JUDAS PRIEST, UFO, 14.12.2015, Schleyerhalle, Stuttgart

JUDAS PRIEST, 15.12.2015, Schleyerhalle, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Nachdem eigentlich 2011 nach einer ausgiebigen Welttournee zum Epos „Nostradamus“ (2008) Schluss sein sollte mit Judas Priest, entschloss man sich 2014, also 40 Jahre nach Erscheinen des Debüt-Album „Rocka Rolla“ ein neues Album, nämlich „Redeemer Of Souls“, zu veröffentlichen und auf Tour zu gehen. Und man kann nur sagen zum Glück!

JUDAS PRIEST, 15.12.2015, Schleyerhalle, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Einiges haben Bands aus der Zeit von Led Zeppelin, Black Sabbath, Deep Purple oder Judas Priest ja gemeinsam, als die Hippiezeit sich zumindest musikalisch dem Ende neigte. Es war ebenfalls eine Art musikalische Aufbruchstimmung, die eine härtere Spielart von Blues und eine Abwendung vom Space Rock und eine Hinwendung zum Hard oder Heavy Rock ermöglichte und die schließlich Ende der 1970er/Anfang der 1980er Jahre zunächst in UK, dann in Europa und weltweit zu einer Bewegung wird, die dem Heavy Metal Vorschub leistet und für viele auch eine Alternative zum Punk darstellt: The New Wave Of British Heavy Metal (kurz NWOBHM). Hier sind die Grenzen natürlich wie so oft fließend und obwohl sie nicht im engeren Sinne Teil dieser Bewegung sind, werden auch gerade Judas Priest ob ihres großen Einflusses gerne und meiner Meinung nach zu Recht dazu gerechnet. Klassische Vertreter der NWOBHM sind Iron Maiden, Motörhead, Saxon oder auch Def Leppard.

Die Band, die den Abend eröffnen darf, gehört eher der Ära der Vorreiter an, aus der Deep Purple & Co stammen, wenngleich sie Mitte bis Ende der 70er Jahre auch mit zu den ganz großen und international gefragten Bands gehören, bleibt ihr Erfolg nicht so umfassend und konstant: UFO. Von 1973 – 1978 verdingte sich auch der ehemalige Scorpions Gitarrist Michael Schenker bei UFO und beeinflusste und prägte deren Stil maßgeblich. Bei UFO gab es so viele Wechsel in der Besetzung, dass eine ursprüngliche kaum noch auszumachen ist, so scheint es. Fels in der Brandung ist nach wie vor Sänger Phil Mogg, der von Beginn an, also 1969, und durchgängig dabei ist. Aber auch Schlagzeuger Andy Parker war bereits in der Gründungsformation mit von der Partie, hatte aber immer wieder UFO-Pausen im Laufe der Jahre. Ebenso wie Keyboarder und Rhythmusgitarrist Paul Rymond, der seit 1975 regelmäßig und für lange Perioden bei UFO seiner Arbeit nach ging. Sozusagen ganz frisch sind Bassist Rob de Luca (seit 2009) und Lead Gitarrist Vinnie Moore (seit 2004)

UFO machen ihre Sache für den 45-minütigen Auftritt gut, bei einem anständigen Sound, auch wenn dem Alter der Bandmitglieder doch eine gewisse Behäbigkeit geschuldet ist, was bei einer so großen Halle natürlich stark ins Gewicht fällt, wenn es gilt das Publikum anzuheizen. Doch selbiges ist wohlwollend und erkennt sozusagen die Lebensleistung der Musiker begeistert an. Das Gitarrenspiel des 50-jährigen Youngster Guitar-Hero Vinnie Moore steht gekonnt ganz im Vordergrund und unterstreicht einen harten Live-Sound der Band. Neben Klassikern, wie „Rock Bottom“ vom 1974er Phenomenon-Album, sind auch neuere Lieder, wie „Burn Your House Down“ vom Album „Seven Deadly“, 2012 vertreten. Wie gesagt: Alles recht ordentlich auch wenn der Auftritt doch etwas altherrenhaft daher kommt.

