GET WELL SOON, 08.03.2016, Im Wizemann, Stuttgart

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Foto: Özlem Yavuz

Trommelwirbel, Tusch: Der deutsche Pop hat die Liebe als Thema entdeckt. Der deutsche Pop? Nun, wenigstens der Teil, der die letzten Jahre Liebling des Feuilletons war, Tocotronic und Get Well Soon. Etwas mehr als zehn Monate ist es her, dass die Band um Dirk von Lowtzow ihr Album über die Liebe veröffentlichte, ohne Titel und ganz in Rot gehalten. Konstantin Gropper alias Get Well Soon ist zwar beim Titel seines Anfang dieses Jahres erschienenen Albums direkter („Love“), allerdings darf auch hier die Vieldeutigkeit nicht fehlen: Das Cover ziert ein Gemälde Friedrich Gauermanns, eines österreichischen Malers der Romantik. Die Varianz des Themas Liebe ist somit vorgegeben, steht die künstlerische Epoche bekanntlich für die Wiederentdeckung des Gefühls auf der einen, der gleichzeitigen Betonung des Dunklen und Mystischen auf der anderen Seite. Ein wenig verkopft wirken beide Projekte ja schon immer, aber das muss per sé nichts Schlechtes sein – plumpe Gefühlsduselei gibt es im weiten Musikbereich genug.

Liebe ist somit auch das gesetzte Thema für das Konzert in der vollbesetzten Halle Im Wizemann und programmatisch leuchten die vier Buchstaben L O V E rot auf der Bühne, als Get Well Soon nach der Vorband zu den Klängen eines eingespielten hip-hop-artigen Instrumental-Intros die Bühne betreten. Eben auf diese Vorband, Inner Tongue, hatte der schon anwesende Teil des Publikums so gar keine Lust, was mit einem beachtlichen Gesprächs-Pegel hörbar zum Ausdruck gebracht wurde. Das, was dabei trotzdem noch zu hören war, riss mich persönlich allerdings auch nicht eben vom Hocker.

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Foto: Özlem Yavuz

Gropper ist bei der Produktion seiner Musik oft alleine verantwortlich, live schart er eine souverän und auf den Punkt spielende Band um sich, allen voran seine Schwester Verena Gropper (Geige, Gesang und vereinzelt Synthie) sowie Paul Kenny (Schlagzeug, Gesang), die beide eine teils gut ergänzende zweite Stimme beitragen. Zudem komplettieren Maximilian Schenkel (Gitarre, Trompete), Marcel Wüst (Keyboards) und Timo Kumpf (Bass) die Live-Band.
Was vom ersten Song, dem fantastischen „It’s Love“ auffällt: Groppers Stimme ist wahnsinnig einnehmend und absolut präsent. Ob wie beim Eröffnungsstück in den tiefen Lagen (sehr sonorer Klang, umschmeichelnd) oder in den hohen Lagen wie bei „It’s A Catalogue“. Beide Songs zeigen dabei das Können Groppers, was das Songwriting angeht. Große Pop-Melodien und die Gabe, kein überflüssiges Element in den Arrangements zu verschwenden. Bei „It’s A Catalogue“ erzeugt jeder Übergang Spannung, der leicht funkige Wah-Wah-Effekt ist nicht übertrieben und treibt zusammen mit dem druckvollen Bass den Song nach vorne. Es sind diese schwungvollen Songs, die insgesamt deutlich besser funktionieren als die ruhigeren wie z.B. „Eulogy“, ebenfalls vom aktuellen Album.

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Foto: Özlem Yavuz

Immer wieder wechseln sich Songs ab, in denen Groppers Stimme in verschiedenen Lagen zum Einsatz kommt. Bei „Roland, I Feel You“ gibt sie dem modernen Western-Sound (Cembalo, Geige, Trompete, Akustikgitarre) eine ordentliche Prise Pathos hinzu, verstärkt durch eine an Morricone erinnerte Gesangslinie seiner Schwester. Das wirkt an dieser Stelle nicht übertrieben oder peinlich, sondern sorgt zusammen mit der Vielfalt der Songs dafür, dass das Konzert auf die Dauer recht kurzweilig ist. Oder um mit den Worten Groppers zu sprechen: „Ein Kneippbad der Gefühle“ einer „Wellness-Band“. Wenn diese Wellness dann an wenige Stellen durchbrochen wird durch einen den Song-Rahmen etwas sprengenden, krachenden Ausbruch wie bei dem Song „Marienbad“, geht das Ganze in eine fantastische Richtung. Es gibt aber auch die Variante „geht so“, so z.B. die Coverversion des 80er-Schnulzen-Klassikers „Careless Whisper“ oder das darauf folgende „Too Much Love“. Zwar ist die Ironie des Songtitels an dieser Stelle gelungen, doch die mit viel Hall versehenen elektrischen Drum-Sounds sowie die an die schwer erträgliche Band HIM erinnernde Piano-Melodie sind an dieser Stelle nicht nach meinem Geschmack. Ist bei diesen zwei Stücken vielleicht auch eine Vieldeutigkeit vorhanden? Eine Spur Ironie? Falls ja, erkenne ich sie in diesem Moment jedenfalls nicht.

Dafür überzeugen, im vom begeisterten Publikum drängend geforderten Zugabenteil, die Gropper-Geschwister (unterstützt von Kenny) dann auch mit einem ruhigeren Stück – „Red Nose Day“. Gropper zeigt noch einmal die Bandbreite seiner Stimmlagen und vielleicht trägt sogar der charmant gelöste Augenblick bei, in dem er zunächst nicht die hohe Lage erreicht. Jedenfalls ist bei diesem Song die Intensität zu spüren, die den ruhigeren Songs zuvor etwas abging. Insgesamt ein wirklich schönes Konzert und der Beweis, dass 2016 gute Pop-Musik auch mit dem nur scheinbar abgedroschenen Thema der Liebe geschrieben werden kann.

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