ERIC PFEIL, 28.11.2015, InDieWohnzimmer, Stuttgart

EP-19 Kopie

Foto: Knut Nöhrbaß

Es ist einer der Samstagabende wie sie, zumindest aus meiner Perspektive, in Stuttgart in letzter Zeit gar nicht so selten sind. Mehr Sachen los, als man als interessierte Konzertgängerin auf einmal besuchen kann, da gilt es abzuwägen und auszuwählen. Unser Plan für den Abend: Erst zu Eric Pfeil bei Claudia und Christine von InDieWohnzimmer, anschließend Die Säulen des Kosmos und Mosquito Ego im TAUT bei den Wagenhallen. Lässt sich von den Anfangszeiten her gut vereinbaren und  die Torben Denver Band (mit neuen Songs, hätte man schon gerne gehört) und Die Damen und Herren des Orchesters (Club Déjà-Vu Ableger), so die Kalkulation, kann man als Stuttgarter Local Heroes hoffentlich auch ein anderes Mal noch live sehen.

Auf geht’s also gegen halb acht nach Feuerbach in Claudias wie immer liebevoll zum Konzert-Venue umgestaltetes Wohnzimmer (mobiler Kaninchenstall weicht vorübergehend Soundanlage und Bestuhlung). Mit etwa dreißig Gästen ist es angenehm gefüllt. Natürlich wieder die üblichen liebgewonnenen Verdächtigen da, plus x.

Den Künstler kann man vor der Show persönlich in der Küche wartend bewundern, einer der Vorteile des Wohnzimmer-Formats, zumindest aus Zuschauersicht. Die Musikerinnen und Musiker müssen da halt durch.

Um kurz vor neun geht’s los mit der üblichen Begrüßung durch die Hausherrin und dem Erklären der Wohnzimmer-Spielregeln – freier Eintritt und Getränke, großzügige Spenden erwünscht. Funktioniert glaub ich meistens ganz gut, Wohnzimmerkonzert-Besucherinnen und -Besucher sind ja in der Regel ausgesprochene Musikfans, die gezielt kommen, um den Auftritt und die Musik zu genießen und dafür auch entsprechend zu bezahlen. Fiele auch auf, wenn man in diesem intimen Rahmen nur zum Freigetränke abgreifen und quatschen kommen würde.

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Foto: Knut Nöhrbaß

Die Auftrittsfläche ist aufwändiger dekoriert als sonst, zu den üblichen Kerzen kommen heute Lichterketten und von innen beleuchtete Christbaumkugeln, die wie Orangen im Gummibaum hängen – wirkt irgendwie fast mediterran.

Das Stichwort mediterran passt bei Eric Pfeil sowieso gut, durch seine Liebeserklärung an die italienische Popmusik „Radio Gelato“ plus Video wurde zumindest ich auf den Künstler aufmerksam. Kritiklose Italienverehrung durch romantisch verklärte Tedeschi, wo muss ich unterschreiben?

Ganz so monothematisch ist Eric Pfeil aber auch nicht, neben italienischer Popmusik, Morricone und Italo-B-Movies der 1970er Jahre kann man sich dem Pfeil’schen Kosmos gut auch über Bob Dylan annähern (ich jetzt weniger) oder generell über das Genre Folk/Country/Americana.

Jetzt aber zum eigentlichen Auftritt. Eric Pfeil ist Soloartist, ohne Band, nur Mann und Gitarre. Kann leicht langweilig werden, funktioniert in diesem Fall aber – soviel darf an dieser Stelle schon mal verraten – ausnehmend gut.

Das erste Stück ist, so Pfeil, „ein Protestlied gegen den Sommer“, saisonal nicht ganz passend, egal. „Ein böser Fall von August“ heißt der Song.

Das Gitarrenspiel ist reduziert und eher rhythmusgebend als virtuos, bietet aber den passenden zurückgenommenen Rahmen für die Stücke, bei denen sowieso eher die erzählenden Texte und die klare, schnörkellose Stimme im Vordergrund stehen.

Das zweite Stück kannte ich vorher nicht, es wurde, wenn ich mich richtig erinnere, auch als neu angekündigt, der Titel: „Bei offenem Fenster schlafen.“

Zwischen den Stücken gibt es längere Ansagen, Erläuterungen und Abschweifungen, die in ihrer Stream-of-consciousness-artigen Struktur an Pfeils Musik-Kolumne erinnern, so dass das Ganze auch ein bisschen was von einer Lesung hat.

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Foto: Knut Nöhrbaß

Das dritte Stück ist „Der depressive Detektiv“, dessen Titel nach eigenen Angaben ursprünglich Thema einer erfolgreichen Krimireihe des Autors Pfeil werden sollte. Aus jener wurde dann aber nichts, da sich das zugrunde liegende Konzept des „Krimis ohne Fall“ überraschenderweise doch nicht als tragfähig erwies.

Es folgen „Reproduktion“ und „Marzipan in Michigan“ und dazwischen wieder Anekdoten und Beobachtungen. Zum Beispiel die Feststellung, dass man sämtliche raren und gesuchten Platten ja lange vergeblich sonst wo suchen könne, da sie offensichtlich alle hier in Stuttgart im Second Hand Records zu finden seien – Fazit von Pfeils heutigen Besuchs dort: „es war grauenhaft“ (natürlich positiv gemeint).

Die nächsten Stücke sind „Wir müssen nur so tun als wären wir frei“, „Die Stadt“ und dann „Himmelwärts“ vom aktuellen Album. „Himmelwärts“ ist einer meiner Songs des Jahres 2015, neben diversen anderen Gründen wegen der wundervollen Textzeile „denk nicht über Geld nach/nimm halt meins“.

Weiter geht es mit „Clarissa unten am Fluss“ mit dem repetitiven Textteil „vielleicht bleiben wir ja für immer hier“,  durch dessen hypnotische Wiederholung die Zeit tatsächlich für einen Moment still zu stehen scheint.

Es folgt eine Filmempfehlung, „Der Triebmörder“ (1972, mit Klaus Kinski), die den Song „Margaret Lee“ einleitet und als letztes Stück im regulären Set „Königsmörder.“

Mangels Rückzugsmöglichkeit nach backstage schließen sich umstandslos zwei Zugaben an, „Menschen aus Schaum“, ein „Proteststück gegen die Zeit,“ so Pfeil, und zum Schluß „Soul“, zur Freude von Claudia und Christine. Gefällt mir live sehr.

Licht geht an, der Künstler wechselt zum Merch-Stand und steht neben der Verkaufstätigkeit auch für persönlichen Austausch und Nachfragen zur Verfügung. Sehr sympathisch.

Wir machen uns anschließend auf den Weg Richtung TAUT/Wagenhallen, dort gibt es mit Die Säulen des Kosmos (Sektentechno) und Mosquito Ego (Acid Punk), brennenden Mülltonnen und brachialer Lautstärke musikalisches Kontrastprogramm zum beschaulichen Wohnzimmer-Setting.

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Foto: Knut Nöhrbaß

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