ANDREAS DORAU & GEREON KLUG, 13.02.2016, Merlin, Stuttgart

ANDREAS DORAU & GEREON KLUG, 13.02.2016, Merlin, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Als „Pflichttermin für Konzertgänger, die endlich mal sitzen wollen“ kündigt das Merlin dem Auftritt von Andreas Dorau und Gereon Klug an. Und bis zum Beginn der Veranstaltung rätseln wir: Wird da jetzt nur gelesen? Immerhin steht auf der Bühne ein Plattenspieler. Und anders als wir dürfen die Künstler auch nicht sitzen, sondern stehen gleich an Stehtischen. Und wieso eigentlich Gereon Klug, und nicht Sven Regener, mit dem Andreas Dorau seine Anektdotensammlung Ärger mit der Unsterblichkeit eigentlich verfasst hat? Im Grunde aber auch egal, Dorau und Klug sind beides Typen, die man gerne sieht und hört, was immer uns jetzt erwartet, wird sehr wahrscheinlich unterhaltsam.

Das Merlin ist gut gefüllt, wenn auch nicht ausverkauft. Etwas verwirrend, dass ein „Bayern 2“-Logo auf die Leinwand projiziert ist, als die Beiden die Bühne betreten. Dorau klickt das Bild weg, „ein Missgeschick“, und erläutert dann kurz, was uns heute erwartet: „Jeder macht das, was er am Besten kann.“ Und das bedeutet, Klug liest vor, Dorau zeigt, O-Ton,  „Dias und Filme“. Auch was es mit dem Plattenspieler auf sich hat, wird direkt zu Anfang erklärt. Der werde nur gebraucht, um eine einzige Platte vorspielen, und das auch nur für zwanzig Sekunden.

ANDREAS DORAU & GEREON KLUG, 13.02.2016, Merlin, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Gereon Klug (vom Publikum aus gesehen am rechten Bühnenrand stehend) ergänzt weitere Infos zum Ablauf des Abends und zu seiner eigenen Rolle dabei: „Es geht ausschließlich um Herrn Dorau, ich ersetze Herrn Regener.“ Das stimmt zwar nicht so ganz, aber Klug agiert tatsächlich sympathisch zurückgenommen und stiehlt Dorau keineswegs die Show, sondern gibt den perfekten Vorleser/Sidekick. Auf jeden Fall eine gute Idee von Dorau, die autobiografischen Geschichten von einer anderen Person vorlesen zu lassen. Das nimmt dem Ganzen schon mal die potenzielle Wichtigtuerei und Peinlichkeit der ständigen Ich-Form. Leicht verwirrend ist es manchmal allerdings schon, da man sich immer wieder daran erinnern muss, dass es eben nicht Klug ist, der hier von selbst Erlebtem berichtet, sondern dass dies Geschichten aus Doraus Berufsleben sind. Wäre vielleicht eine Idee, zur zusätzlichen Verfremdung oder Abgrenzung eine Frau vorlesen zu lassen oder jemanden, die oder der deutlich jünger oder älter ist.

Die Anekdoten an sich finde ich unterhaltsam, aber nicht so schreiend komisch, wie es in einigen Besprechungen beschrieben wird, eher auf weite Strecken der normale durchgedrehte 90er-Jahre-Musikindustrie-Wahnsinn. Mit am Besten gefällt mir die Episode, wie Dorau einen zu Promo-Zwecken für die Gruppe Rammstein von der Plattenfirma Motor Music angefertigten mannshohen Plastik-Hinkelstein mit den Worten „Stoppt Faschismus!“ aus dem dritten Stock des Label-Büros auf die Straße wirft.

ANDREAS DORAU & GEREON KLUG, 13.02.2016, Merlin, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Sehr schön sind die Video-Einspieler, die die Geschichten illustrieren oder ergänzen. Angenehm normal und bodenständig kommt eine ehemalige Mitschülerin Doraus rüber, die in einem viel später geführten Interview über die Aufnahmen des als Schulprojekts entstandenen Stückes „Fred vom Jupiter“ berichtet, und sich halbernst beschwert, dass Dorau bei jedem Produktionsschritt des Stückes seinen Namen als Urheber notiert habe, auch wenn er doch in Wirklichkeit viel weniger beigesteuert habe als die Mädels.

Wie angekündigt kommt der Plattenspieler ganz kurz zum Einsatz, um eine von Dorau bis zur Unkenntlichkeit künstlerisch zerkratzte Single vorzuspielen. Genre im allerweitesten Sinne Noise. Dorau, immer noch erstaunlich jungenhaft wirkend, wenn auch inzwischen mit gemütlichem Bauchansatz, steht ansonsten achtzig bis neunzig Prozent der Zeit regungslos am Macbook und schmunzelt höchstens mal in sich hinein. Klug trägt einen sehr knapp sitzenden Anzug, darunter ein rotes „Stoned Faces Don’t Lie“ T-Shirt und liest stellenweise etwas schnell, aber schön ungekünstelt. Dazwischen gibt’s lustige Kurz-Dialoge, in denen Andreas Dorau seinem Vorleser Klug etwa die korrekte französische Aussprache von „disque d’argent“ souffliert und das Publikum um Verständnis für Klugs Unkenntnis bittet: „Herr Klug ist Lateiner“.

Während Dorau dann am Ende schon abbaut, liest Klug noch eine sehr kurze Zugabe vor, deren Fazit lautet: „Ich war nie der Meinung, dass Erfolg von langer Dauer sein muss.“ Passendes Schlusswort für diese kompakte Dorau-Werkschau. Trotzdem schön, dass Doraus Erfolg nach wie vor andauert. Wenn auch nicht auf perfekt ausgeleuchteten TV-Show-Bühnen im Plastik-Pop-Paralleluniversum, sondern vor eingermaßen geschmackssicheren Musikfreundinnen und -freunden in übersichtlichen, aber liebevoll geführten Läden. Ist ihm schätzungsweise nicht unrecht.

ANDREAS DORAU & GEREON KLUG, 13.02.2016, Merlin, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Andreas Dorau & Gereon Klug

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