NOISERV, 07.03.2016, Zwölfzehn, Stuttgart

NOISERV, 07.03.2016, Zwölfzehn, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Es ist schon sehr erstaunlich: Es gibt manche europäische Länder, von denen ich auf Anhieb nicht eine einzige aktuell relevante Band oder Musikerin bzw. einen Musiker nennen kann. Eine polnische Band? Keine Ahnung. Eine spanische? Heroes Del Silencio (Hm!). Und Portugal? Nelly Furtado. Eben, das ist alles etwas dünn. So wundert es mich auch nicht, dass ich von „Noiserv“ noch nie etwas gehört habe. Vielleicht sollte ich mehr auf internationale Festivals gehen, denn Freund und Nachbar von kopfhörer.fm macht genau dies und empfahl mir diesen portugiesischen „Geheimtipp“ wärmstens. Dieser wird auf seiner eigenen Homepage live als „Ein-Mann-Orchester“ beschrieben. Man kann es als Ein-Person-Band durchaus bis zu einer Grammy-Nominierung schaffen, wie das Beispiel Bernhoft zeigt, und auch dieses Konzert überzeugt die anwesenden Kritiker.

Das 1210, in dem David Santos, wie „Noiserv“ mit bürgerlichem Namen heißt, auftritt, scheint langsam wieder eine ernstzunehmende Adresse für Konzerte zu werden. Eine Zeit lang war es in dieser Hinsicht jedenfalls von meinem Radar verschwunden. Nach dem durchaus gelungenen Gig der „Ephemerals“ verschlägt es mich dieses Jahr schon zum zweiten Mal in den etablierten Club zwischen Rotebühlplatz und Feuersee.

NOISERV, 07.03.2016, Zwölfzehn, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Ganz so schwungvoll, wie beim aus Norwegen stammenden Bernhoft, kommen die Songs von Noiserv an diesem Abend im für einen Montag erfreulich gut gefüllten Club nicht um die Ecke. Nach zwei, drei Songs drängt sich die Kategorie „Serien-Musik“ bei mir auf. Jeder der Songs könnte gut als musikalische Begleitung einer traurigen Szene von z.B. „How I Met Your Mother“ erklingen. Prinzip gefühlvoll, melancholisch, schöne Stimme, die das komplizierte Leben eines Twentysomethings im urbanen Umfeld beschreibt. Das an sich ist nichts Negatives, birgt aber die Gefahr mit sich, dass es auf Konzertlänge eintönig werden könnte – wird es aber nicht.
Das liegt unter anderem am Prinzip des Loopens. Dadurch, dass jedes Instrument nacheinander für ein oder zwei Durchgänge eingespielt (geloopt) werden muss, kann man zugleich sehen und hören, wie sich jeder Song aus vielen einzelnen Elementen aufbaut. Und dabei ist es immer wieder erstaunlich, welche komplexen Songstrukturen entstehen. Mit einer beeindruckenden Präzision und sicherem Timing fügt Santos oft alle zwei Takte ein neues Klang- oder Rhythmuselement hinzu und nimmt sie zum Ende der Songs wieder weg. Dabei nutzt er eine Vielzahl an Instrumenten: Akustikgitarre und Keyboard bilden oft die Grundlage, es kann aber auch mal ein Xylophon sein. Ergänzt werden diese durch programmierte Sounds, Glockenspiel, Miniatur-Piano, ein kleines Megafon, ein kleines Akkordeon, eine Plastikpistole, der Abzug einer analogen Kamera sowie mindestens zwei Klangerzeuger, die ich noch nie gesehen habe. Das erinnert entfernt an Home von Florian Ostertag, bei dem eine Schreibmaschine den Grundrhythmus spielt. Nebenbei ist er nicht der einzige Stuttgarter Musiker im Publikum.

NOISERV, 07.03.2016, Zwölfzehn, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Die Stimmung der Songs – egal von welchem der drei bisher erschienenen Alben – ist grundsätzlich melancholischer Art. Ich muss im Nachhinein zugeben, dass die Möglichkeit, den Aufbau der Lieder mitverfolgen zu können, eine ansonsten evtl. entstehende Eintönigkeit an wenigen Stellen verhindert (z.B. beim Song über einen portugiesischen Olympiateilnehmer 1912). Das Publikum scheint diese Fülle an Melancholie erwartet zu haben und lässt sich voll darauf ein: Am seitlichen Bühnenrand wird gesessen und es herrscht eine konzentrierte, genussvolle Stille, fast wie bei einem Wohnzimmerkonzert. Bei den leicht verwirrten Ansagen, die gerne ein paar Minuten in Anspruch nehmen, erklärt er den oft skurril anmutenden Titel des folgenden Stückes (z.B. „Today is the same as yesterday, but yesterday is not today“), setzt dann zum Spielen an und fügt dann doch noch etwas hinzu. Das wirkt in seinem Fall äußerst sympathisch und stört den Ablauf des Konzerts in keiner Weise, sondern fügt eine charmante Note hinzu und trägt ebenfalls zur Kurzweile bei.

Bei den Songs klingt ansonsten manchmal etwas der Sound von „Beirut“ an, vor allem wenn es in den ¾-Takt geht. An manchen Stellen erinnert die Stimme an „Badly Drawn Boy“ – insgesamt melancholischer, getragener Folk mit schönen, verträumten Melodien. In der Mitte des Konzerts dann das stärkste Stück des Abends: „The Sad Story Of A Little Town“. Es hebt sich durch seinen Schwung ab, der von einem durchgehenden Bass-Beat gestützt wird und die Einzelteile scheinen dadurch noch organischer ineinander überzugehen. Das begeistert sowohl mich als auch das gesamte Publikum, das schließlich zwei Zugaben einfordert, inklusive des herrlich verhuschten 47 sekündigen „47 Seconds Are Enough If You Only Have One Thing To Do“.
„Danke“ lässt die, von der letzten, durchgemachten Nacht leicht angeschlagene, Stimme Santos vernehmen. Ein schüchternes Winken, und das komplette „Ein-Mann-Orchester“ verschwindet hinter dem roten Vorhang.

NOISERV, 07.03.2016, Zwölfzehn, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

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