SHINING, DER WEG EINER FREIHEIT, IMPERIUM DEKADENZ, 13.11.2015, Keller Klub, Stuttgart

SHINING + DER WEG EINER FREIHEIT + IMPERIUM DEKADENZ, 13.11.2015, Keller-Klub, Stuttgart

Foto: Sue Real

Ach, Black Metal ist eine so herrlich ambivalente Angelegenheit. Nichts will da wirklich zusammenpassen, vieles einfach keinen Sinn ergeben und manches widerspricht allen Klischees. So auch am Freitag, den 13., beim Konzert von Shining, Der Weg einer Freiheit und Imperium Dekadenz im Keller Klub.

Zunächst sind da die Widersprüche zwischen dem, was hier als Black Metal unter einem Dach zusammen gefunden hat, denn alle drei Bands machen Black Metal und dennoch könnten sie unterschiedlicher kaum sein, wie wir gleich sehen werden. Und dann sind da die anderen Sachen: die Annahmen darüber, wie Black Metal-Fans sind, die Annahmen darüber, wie sich Männer und Frauen verhalten, die Annahme, dass Blümchen-SM nur im Hausfrauenkreis der „Shades of Grey“-Leserinnen stattfindet.

SHINING + DER WEG EINER FREIHEIT + IMPERIUM DEKADENZ, 13.11.2015, Keller-Klub, Stuttgart

Foto: Sue Real

Alles fängt mit Imperium Dekadenz an. Die aus den Tiefen des Schwarzwaldes in die Landeshauptstadt gewanderten Mannen bringen harschen Black Metal alter Schule. Keine Melodie. Kein Schnickschnack. Das bringt einen erst einmal in Stimmung. Die Gitarren sind hoch und scharf. Keine Riffs werden hier vorgetragen, sondern sich über ein, zwei, drei Takte stetig wiederholende Akkorde, aus denen sich der typische flächig-getragene Charakter ergibt. Sehr schnell gespielt. Dazu sehr schnelles Schlagzeug mit mehr der spitzen Snare als den voller klingenden Tomtoms. Die Stimme peitscht uns dazu den kommenden Winter ein. Es ist genau das hohe Keifen, das sich wie ein weiteres Instrument so gut in diesen Gesamt-Sound einfügt.

Dazu erwartet man jetzt natürlich, dass es sich die Jungs im Publikum vorne richtig geben: fliegende Haare, gereckte Arme mit Nietenarmbändern, mitgekeifte Texte. Harte Musik für harte Jungs, richtig? Aber nein, stimmt gar nicht. Dieses extrem schnelle, gnadenlose Geknüppel ruft die entgegengesetzte Rezeptionshaltung hervor. Sie leitet so richtig den Druck von einem ab und lässt einen innerlich ruhig und offen zurück. Folglich steht unten ein überwiegend etwas älteres Publikum ruhige da, mal mit verschränkten Armen, mal mit den Händen in den Taschen und nickt versonnen den Takt mit. Immer auf die 1. Recht langsam – also im Vergleich mit der Musik.

Das ist auch ganz klar, denn die Musik entfaltet letztlich einen Ambient-artigen Charakter. Sie ist wie ein Motor, aus dessen einzelnen Zündungsknalls sich durch die hohe Wiederholungsgeschwindigkeit letztlich nur ein Brummen ergibt. Ja, die Musik wütet. Aber sie kanalisiert auch alle wütenden Gefühle und friert sie ein.

SHINING + DER WEG EINER FREIHEIT + IMPERIUM DEKADENZ, 13.11.2015, Keller-Klub, Stuttgart

Foto: Sue Real

Der Weg einer Freiheit hat aus Würzburg nach Stuttgart geführt. Deren Musik, obschon natürlich auch Black Metal, funktioniert ganz anders: Sie ist viel melodiöser in der Gitarre, die hier nun – nicht minder schnell, aber nicht mehr so harsch – beständig auf und ab schwebt. Das Schlagzeug dazu ist allerdings wesentlich knalliger. Viel unabdingbarer drischt es akustisch auf uns ein. Obwohl die Gitarren also weniger aggressiv und nicht minder atmosphärisch flächig klingen, ist das Ganze eigentlich härter. Aber Der Weg einer Freiheit ist auch abwechslungsreicher. Anders als bei ihren Vorgängern gibt es Breaks, gibt es ruhige Passagen. Hier schwebt auch mal nur ein Gitarrenton, oder eine Melodie wird gezupft. Selbst Geschwindigkeit und Lautstärke sind somit dynamisch.