Doch nun wird die Bühne mit einem riesigen Judas Priest-Banner verhängt, um den fast 45-minütigen Umbau etwas zu verstecken. Ich kann mich bis ziemlich nah zur Bühne durchschlängleln und sehe eine zunehmend bunter werdende Anhängerschaft: Metal-Kids, in ganz klassischen Kutten mit vielen Metal-Aufnähern mischen sich mit korpulenteren sehr gesprächigen Frauen mittleren Alters und 50-jährigen Männern mit freiem Oberkörper. Wiederum beruhigen mich dann aber die T-Shirt-Träger, die sich gerne mit Judas Priest, Iron Maiden, Black Sabbath, Saxon aber auch Sodom, Megadeath und Metallica schmücken – der Metal-Vibe steigt auf.

Nachdem das Saallicht etwas dunkler und die Musik vom Band viel lauter wird – es läuft Black Sabbath („War Pigs“) und wird lautstark mit gesungen – ist klar, dass nun gleich die Audienz des Hohepriester des Heavy Metal beginnt. Und er verschwendet keine Zeit mit langen Predigten. Mit einem Knall, dem fallenden Banner und einem Licht-Sound-Inferno befinden sich die zu mehreren Tausend angereisten Jünger unmittelbar im Bannkreis von Judas Priest. Die Show ist so einfach wie effektiv. Hinter dem Schlagzeuger ragt eine riesige LED-Wand auf, die ihre Fortsetzung auf der Bühne links und rechts des Schlagzeugers findet, der wiederum dadurch leicht erhöht davon eingebaut scheint. Und da ist er nun persönlich. In einem langen, schwarzen, Nieten besetzten Ledermantel, verspiegelter Sonnenbrille und sehr cool: Rob Halford.

JUDAS PRIEST, 15.12.2015, Schleyerhalle, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Dass vor dem jeweils nächsten Song immer das Album, von dem er stammt eingeblendet wird, kann man als albern abtun, hat aber bei 46 Jahren Schaffenszeit und 17 Studioalben doch einen nicht zu unterschätzenden Informationswert. Man geht zwar nicht direkt chronologisch vor, aber man greift doch weit in Frühzeit zurück und nach dem neuen „Dragonaut“ hören wir zunächst „Metal Gods“ vom Kult-Album „British Steel“ (1980) um dann mit einem lässigen „Is Everybody Ready?“ begrüßt zu werden (einer der ganz wenigen Moment, in denen der Priester zu uns spricht). Man bleibt mit den weiteren Liedern eher in der frühen Schaffensphase und wir bekommen „Desert Plains“ vom 1981er „Point Of Entry“ Album und „Victims Of Changes“ des zweiten Albums „Sad Wings Of Destiny“ (1976) zu hören oder besser auf die Ohren. Denn der Sound ist dermaßen druckvoll und die Rob Halford so präsent, dass der berühmte Funke keine Probleme hat, die Fans von Beginn an zu entzünden und für ausgelassene Stimmung zu sorgen.

Es wird klar, dass Halford, der sich 1989 als erster homosexueller Metalsänger outete, eine Vorliebe dafür hat, in immer neuen, coolen und zugegeben auch recht klischeehaften Outfits mit viel Leder und Nieten und dergleichen, auf die Bühne zu kommen. Aber genau so kennen und lieben die Fans den „Metal God“, wie er auch oft genannt wird. Gelegentlich stützt er sich auch auf einen Gentleman-Gehstock, den er aufgrund einer Rückenoperation von Zeit zu Zeit elegant als Stütze und Bühnen-Accessoire zugleich benutzt.

JUDAS PRIEST, 15.12.2015, Schleyerhalle, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Die Auswahl der Lieder ist nicht unbedingt die gängigste und erwartbarste oder ein einfaches Abfeiern der großen Erfolge und Hits (derer es ja genug gäbe), sondern man hat sich durchaus auch ein bissen abseits der ausgetretenen Pfade bewegt und an andere Songs des umfassenden Œuvres getraut, um sie live darzubieten. Dazu gehören beispielsweise auch „The Rage“ (1980), „Hell Bent For Leather“ (1978), „Beyond The Realms Of Death“ (1978) oder „Screaming For Vengeance“ (1982). Angereichert wird die Auswahl natürlich noch mit aktuellen Titeln der „Redeemer Of Death“ (2014) Veröffentlichung. Aber selbstverständlich gehören ein paar echte Klassiker ebenfalls zum Auftritt des Priesters als da wären „Breaking The Law“, „Turbo Lover“, „Electric Eye“ und ganz zum Schluss sogar „Living After Midnight“.

