ANGEL HAZE, 09.02.2016, Im Wizemann, Stuttgart

Angel Haze

Foto: Andreas Meinhardt

Fotograf Andi und ich reiben uns im Wizemann um dreiviertel neun verwundert die Augen: Der Laden ist nur zu einem Drittel gefüllt, zwei Drittel des Publikums sind weiblich. Wir sind nahezu die Oldtimer im Raum und gleich wird hier Angel Haze auf die Bühne kommen. Das sah in Stuttgart bei Hip-Hop-Konzerten auch schon mal völlig anders aus. Die vorherigen Konzerte in Berlin, Hamburg und München waren ausverkauft und werden bereits überall in den höchsten Tönen gepriesen. Funktioniert die Buschtrommel in den Stuttgarter Kessel nicht mehr oder saß da irgendwer auf der Leitung? Wir rätseln, woran das Ganze liegen könnte. Am Fasching? Gehen Stuttgarter Kopfnicker nur noch aus dem Haus, wenn Cro und die Orsons spielen? Haben die alle bei Deichkind in der Schleyerhalle auf dem Eintrittskartenschwarzmarkt ihr Taschengeld komplett verballert? Kennt die Dame hier keiner? Liegt’s daran, dass in keinem Artikel über die in New York lebende Detroiterin vergessen wird, ihr fluides Paarungsverhalten und die traumatischen Erlebnisse ihrer Kindheit und Jugendjahre, von denen sie viel in ihren Stücken erzählt, zu erwähnen? Oder hat der gemeine Stuttgarter Kopfnicker halt einfach nur ein doofes Chauvi-Problem mit Rapperinnen? Wir können das Rätsel nicht lösen, nur ein komisches Phänomen feststellen, das uns sauer aufstößt.


Angel Haze

Foto: Andreas Meinhardt

Wäre die Frau des Abends des Deutschen mächtig, so wäre ihr Kommentar dazu wohl ein eindeutiges „’sch mir wurscht“! Denn als Angel Haze um Neun auf die Bühne kommt legt sie zusammen mit ihrem DJ mächtig los. Für Schnickschnack, Bling-Bling und anderes ist hier niemand zuständig. Die beiden haben mächtig Spaß und sind ein großartiges Team. Frau Haze wechselt souverän zwischen rasend schnellem Sprech- und Melodiegesang, natürlich wird das Publikum in „Schduddgaad“ immer wieder aufgefordert mächtig „Noise“ zum machen (der Wunsch wird jedesmal bereitwillig erfüllt) und die Texte sind ordentlich mit ‚F‘-, ‚B‘- und ‚N‘-Wörtern und sämtlichen anderen Vulgärsprachbomben gespickt, die das Genre nun mal verlangt. Das könnte manchmal ins Klischee kippen und auf die Nerven gehen, bei ihr wirkt das aber einfach anders, dieser kleine wildgewordene Handfeger redet halt so, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Dass sie ihr Publikum wirklich liebt, spürt man überdeutlich. Eine langstielige rote Rose nach der anderen wird in die Menge geworfen, meistens folgt darauf eine Mineralwasser- oder Apfelsaftschorledusche für alle. Natürlich werden alle ausgestreckten Hände abgeklatscht, für einen Song verlässt die Chefin mit dem Funkmikro die Bühne und verschwindet zwischen ihren wild hüpfenden Fäninnen. Das wäre bei einem anderen Konzert der Alptraum des zuständigen Securitybeauftragten, hier kann gar nix passieren, denn alle mögen sich.

Angel Haze

Foto: Andreas Meinhardt

Mir fällt auf, wie textsicher das Publikum auch bei den ganz schnellen Rapstellen ist, um mich rum spricht jede mit und heult sofort wie eine räudige und wütende Wölfin laut los, als es von der Bühne beim Stück „The Wolves“ vom aktuellen Album „Back to the woods“ eingefordert wird. Nach einer Dreiviertelstunde verlässt Angel Haze die Bühne. Natürlich gibt es die vom Publikum geforderte Zugabe, doch nach einer starken Stunde Gesamtspielzeit ist das Konzert dann – leider viel zu früh – aus. Mit dem Versprechen, dass wir uns alle am Merchandisingstand wiedersehen werden, tritt die Chefin ab. Im spannenden Rapmärchen der Angel Haze ist ein weiteres Kapitel geschrieben worden. Den Anfang dieser Erzählung haben wir alle noch beim Heimlaufen im Ohr:

„Once upon a time in Detroit there was a little bitch born with a sweet voice“

(„Gossip Folks“ vom Mixtape „Classick“ 2012)

Angel Haze

Foto: Andreas Meinhardt

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