LOCAS IN LOVE, 29.01.2016, Pop Freaks, Merlin, Stuttgart

Locas in Love, 29.01.2016, Pop Freaks, Merlin, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Das Leben eines Konzertchronisten ist meist wirklich nicht das schlechteste, wie ich seit nunmehr sieben Monaten weiß. Am Abend zuvor durfte man eine tolle musikalische Darbietung erleben (oder zumindest eine „interessante“, wie ein gängiger Euphemismus lautet, wenn es so gar nicht zu gefallen wusste) und hat dann die Ehre, seinen persönlichen Eindruck interessierten Leserinnen und Lesern darzulegen. Gerne lässt man an manchen Stellen erkennen, dass man als Heranwachsender eine musikalische Grundausbildung, zumindest auf Kleinstadt-Musikschulen-Niveau, durchlaufen hat und weiß, dass ein Musiker auch piano spielen kann, ohne an einem selbigen zu sitzen. Ein gerne gehörtes Kompliment der Leserschaft ist dann, dass man beim Lesen das Gefühl habe, dabei gewesen zu sein.

Es gibt dann aber auch die – zum Glück seltenen – Fälle, bei denen man zwei Tage später vor seinem geöffneten Laptop sitzt und man keinen Anfang findet. Das Weiß der leeren Seite verschmilzt mit dem tristen Grau des Januar-Sonntags und man weiß, man kommt nicht darum herum: Es hilft nur noch der Griff zur Metaebene, sprich über die erfolglose Suche nach einem griffigen Textanfang schreiben, und schon hat man den Textanfang. Geht aber nur mit Ironie, versteht sich von selbst.

Locas in Love, 29.01.2016, Pop Freaks, Merlin, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Blöd ist das natürlich in erster Linie für die betroffene Band, in diesem Fall Locas In Love aus Köln. Die kann nämlich gar nichts dafür, dass der Chronist sich den ganzen Tag über bis zum Konzertabend mit üblen Kopfschmerzen durch die Gegend und schließlich ins Merlin schleppt. Das ist erfreulich gut gefüllt und die Neuerung des Plattenauflegens beim diesjährigen Popfreaks-Festival vor und nach dem Konzert ist äußerst gelungen. Eine Vorband gibt es nicht und so kommen Jan Niklas Jansen (Gitarre), Saskia von Klitzing (Schlagzeug), Stefanie Schrank (Bass, Gesang) und Björn Sonnenberg (Gitarre, Gesang) auf die Bühne und es geht gleich voll los – mit dem Stimmen der Gitarren und dem Hinweis, dass die Hintergrundmusik gerne noch kurz aufgedreht werden könne. Fantastisch ist das. Soviel Gelassenheit muss man erst einmal mit auf die Bühne bringen. Aber Locas In Love sind auch wahrlich keine Greenhorns: Seit 2001 gibt es diese Formation schon und das aktuelle Album „Use Your Illusion 3&4“ ist bereits ihr sechstes Werk, von dem auch einige Stücke gespielt werden. Das Auftaktstück verspricht einiges: eine eingängige Melodie steigert sich zum Ende hin in einen fast schon noise-änlichen Instrumentalteil, die beiden Gitarren werden ordentlich geschrammelt, während Bass und Drums das Ganze vorantreiben – gefällt mir wirklich gut.

Die folgenden Stücke sind mir persönlich dann aber doch alle ein wenig zu ähnlich – gut gespielt, keine Frage, da passt alles. Aber ich kann irgendwann das zweite vom fünften oder siebten nicht mehr unterscheiden. Jedes für sich verfügt über eine schöne Melodie, welche vor allem durch Björn Sonnenbergs sehr sonore Stimme getragen wird, aber in meinen Ohren plätschert das Set bis zum achten (oder neunten?) Song doch zu sehr vor sich hin. Vielleicht liegt dieser Eindruck auch einfach an meiner eher trägen Tagesverfassung, denn das sonstige Publikum nimmt jeden einzelnen Songs wohltuend konzentriert auf und belohnt die Band mit teils enthusiastischem Applaus, was wiederum die Vier auf der Bühne ehrlich und sympathisch freut.

Locas in Love, 29.01.2016, Pop Freaks, Merlin, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Ich ziehe mich in die Konzertkomfortzone zurück (die Bar), bestelle ein Wasser und vernehme, dass die vier in der zweiten Hälfte immer häufiger das auf die Bühne bringen, was ich mir aufgrund des ersten Songs erhofft hatte, sodass auch die berüchtigte Merlin-Bühnenlichtorgel zum Einsatz kommt. Im Rückblick muss ich sagen, dass ich das letzte Drittel des Sets schließlich richtig gut finde, z.B. „Da ist ein Licht“ (mit einem sehr schönen Musikvideo). Vor allem das Stück „Blackbox“ begeistert mich sehr und ist nicht zu Unrecht der Opener des aktuellen Albums. Flotter Groove mit leicht verzerrtem Sprechgesang, nicht ganz vorhersagbare Akkordfolgen – ein Song mit Ecken und Kanten und der wirklich auch auf dieses Set zutreffenden Textzeile: „Ein Lied, das keinem wehtut, ist meistens nichts wert“.

Es wäre nicht fair, den Abend mit dem Zwischenruf eines Gasts zu beschreiben: „Net schlecht“ erklingt es zur Mitte des Abends, was im Schwäbischen allerdings durchaus als euphorisch bezeichnet werden kann. Zum Schluss dieses Textes muss ich glücklicherweise nicht mehr bemüht irgendeine postmodern anmutende Metaebene aufsuchen, sondern nehme einfach den Satz, den Sänger Björn Sonnenberg mir während des Konzerts in den Gig-Block diktierte: „Die Fans waren einer Meinung: Die Band war menschlich und net schlecht“.

Locas in Love, 29.01.2016, Pop Freaks, Merlin, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Locas in Love

2 Gedanken zu „LOCAS IN LOVE, 29.01.2016, Pop Freaks, Merlin, Stuttgart

  • 1. Februar 2016 um 15:14
    Permalink

    Net (ganz) schlecht. Nur, dass das aktuelle Album „Kalender“ ist. Obwohl’s im gleichen Jahr wie „Use your Illusion 3&4“ erschien.
    Klingt aber ähnlich ;)

  • 2. Februar 2016 um 20:05
    Permalink

    Oh, okay – vielen Dank für den Hinweis.
    Ich bin von dieser Diskographie auf ihrer Homepage ausgegangen.
    https://locasinlove.com/#/info

    Aber ich hätte mal noch bei „News“ nachschauen sollen.

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