HELLOWEEN, RAGE, 07.02.2016, LKA, Stuttgart

HELLOWEEN, 07.02.2016, LKA, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Schicksalsgeplagt könnte man die Geschichte um Halloween und die Pumpkin-Heads nennen, wie die Musikanten der Band liebevoll genannt werden (assoziativ-wortspielerische Anspielung auf den katholisch-irischen Brauch Halloween). Nachdem die damaligen Newcomer aus Hamburg Anfang der 80er Jahre neue Standards in Sachen Speedmetal setzten und so für lange Jahre ganz oben erfolgreich mitspielten – was kurioser Weise sogar dazu führte, dass sie mit ihrem 1988er Hit „Dr. Stein“ um ein Haar in der ZDF-Hitparade gelandet wären – musste das Bandprojekt doch erhebliche Irritationen, Rechtsstreitereien, Um- und Neubesetzungen und sogar Beschimpfungen ihres ehemaligen Erfolgssängers Michael Kiske hinnehmen. Dieser beschimpfte Metallfans mehr oder minder als Deppen und behauptete, dass Heavy Metal „das Schlechte im Menschen fördere“, obgleich er selbst parallel bei diversen Alben der Rock-Oper Metaller von Avantasia um Mastermind Tobias Sammet sang.

Aber auch eine ehemalige Nachwuchshoffnung feiert mal ihr 30-jähriges Bühnenjubiläum. Bei Helloween so geschehen anno 2014. Trotz der Irrungen und Wirrungen ist das Projekt Halloween nie aufgegeben worden und so erscheint im Jahr 2015 also „My God Given Right“ – ein wirklich grundsolides, einfallsreiches und im besten Sinne Halloween typisches Speed-/Powermetal Album, mit dem die seit nunmehr schon 10 Jahren in gleicher Besetzung bestehende Band sich nun auf World-Tour befindet.

HELLOWEEN, 07.02.2016, LKA, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Heute Abend machen sie Stopp im LKA in Stuttgart, „fast ein Heimspiel“, wie der aus Karlsruhe stammende Sänger Andi Deris zu Beginn bekannt gibt und das Publikum nach dem Anteil von Badenern und Schwaben fragt. Doch bevor ich das hören können werde, stehe ich zunächst mal in der Schlange vor dem LKA und erfahre beiläufig auch etwas über die Publikumsstruktur. Hinter mir telefoniert eine Mutter noch mit Zuhause und ermahnt den Nachwuchs, keinesfalls später als 22 Uhr ins Bett zu gehen; vor mir höre ich irgendwo im Gelächter fast untergehen: „Ja, wir haben die Konzertkarten auch von unseren Kindern zu Weihnachten bekommen…“. Aber: Es befinden sich durchaus auch Youngsters im Publikum und derer nicht wenige. Und jung und alt obligatorisch in diversen Metal- und Festival-Shirts gekleidet.

Das bestätigt meine These, dass die Heavy Metal Welle sich nach wie vor unbemerkt von Pop-, Elektro-, Mainstream-Indie und anderen Zeitgeistern seit Jahren im Aufschwung befindet und sich größter Beliebtheit erfreut. Und es gibt sozusagen auch gar keinen besseren Zeitpunkt dafür. Denn die „alten Haudegen“ aus verschiedenen Epochen sind aktiver denn je (teilweise wohl auch begründet durch geringere Einnahmen durch CD Verkäufe und durch die Konkurrenz Internet, Download, Streaming). Das hat den sehr angenehmen Effekt, dass alte und neue Bands jetzt gemeinsam sowohl junges als auch altes, ähm schon etwas reiferes Publikum anziehen. Das geschieht dann auch gerne Generationen übergreifend: Väter/Eltern kommen mit ihren Söhnen/Töchtern zu Live-Konzerten – toll! Und dazu kommt auch, dass gerade bei den seit Jahrzehnten bestehenden Bands auch immer wieder die Möglichkeit für junge Nachwuchsmusiker bestehet, Einzug zu halten.

Doch kommen wir doch nun mal zum Konzert. Aus welchem Grund auch immer spielt im Vorprogramm die britische Hard-Rock Combo „Crimes Of Passion“, die sich selbst auch gerne in „COP UK“ abkürzt. Die Band besteht seit 2005 und tritt in einer starken Sechser-Besetzung auf: Zwei Gitarren, Bass, Drums, Keyboard und Gesang. Sie entsprechen schon klischeehaft dem, was unter Heavy Metal Fans in einem eher abfälligen Ton als Poser beschrieben wird. Einfache, meist zu eingängige Rocksongs bei denen eben die Pose oftmals wichtiger scheint als die Musik. Sänger Dale Radcliffe bietet dies in Vollendung dar, mit wallender Mähne einschließlich Axl Rose Gedenk-Stirntuch. Ihre Songs sind gleichwohl sehr gut gemacht und werden in sehr guten Sound und technisch perfekt dargeboten (auch wenn es für mich schwer auszuhalten ist).