So wie sich die Stimmung immer auf hohem Level bewegt – bei „Turbo Lover“ beginnen die Metal-Kids sogar ein Mosh-Pit zu etablieren, das aber nur zaghaft angenommen wird – und Judas Priest es gar schaffen, einen Spannungsbogen aufzubauen, so ist der Sound immer druckvoll, frisch und wirklich sehr gut in meiner ungeliebtesten aller Live-Locations und er ist auch richtig schön laut, wie das auch sein muss bei einem Metalkonzert. Die Doublebass-Drum ist fett und hämmert einem direkt in die Magengrube und Gitarrist Richie Faulkner macht sich augenzwinkernd über Leute lustig, denen der Gehörschutz zu den Ohren herauskommt. Und ja klar darf auch das obligatorische „Yeah yeah“-Vor-und-Nachsingen nicht fehlen, das aber nochmals klar macht, welch außergewöhnliche Stimme Halford besitzt. Dass der hohe, phasenweise fast opernhafte Gesang nicht jedermanns Sache sein kann, ist klar. Aber der Erfolg zeigt, dass es nicht so viele sein können, welche die markante Stimme mit einem Umfang von 4½ Oktaven wirklich stört.

JUDAS PRIEST, 15.12.2015, Schleyerhalle, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Neben Küken Richy Faulkner (Jahrgang 1980) der mal richtig Spaß bei der Arbeit hat und erst 2011 festes Bandmitglied geworden ist, haben wir bei Judas Priest annähernde eine etwas gepimpte Urbesetzung am Start, zumindest wenn man das im Verhältnis zum Debüt von 1974 sieht, sind da noch Glenn Tipton, seit 1974 an der Gitarre, Ian Hill bereits seit 1970 am Bass. Halford selbst kam 1973 dazu und verließ die Band 1993 und kam 2004 zurück. Während seiner Abwesenheit sind aber lediglich zwei Alben mit Sänger Tim Owens entstanden; die Fans wollten jedoch Rob wieder haben. Eine Besonderheit stellt noch die Position des Schlagzeugers dar, die wohl am häufigsten neu besetzte Position bei Judas Priest. Seit 1990 nun ist aber das Instrument konstant mit Ausnahmedrummer Scott Travis besetzt, zu dessen Markenzeichen die schnelle Doublebass-Technik geworden ist.

JUDAS PRIEST, 15.12.2015, Schleyerhalle, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Das Konzert macht richtig Spaß hier und man hat zum einen fast vergessen, wo man sich gerade befindet und zudem ist man meilenweit entfernt von dem Eindruck der behäbigen, alten Herren. Selbst wenn klar ist, dass auch Judas Priest ihre Kräfte einteilen und natürlich schon ganz schön ranklotzen müssen, um die anderthalb Stunden auf diesem Niveau durchzurocken und sich Rob Halford dann doch ab und an mal auf der Harley Davidson niederlässt, mit der er zu „Hell Bent For Leather“ doch glatt auf die Bühne gefahren kommt! Aber die Fans sind alle vollauf und mehr als zufrieden mit dem Auftritt. Und das bereits erwähnte „Living After Midnight“ ist der schönste, stimmungsvollste  und somit bestmögliche Abschiedssong nach so einem wirklich gelungenen Metal Live-Feuerwerk.

Heavy Metal never dies!

2 Gedanken zu „JUDAS PRIEST, UFO, 14.12.2015, Schleyerhalle, Stuttgart

  • 16. Dezember 2015 um 14:13
    Permalink

    Auf dem Konzert wurde ja gemunkelt, Holger verkleide sich zu Fasching nächstes Jahr als Rob Halford.

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