SLAYER, ANTHRAX, 14.11.2015, MHPArena, Ludwigsburg

Slayer

Foto: Sue Real

Tom Araya hat sich sehr genau überlegt, was er sagen möchte, als er nach dem fünften Stück des Ludwigsburger Slayer-Sets um Ruhe bittet. „Silence“, sagt er mehrmals. Es will nicht wirklich klappen. Metaller lassen sich nicht so einfach den Mund verbieten. Zumindest weitgehend still wird es. „Silence“, probiert er es noch einmal. Und dann sagt er trotz des anhaltenden Gebrodels, was er zu sagen hat:

„Can you hear that? Silence? That’s what they were trying to do yesterday, to silence us.“

Er spricht nur kurz und bringt es dabei auf den Punkt: dass wir uns nicht zum Schweigen bringen lassen dürfen, dass wir weiter machen müssen. Man muss manchmal inne halten, wie Christian und ich das am Samstagmorgen und -nachmittag tun mussten. Es ist wohl auch legitim, die Auftritte, die Sonntagabend in Paris stattfinden sollten, diejenigen der Foo Fighters und von Motörhead, abzusagen, weil es um Paris selbst geht. Aber hier. In der Arena. Heute Abend. Da ist Freiheit auch eine Pflicht, denn eine Freiheit, für die man nicht einsteht, wird nicht mehr lange eine Freiheit sein.

Was also tun? Wie also reagieren auf diese Herausforderung? Es ist ganz einfach. Die Antwort hat 120 Dezibel und 5.000 Kehlen.

Anthrax

Foto: Sue Real

Sie sind alle gekommen. Sie haben sich nicht durch irgendwelche diffusen Ängste abhalten lassen. Die etwas aufgestockten Sicherheitsvorkehrungen sorgen zwar dafür, dass sehr viele die Vorband Kvelertak verpassen – auch wir –, aber dann sind wir bereit, das zu sein, was wir sind: laut und lustig und jederzeit bereit für „eine perverse Feier“.

Schon bevor Anthrax die Bühne betreten, kommt es zu Ausbrüchen von Jubel, als Scott Ian hinter dem Backdrop zu sehen ist. Die Leute sind heiß. Und so geht es dann auch gleich zur Sache: Kaum fängt die Band an, tobt schon das Mosh-Pit. Gut, es ist ein kleineres als später bei Slayer. Dennoch. Anthrax werden gut aufgenommen. Das gilt sowohl bei neuen als auch bei alten Stücken, schließlich passt sich das neue Material gut in den variantenreichen Gesamtkatalog ein. Der ist zwar überwiegend sehr rhythmusorientierter Thrash, doch paart Joey Belladonna den typischen kratzigen Gesang mit gelegentlichen klareren, sehr hohen Tönen. Das erinnert dann noch ein bisschen mehr an die frühe Phase mit ihren NWBHM-Einflüssen – so bei dem Ronnie James Dio und Dimebag Darrell gewidmeten „In the End“.

Auch Anthrax sprechen natürlich die Geschehnisse in Frankreich an. Wie später bei Slayer wird das vom Publikum jubelnd unterstützt. Als Zeichen der Unterstützung wird „Antisocial“ zum Mitsingen angestimmt, und danach kündig Scott Ian „Evil Twin“ vom neuen Album an. Darin gehe es um die Überwindung jeder Art von Diktatur, weil:

„This is a free world. Never forget that!“

Auch das passt natürlich zur Grundstimmung des Tages und wird mit noch mehr empor gereckten Armen und zustimmendem Gebrüll quittiert. Sicherlich hätte das auch an jedem anderen Tag so gewirkt, denn Rebellion gegen Fremdbestimmung und ein Gemeinschaftsgefühl, wie es in dem Slogan #NousSommesUnis (‚Wir sind verbunden’) formuliert wird, sind ja Metal-typisch. Aber heute passt es eben besonders gut.

Slayer

Foto: Sue Real

Einigkeit und Rebellion drücken sich auch in den Projektionen auf den Pausenvorhang aus, welchen Slayer um die Bühne ziehen lässt. Während des gesamten Umbaus sehen wir darauf die Tricolore, die französische Nationalflagge. Danach folgen umgedrehte Kreuze, Pentagramme und das Slayer-Logo von hinten projiziert. Fast würde man sich wünschen, sie würden heute noch mehr Symbole invertieren, so wie Carcass letzte Woche, die alle Weltreligionen auf den Kopf stellten. Zum Glück aber für Anhänger von Religionen mit Bilderverbot konzentriert sich die metallische Revolte üblicherweise auf das Christentum.

Nicht zum Schweigen bringen lassen sollen wir uns. Und das lassen sich Slayer bestimmt nicht. Was folgt, ist ein Fest! Es ist definitiv die beste Show, die ich von der Band gesehen habe, und wenn man unserem Setzer Glauben schenkt, waren sie seit den 90ern nicht mehr so gut. Das hat so einen Druck und ist so kompromisslos, dass einem die Worte fehlen. Der Sound ist super, ganz klar und ungeheuerlich laut. Araya ist gut bei Stimme und rennt – wie der uns näher stehende Kerry King und Gary Holt auf der anderen Seite – unablässig hin und her. Hinten ist die Bühne von drei Seiten mit einem in Leuchtfarben nachgezogenen Repentless-Cover geschmückt, das im Dunkeln strahlt, aber zur Hälfte durch das Slayer-Logo ersetzt wird, oben drüber schweben vier umgedrehte Kreuze, welche beständig ihre Position wechseln. Unten brennt es lichterloh. Aber nicht in Form von Pyros, sondern musikalisch.

Und erst vor der Bühne: Die Leute kriegen sich ja gar nicht mehr ein. Diejenigen in den ersten Reihen müssen sich wohl wünschen, wenigstens so viel Platz zu haben, wie eine Sardine in der Dose. Dahinter tobt ein riesiges Pit, mal wild durcheinander, mal im Kreis. Gehobene Arme mit Faust oder Devil’s Horns in allen Ecken der Halle. Es wird mitgebrüllt, gebangt, gepogt. Keines der 20 Stücke kommt schlecht an. Und während das Set sich am Ende von „South of Heaven“ über „Raining Blood“ zu „Angel of Death“ steigert, wird einem zunehmend Angst und Bange, wie man von diesem musikalischen Trip wieder herunter kommen soll.

Slayer haben einen mitgenommen. Sie sind in die Herde gefahren wie der böse Geist in der Bibel, und dann – zack – verweht der druckvolle Sound von einer Sekunde zur anderen und wir werden wieder hinaus in die Kälte entlassen.

Gereinigt, aber befreit. Und in der Gewissheit, uns so etwas niemals nehmen zu lassen.

Slayer

Foto: Sue Real

Slayer

Anthrax

2 Gedanken zu „SLAYER, ANTHRAX, 14.11.2015, MHPArena, Ludwigsburg

  • 25. November 2015 um 08:13
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    sehr guter Artikel

  • 1. Dezember 2015 um 12:31
    Permalink

    Dem kann ich mich nur anschließen.

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