RAGE, 07.02.2016, LKA, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Nach einer knappen halben Stunde dürfen sich COP UK dann auch verabschieden und es dauert nur weitere 15 Minuten Umbauzeit bis dann tatsächlich alte Haudegen und Labelgefährten von Helloween als Special Guest auftreten: Rage. Eine Drei-Mann-Power-Metal Kapelle um Bass Schwergewicht, Gründer, Sänger und kreativen Kopf Peter „Peavy“ Wagner, der aus Herne stammt und Rage im Jahr 1984 gründete. Seit 2015 hat er der Band mit zwei neuen Mitstreiten, Marcos Rodriguez an der Gitarre und Vassilios „Lucky“ Maniatopoulos am Schlagzeug, neues Leben eingehaucht und Rage werden im Mai ihr sage und schreibe 22. Studio Album veröffentlichen.

RAGE, 07.02.2016, LKA, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Die drei treten völlig gelassen, gut gelaunt und zu Späßen aufgelegt auf und wirken einfach grundsympathisch. Die Musiker sind allesamt abgeklärte Profis an ihren Instrumenten und liefern mit sichtbarem Spielspaß eine kunterbuntes Rage-Set ab und haben das Publikum ab dem ersten Lied auf ihrer Seite. Gitarrist Rodriguez, der einem Dave Grohl Lookalike gleichkommt, wechselt die Gitarren im Flug und saust wie ein Derwisch über die Bühne. Nach ca. 55 Minuten Power-Metal-Play sind Rage nassgeschwitzt und fühlen sich offensichtlich pudelwohl in der LKA Atmosphäre, wo sie sich überschwänglich beim Publikum bedanken.

RAGE, 07.02.2016, LKA, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Nach einer angenehm kurzen Umbauphase von ca. 25 Minuten ist es nun endlich an der Zeit für Helloween. Man sieht ein an das aktuelle Album Artwork angepassten Stufenaufbau, auf dem ein strahlend weißes, unglaublich großes und mit vier(!) Bass-Drums ausgestattetes Schlagzeug steht.  Auf der linken Bühnenseite natürlich auch ein obligatorischer, überdimensionaler Kürbiskopf, ebenfalls im aktuellen Outfit mit Gloriolen Krone der Freiheitsstatue ausgestattet.

HELLOWEEN, 07.02.2016, LKA, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Nach einem kurzen Intro beginnen Helloween ihren Auftritt mit einem Paukenschlag oder besser sogar zwei davon: „Eagle Fly Free“ und dem bereits erwähnten „Dr. Stein“ vom zweiten Teil ihres Erfolgsalbums „The Keeper Of The Seven Keys“ aus dem Jahre 1988. Der Sound ist perfekt, sehr laut und gräbt sich in die unteren Körperregionen. Das Publikum ist aus dem Häuschen und beherrscht natürlich noch die alten Songtexte. Auch Halloween wirken extrem entspannt und gut gelaunt und spielen mit großer Freude auf. Sascha Gerstner, seit 2003 zweiter Gitarrist und mit 39 Lenzen das Nesthäkchen, macht mit mit seinem gothic-emo Outfit noch einen etwas zurückhaltenden Eindruck. Doch auch der gebürtige Stuttgarter taut immer mehr auf – wird sich jedoch nicht seiner sicher wärmenden Lederjacke entledigen.

HELLOWEEN, 07.02.2016, LKA, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Andi Deris (ehemals Pink Cream 69), der nach den turbulenten Zeiten 1994 sozusagen das Kommando übernahm und auch federführend für das Songwriting verantwortlich zeichnet und Halloween wieder auf die Erfolgsspur brachte – Deris also ist braungebrannt und allerbester Laune und begrüßt zum „Heimspiel“ und zieht von Beginn an das Publikum mit seinen einnehmenden Gesten und seiner Mimik ein, das ihm auf Anhieb folgt und Spaß hat.

Nach Rechtsstreitigkeiten legten Helloween 1988 eine dreijährige Zwangspause ein und versuchten mit dem weder sehr gelungen noch sehr beliebten „Pink Bubbles Go Ape“ einen Wiedereinstieg zu finden, um 1993 mit dem Nachfolger „Chamäleon“ nach Meinung von Kritikern und Fans das „schlechteste Album“ abzuliefern. Kurze Zeit später (1995) beendet Gründungs-Schlagzeuger Ingo Schwichtenberg seinem Leben ein Ende. Die Misere schien also nicht abzureißen.

