob Kretschmann jetzt mal was anderes einfällt als beten und ob die demokratischen Parteien für den kommenden Bundestagswahlkampf heute was gelernt haben.

Für die neue baden-württembergische Landesregierung mache ich beim Heimlaufen eine Maßnahmenliste:

– der Fraktionsvorsitzende der AfD bekommt als Dienstwagen das von Kretschmann selbstgebastelte Holzauto, aber braun lackiert.

– alle Nichtbiodeutschen MannheimerInnen gehen jetzt ’ne starke Woche in den Generalstreik, um den MitbürgerInnen, die für das AfD-Direktmandat gesorgt haben, mal deutlich zu machen, wie es da zugeht, wenn sie mal keine Lust auf die anderen haben.

– in Pforzheim dürfen bis zur Bundestagswahl nur noch aufrechte Biodeutsche Schmuck und Schnickschnack einkaufen (Begründung siehe oben).

– im Schwarzwald wird jedes Tal, das von so christlich-fundamentalistischen AfD-wählenden Hinterwäldlern bewohnt wird, mit sofortiger Wirkung dem Nationalpark zugeschlagen, der Strom abgestellt und das Internet gekappt.

– allen Landtagsabgeordneten, denen auf die Frage „Was haben Sie denn denn für Ideen gegen diese braune Soße?“ nicht sofort was einfällt, wird so lange „Der Triumph des Willens“ vorgespielt, bis ihnen Lösungsansätze gegen dieses Gesellschaftsproblem dämmern.

– der nächste Untersuchungsausschuss, der sich mit irgendeinem braunen Thema befasst, muss politische, personale und juristische Konsequenzen haben.

to  be continued……

(Wir nehmen gerne weitere Vorschläge aus dem Wölkchen der gig-blog-LeserInnen entgegen)

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Foto: Steffen Schmid

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