FETTES BROT, 26.11.2015, Porsche Arena, Stuttgart

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Foto: Andreas Meinhardt

Schwuuuuuu—uuuuuuuuuuuuuuuuule Mädchen

singt der ganze Saal. Am Ende wird das Konzert dann doch noch fett.

Fettes Brot, die Teenager vom Mars (so der Name ihres aktuellen Albums und ihrer derzeitigen Tour), landen heute Abend in der Porsche Arena in Stuttgart. Die Halle ist abgehängt, es sind knappe 3000 Fans gekommen, wohl etwas weniger als beim letzten Mal. FB gehn damit humorvoll um:

Liebe Kinder, hinter den Vorhängen sitzen Eure Eltern.

Dokter Renz (Martin Vandreier), König Boris (Boris Lauterbach) und Björn Beton (Björn Warns) stehen im Wald, also: Der Bühnenhintergrund besteht aus einem Format füllenden Nadelwaldstoffdruck, davor ein paar weiß angesprühte Tannen respektive Weihnachtswald. Vielleicht der Jahreszeit geschuldet, allerdings ist es ihr drittletzter Termin auf ihrer Novembertournee, da ist eigentlich noch gar kein Alle-Jahre-Wieder-Wahnsinn. Zur Deko wird jedenfalls auch bis zum Wechsel kurz vor Ende kein Bezug genommen, wieso also Wald?

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Foto: Andreas Meinhardt

Mit „Teenager Vom Mars“ startet dann auch das Konzert. Die drei Mitte-Vierzig-Berufsjugendlichen hüpfen rappend oder rappen hüpfend vor ihrer Begleitband, bestehend aus Schlag, Bass, Key und Scratch-Sequenzenabrufer, hin und her.

Denn du bist the Shit
im Sinne von super
im Sinne von yeah yeah yeah yeah yeah
du bist the Shit
im Sinne von sexy
im Sinne von sehr sehr sehr sehr sehr sehr sehr

Wohl der Song mit den meisten sehrs wird stolz verkündet. Krude Liebeslieder mit absurdem Witz – die Hiphop-Abteilung der Hamburger Humorschule. Grund genug, um hier zu sein. Nur blöd, dass ich am Folgeabend zu müde bin, um zu Jacques „Hamburger Bruder im Geiste“ Palminger zu gehen. Egal. „Nordisch by Nature“, das „An der Nordseeküste“ des Hanseaten-Hip-Hop wird im Refrain mit „Ghostbusters“- und „I Like To Move It“-Tunes aufgemotzt. So kann man den Song noch bringen, quasi Altersweisheit, oder, um im Slang zu bleiben, Alda, Waishaidd!

Soll ich´s wirklich machen oder lass ich´s lieber sein – Jein

„Jein“, die erfolgreichste Verbindung aus Humor und (Hip-Hop-)Pop und somit Pflichtprogramm wird früh abgefeiert, damit Platz für die neuen Songs da ist.

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Foto: Andreas Meinhardt

Bei allen gut funktionierenden Nummern wirken die drei Brote bei ihren Publikumsschmeicheleien irgendwie müde. Dass sie die dritte Show ohne Offtag nach Berlin und Münster spielen, merkt man. Leider.

Gegen Ende des Hauptteils wird ein Selfie-Stick ausgepackt und man fotografiert sich mit den Fans, daraus wird der viel zu lange Selfie-Stick-Blues geschustert, mit dem zu viel Tempo verloren wird. Das alberne „Das letzte Lied auf der Party“ als letzter Track vor der Zugabenrunde zündet nicht wirklich. Die Kommt-doch-wieder-zurück-auf-die-Bühne-Klatscherei ist dann auch so mittelprächtig, dass die Befürchtung in der Arena steht, dass sie wirklich Schluss machen. Machen sie natürlich nicht.

Und dann: Fettes Brot schafft den Turnaround. Ganz vorne wird ein Bühne abdeckender Vorhang abgelassen, er ist mit dem Bild eines riesigen Plattenregals bedruckt. Renz, Boris, Beton und der Scratcher stehen ohne Band davor, ganz nah am Publikum, und geben ihr fünfzehnminütiges Turntable Medley. Nur Bass, Beats, Samples und Rap. Zurück zur Kernkompetenz. Und – oh Wunder – das ist richtig phatt! Schnell, lustig, kunstvoll verwebt. Voller Flow.

Der Vorhang wird abgeworfen, die dusselige Weihnachtsdeko ersetzt durch Lkw-große Totentape-Symbole, und ab gehddas hiea: „Lauterbach“, „Bettina“ und am Ende „Schwule Mädchen“ verdoppeln Druck, Tempo und Party. Geht doch. Bei Fettes Brot ist kein Platz für Bushidos Homophobie und K.I.Z.s Sexismus: 3000 Fans skandieren zum Schluss

Wir sind schwule Mädchen

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Foto: Andreas Meinhardt

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„Crazy World“ wird heute leider nicht präsentiert. In diesem Track versteckt sich nämlich die tröstende (Weihnachts-)Botschaft schlechthin, die erklärt, warum wir alle überhaupt auf Konzerte gehen:

Doch da gibt’s etwas, das uns Hoffnung gibt – Geschlechtsverkehr und Popmusik

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Denn du bist the Setlist:
Teenager vom Mars
Können diese Augen lügen
Du bist the Shit
Erdbeben
Wackelige Angelegenheit
Nordisch by Nature
Jein
Meine Stimme (mit Fatoni)
Für immer immer
Ganz schön low
Emanuela
Amsterdam
Von der Liebe
Echo
An Tagen wie diesen
Mein Haus
Dynamit & Farben
Selfiestick
Das letzte Lied auf der Party

Encore 1:
Turntable Medley (inkl. u.a. Definition von Fett, Silberfische in meinem Bett, Da draussen, Die meisten meiner Feinde, Meh’ Bier, Toten Manns Disco, KussKussKuss, Ruf mich an)

Encore 2:
Lauterbach
Bettina
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Schwule Mädchen

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