Doch seit Deris liefern Halloween wieder regelmäßig ordentliche bis sehr gute Metal-Alben ab. Darunter gab es im Jahr 2005 auch eine Art Fortsetzung der erfolgreichen „Keeper“ Reihe: „Keeper Of The Seven Keys – The Legacy“. Das Album war ebenfalls recht erfolgreich und damit schlossen Helloween endgültig die „Keeper“ Thematik ab.

HELLOWEEN, 07.02.2016, LKA, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Nach dem furiosen Einstieg folgt ebenfalls ein Kessel Buntes aus den vielen (insgesamt 15) Studio Alben. Darunter natürlich einiges von der aktuellen Scheibe, wie der Titelsong „My God Given Right“, das Anlass zu einem ausgiebigen und gern angenommenen Mitsingspiel gibt. Man springt mit „Steel Tormentor“ ins Jahr 1996, gefolgt von „Mr. Torture“ vom 2000er „The Dark Ride“ Album und so geht es munter weiter bis nach ungefähr einer Stunde wieder ein spektakuläres Licht und Sound Intro die Münder offen stehen lässt, um Raum zu schaffen für ein ausgiebiges Drum-Solo von Daniel „Dani“ Loeble. Dieser zeigt, dass er mit seinem Monster von Schlagzeug nicht nur umgehen kann, sondern dass er tatsächlich dessen Facetten alle mit spielerischer Meisterhaftigkeit beherrscht und vom Publikum immer wieder zurecht lautstarke Anerkennung einfordert – die er selbstredend auch erhält.

HELLOWEEN, 07.02.2016, LKA, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Und natürlich dürfen bei der Nennung der Musikanten die beiden noch verbliebenen Gründungsmitglieder nicht fehlen: Bassist Markus Grosskopf und Lead Gitarrist Michael Weikath sind konstant mit von der Partie und haben alle Höhen und Tiefen miterlebt, durchlebt und überstanden. Da darf man ruhig auch cool und gelassen sein und sich ehrlich freuen, immer noch am Start und gefragt zu sein und vor allem so gut anzukommen.

HELLOWEEN, 07.02.2016, LKA, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Nach der Ballade „Forever and One (Neverland)“ von 1996 schließt sich noch (zu meinem Entsetzen) eine Art Medley an, in dem neben drei weiteren Klassikern auch nochmals zwei „Keeper“ Songs vertreten sind („Halloween“ und Titelstück „Keeper Of The Seven Keys“). Diese Lieder folgen alle direkt aufeinander und werden nicht komplett ausgespielt. Das ist natürlich etwas traurig und ich bin dann doch eher ein Verfechter der Redewendung, dass weniger manchmal mehr ist. Aber sei’s drum, es sind nun die anderthalb Stunden gefüllt und natürlich lechzt das Publikum nach einer Zugabe, die auch nicht lange auf sich warten lässt.

„Könnter noch?“ fragt Deris und die Antwort dürfte allen klar sein und er fügt hinzu „der Badener ist stur“ und fordert, nachdem „Before The War“ und der Überhit „Future World“ (ebenfalls ein „Keeper“ Song) erklungen sind noch einmal alle auf bei „I Want Out“ auf sein Kommando mitzusingen und nun wirklich alles zu geben. Nun gleicht das LKA einem Hexenkessel, dessen stimmungsgeladenes Gebräu bis in die hintersten Ränge schwappt. Gemeinsam verneigen sich die Musiker vor ihren Fans und werfen Andenken, wie Plektrums oder wahlweise ganze Schlagzeugteile ins Publikum.

HELLOWEEN, 07.02.2016, LKA, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Natürlich begründete der große Erfolg der beiden „Keeper“ Alben den Ruhm von Halloween und natürlich dürfen sie diesen Trumpf ausspielen und abfeiern, aber es könnte dies auch eine Gefahr bergen, sich so stark auf diese Lorbeeren zu verlassen. Aber so wie die Musiker heute aufgetreten sind, scheint es eher so zu sein, als würden sie ohnehin nur spielen worauf sie gerade Bock haben. Halloween feiert sich selbst und zelebriert auf eine sehr sympathische Art und Weise gemeinsam mit seinen Fans eine gut gelaunte Heavy Metal Party – Chapeau!

Helloween

Rage

2 Gedanken zu „HELLOWEEN, RAGE, 07.02.2016, LKA, Stuttgart

  • 9. Februar 2016 um 08:53
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    Super geschrieben, trifft es mit jedem Satz, geile Galerie und jedes Bild ein Volltreffer…
    Um es noch einmal mit wenigen Worten zu sagen: Ein Hammer Konzert… :-)

  • 9. Februar 2016 um 12:54
    Permalink

    Daumen hoch! Toll geschrieben – toll zu lesen ….

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