DIE AERONAUTEN, STRAGULA, 20.10.2015, Goldmark’s, Stuttgart

DIE AERONAUTEN, STRAGULA, 20.10.2015, Goldmark's, Stuttgart

Foto: Reiner Pfisterer

Wie kann es eigentlich sein, dass eine Band wie Stragula seit mehr als dreißig Jahren werkelt, ohne dass ich jemals etwas von ihr gehört habe? Auch andere notorische Konzertgänger reiben sich die Augen: Die fünfköpfige Kapelle aus Reutlingen eröffnet gerade den Gig der Aeronauten und hat binnen Minuten das gut gefüllte Goldmark’s auf Betriebstemperatur gebracht. Auf historischen Billig-Synthesizern produzieren sie Lo-Fi-Trash-Versionen berühmter Party-Klopper. Der Auftritt ist optisch und musikalisch, ähm, nunja, zumindest bemerkenswert.

DIE AERONAUTEN, STRAGULA, 20.10.2015, Goldmark's, Stuttgart

Foto: Reiner Pfisterer

Frontmann „Graf Stragula“ und seine Kollegin „Plushbug“ haben sich hinter einer Bierbank verschanzt wie die Kassenwarte beim Gemeindefest. Dekoriert ist das Ganze mit einem plüschigen Marien-Wandbehang. Mit einem herzerweichend schrägen Trompeteneinsatz und Ennio Morricones „The Good, The Bad & The Ugly“ startet ein Set, das unter anderem mit Nancy Sinatras „Bang, Bang“, „Ça Plane Pour Moi“, „Surfin‘ Bird“ und Jeanettes „Porqué te vas?“ auf den unvermeidlichen Höhepunkt, das Sexy-Disco-Medley, zustrebt. Dies ist alles nicht nur zum Brüllen komisch, sondern trotz aller musikalischen Kauzigkeit, immer auch eine Würdigung des Originals. Stragmann arbeitet sich pedantisch durch einen Stapel von Liedtexten, schaltet immer den jeweils fiesesten Retorten-Beat ein und gestikuliert ungelenk ins Publikum. Sängerin „Plushbug“ ist zwar ein echter Augenschmaus und stimmlich in etwa so begnadet wie Françoise Cactus, entspricht jetzt aber nicht unbedingt dem landläufigen Bild einer Sexbombe. Umso witziger kommt das betont unlasziv vorgetragene Medley mit Perlen wie „I’m Too Sexy“ von Right Said Fred und Tom Jones‘ „Sex Bomb“ rüber. Der Laden tanzt, es wird mitgesungen.

DIE AERONAUTEN, STRAGULA, 20.10.2015, Goldmark's, Stuttgart

Foto: Reiner Pfisterer

Auch die Aeronauten genießen Stragulas Auftritt. Mitten im Publikum und mit sichtlich guter Laune. Jede andere Band müsste sich wohl Gedanken machen, ob sie nach einem derart überzeugenden Support Act überhaupt noch eine Schippe drauflegen kann. Nicht aber die Aeronauten. Mit einem knappen Dutzend Alben, jahrzehntelanger Bühnenerfahrung, einer veritablen Sammlung von (Insider-) Hits und einer treuen Fanbase werden sie auch das Goldmark’s erobern. Und zwar sowas von.

DIE AERONAUTEN, STRAGULA, 20.10.2015, Goldmark's, Stuttgart

Foto: Reiner Pfisterer

„Schaffhausen Calling“. Mit dem Opener ihres aktuellen Albums „Heinz“ nehmen die Aeronauten das Publikum in Empfang und schon nach wenigen Takten kommt der Laden wieder in Bewegung. Nach einer kurzen Vorstellungsrunde kommt die Ankündigung, man werde uns jetzt binnen dreißig Minuten in den Wahnsinn treiben, und danach ginge es wirklich los. Auch im fünfundzwanzigsten Bandjahr rechnen sie, wie sie selbstironisch bemerken, mit dem großen Durchbruch im kommenden Jahr.

DIE AERONAUTEN, STRAGULA, 20.10.2015, Goldmark's, Stuttgart

Foto: Reiner Pfisterer

Im Gepäck haben die sympathischen Schweizer eine unwiderstehliche Mischung aus Indie-Rock, Soul, Ska und Punkrock und vielen anderen Genres, mit denen sie schon seit einer gefühlten Ewigkeit fast jeden Club in Wallung bringen. Auch wenn ihnen das jahrelange Rock’n’Roll-Leben graue Haare, Falten und das ein oder andere Extrapfund beschert hat, sie gehen zur Sache, als ob es kein Morgen gäbe.

DIE AERONAUTEN, STRAGULA, 20.10.2015, Goldmark's, Stuttgart

Foto: Reiner Pfisterer

Frontmann Guz schüttelt ebenso knappe wie witzige Ansagen aus dem Ärmel, und die Unterbrechungen beschränken sich auf das Notwendigste. Bei den letzten Akkorden eines Stückes wird schon die Gitarre für den nächsten Titel gewechselt. Das ist äußerst routiniert, wirkt mühelos und macht einen guten Teil des Drucks aus, den die Band permanent von der Bühne sendet. Dabei werden aktuelle Titel wie „Heinz“ oder „Hey Fettsack“ genauso begeistert aufgenommen wie Klassiker ihrer älteren Alben.

DIE AERONAUTEN, STRAGULA, 20.10.2015, Goldmark's, Stuttgart

Foto: Reiner Pfisterer

Allergrößten Spaß macht mir als altem Ska-Fan natürlich die Bläser-Sektion. Welche andere Band schafft es, einen Klassiker der Weltliteratur wie Ian McEwans „Zementgarten“ in einen tanzbaren Indie-Rock-Titel mit fetten Bläser-Fanfaren zu packen? Das ist nicht nur musikalisch brillant, sondern auch textlich großartig. Im Laufe des Abends werden auch noch Block- und Querflöte ausgepackt. Kurzum: ein überaus abwechslungsreiches Set, das weder Band noch Publikum eine Verschaufpause gönnt und nach einem ausgiebigen Zugabenblock erst deutlich nach Mitternacht endet.

Und mit „Ottos kleine Hardcore Band“, in dem sie frech Iggy Pops „Passenger“ verwursten, haben die Aeronauten mal wieder einen potenziellen Hit auf dem aktuellen Album. Ich bin sicher: Mit dem schaffen sie endlich den großen Durchbruch. Vielleicht nicht gleich, aber wahrscheinlich nächstes Jahr.

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Foto: Reiner Pfisterer

Die Aeronauten

Stragula

3 Gedanken zu „DIE AERONAUTEN, STRAGULA, 20.10.2015, Goldmark’s, Stuttgart

  • 23. November 2015 um 23:19
    Permalink

    Danke für die schönen Bilder und den tollen Bericht! Selten fängt jemand so gut ein, was wir ausdrücken wollen. Danke dafür und den immer lesenswerten GIG-BLOG!

  • 24. November 2015 um 09:31
    Permalink

    Au ja!

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