ANTILOPEN GANG, 19.11.2015, Club Cann, Stuttgart

ANTILOPEN GANG, 19.11.2015, Club Cann, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Es geht auf ein Hip-Hop Konzert im Jugendhaus. Ein Anlass die alten Adidas Old School Sneaker rauszuholen und sich auf viel Kopfnicken einzustellen. Was auffällt im Stuttgarter Jugendzentrum „Club Cann“: es ist sehr ordentlich hier. Keine mit Edding bemalten Toiletten, keine Nachrichten an den Wänden, wer derzeit die angesagte Liebe des Lebens ist.

Das Publikum ist jung und durchgemischt. Kernalter Anfang bis Mitte zwanzig, inklusive der Gig Blog Posse des Abends, mit eher gefühlten Mitte 20. Eine verlässlich erfrischende Instanz beim Besuch eines Konzertes in einem Jugendzentrum: es gibt noch Jungs und Mädels mit Dreadlocks, die sich abheben von einer Undercut/Berlin Mitte Dutt-Masse. Im Saal des Club Cann brodelt bereits die jugendlich frische Energie. Mädels in den ersten Reihen tanzen zur Hintergrundbeschallung, die Selfie Produktion läuft auf Hochtouren.

Im Vorprogramm gibt es Juse Jue in junger Hip Hop Flitzpiepe. Liebe, Mädchen, soziale Medien, sich selbst nicht zu ernst zu nehmen sind seine Themen. „Ich gebe Euch den Call, ihr gibt mir den Response“ ist seine Ansage an das Publikum. Den Response bekommt er, seine Texte scheint man zu kennen.

Die Pause zwischen Juse Ju und der Antilopen Gang wird wieder genutzt um weiter munter Selfies zu schießen und zu tanzen und/oder zu quatschen. Koljah, Panik Panzer und Danger Dan heißen die drei jungen Herren der Antilopen Gang aus der Ecke Düsseldorf-Aachen, die mit ihrem Album „Aversion“ auf Tour sind. Labelheimat ist JPK, das Label der Toten Hosen.

ANTILOPEN GANG, 19.11.2015, Club Cann, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Die Begrüßung von Koljah mit Hello Benztown wird mal milde durchgewunken. Kurzer Stylecheck, dicke Klunkern und Halskette blitzen einem nicht entgegen, möglicherweise ein ausgeleiertes Klischee, hier trifft es nicht zu. Style und Ausdruck des Hip Hops ist so facettenreich wie die Musik selbst. Gangsta ist hier weit fehl am Platz. Die Antilopen Jungs sind eher die Typen mit Unterhaltungs-und Spaßgarant auf jeder Party, die eventuell gerne mal zerlegt werden kann. Bonus-Punkt für die Jungs, kürzlich haben sie das Mixtape “Abwasser“ veröffentlicht. Wie sie selbst heute auf der Bühne sagen, war es ihnen ein leichtes, es einfach mal zum freien download anzubieten.
Tanzen, Bouncen, Schweiß und Energie gibt es satt an diesem Abend von Sekunde Eins des Konzertes an. Danger Dan kommt zum Crowdsurfing zum Song „Anti Alles Aktion“. Zudem hat er mein „Lieblingskleidungsstück“ des Abends an, eine Jeansweste mit Aufnähern und Fellapplikationen. Früher gerne von Jungs mit Bonanza Rad, an dem ein Fuchsschwanz hing, getragen.

ANTILOPEN GANG, 19.11.2015, Club Cann, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Wichtiges Element im Hip Hop neben dem rhythmischen Sprechgesang ist natürlich das Schlagzeug. Seitlich auf der Bühne ist es aufgebaut. Es gleicht einem hochgewachsenen Schlagzeugturm, mit zusätzlich eingebauten Fässern und Eimern. Und wird vom Drummer ordentlich bearbeitet.

ANTILOPEN GANG, 19.11.2015, Club Cann, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Nicht nur die klassischen Hip Hop Armbewegungen werden gemacht, von der Bühne heizen die drei Antilopen, in Stroboskopenlicht getaucht, zu ordentlich Pogo an. Das machen ihre Songs aus, ein Crossover zwischen Off-Beat Hip Hop und schnellerem Punk-Beat. „Wer bist du? Was willst du sein?“ sprechsingen die Antilopen Gang in „Ikearegal“, allerdings ohne zu sehr mit jugendlichem Schmerz am eigenen Bauchnabel zu sein. Eher wird sich an unterschiedlichsten Instanzen und Autoritäten abgearbeitet, die in Frage gestellt werden. Dafür gibt es den Aufruf zum kollektiven Mittelfinger zeigen bei „Beate Zschäpe hört U2“. Sämtliche Mittelfinger schnellen nach oben. Die Melange aus jugendlichem Schweiß und Energie legt sich immer noch über den Saal, aber so langsam neigt sich das Konzert dem Ende. Mit „110“ wird noch mal nachgelegt, die Pogo Arme und Beine dazu geschwungen. Das Saallicht geht an, Rio Reisers Stimme zu „Wir müssen hier raus“ begleitet uns nach draußen.

Foto: Michael Haußmann

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