Der Sänger Nikita Kamprad brüllt sich natürlich auch die Seele aus dem Leib. Etwas tiefer klingt das bei ihm. Ein harter Typ muss das sein, richtig? Aber zwischen den Songs zeigt sich, dass seine Stimme ganz weich und eher leise ist. Und vor der Show kam er sogar eher schüchtern rüber ¬– etwa als er fragte, ob man vielleicht die Lampen über dem Publikum löschen könne. Als keine Reaktion auf die Frage kommt, nuschelt er so ein bisschen: „Nicht? Hm, okay.“

Und auch das Publikum macht nicht ganz, was der Laie erwarten würde. Erstens hat es sich gegenüber der ersten Vorband komplett ausgetauscht. Jetzt sind die Leute jünger und die Haare kürzer. Jedenfalls bei den Jungs. Ganz vorne in der ersten Reihe stehen nämlich nur noch Mädchen. Und dann geht es los: Die Jungs stehen versonnen da, genießen mit geschlossenen Augen die Musik, die für andere vielleicht klingt wie das Geknattere einer Stalinorgel. Manche nicken sogar wieder ganz hart ein bisschen mit den Kopf. Also manche Jungs. Die Mädchen vorne bangen, was das Zeug hält. Unlogisch? Quatsch.

SHINING + DER WEG EINER FREIHEIT + IMPERIUM DEKADENZ, 13.11.2015, Keller-Klub, Stuttgart

Foto: Sue Real

Der Weg einer Freiheit ist definitiv die beste Band des Abends. Die muss man im Auge behalten. Im Auge behalten muss man auch Shining. Und zwar, damit es nicht ins Auge geht (gemeint sind hier übrigens die Shining aus Schweden, nicht die aus Norwegen, die genau einen Tag später an derselben Location spielen).

Warum das ins Auge gehen kann? Na, weil Sänger Niklas Kvarforth einfach nicht alle Tassen im Schrank hat. Der hat einen Sprung in der Schüssel. Da ist eine Schraube locker. Bei dem piept’s. Der muss auf den Kopf gefallen sein, denn bei dem hakt’s. Der hat einen Hammer gefrühstückt. Und irgendwie nicht mehr alle Latten am Zaun. Der ist einfach plemplem! Jedenfalls hat er echt einen Dachschaden. Und als ob das noch nicht reichen würde, hat er noch ’ne wirklich kurze Lunte.

Das Dilemma fängt damit an, dass er – wie aus Insider-Kreisen kolportiert wurde – schon vor Einlass so zugekokst war, dass ihm schier der Schädel platzte. Aber bevor ich darauf näher eingehen kann, muss ich schnell noch etwas zur Musik sagen. Denn die wird da leicht zur Nebensache. Musikalisch gesehen haben wir jetzt noch mal eine andere Black Metal-Variante vor uns. Wieder melodiös, wieder Riff-orientiert, aber nicht mehr atmosphärisch, nicht mehr Ambient-mäßig. Vor allem strotzt die Musik von Shining vor Blues-Einflüssen. Und zwar so sehr, dass die letzten zweieinhalb Stücke, davon eines Jimmy Page von Led Zeppelin gewidmet, eigentlich purer Blues waren – bis auf den ‚Gesang’, also das kehlig-röchelnde Gegurgel von Niklas, welches den Blues mit demselben Effekt bearbeitet, den eine Raspel auf eine reife Avocado hätte. Das war musikalisch ganz unterhaltsam, aber damit nicht ansatzweise so ergreifend wie Der Weg einer Freiheit.

Doch genug zur Musik. Womit man rechnen muss, wenn man bei Shining im weitesten Sinne in Bühnennähe steht:
Er nimmt Leuten die Brille weg und setzt sie auf.
Er greift sich ihr iPhone.
Er tut so als würde er damit telefonieren.
Dann spuckt er drauf und gibt es zurück.
Überhaupt spuckt er gerne: Gleich zu Anfang eine Ladung Whisky in das Gesicht eines Mädchens. Fein zerstäubt. War bestimmt erfrischend.
Eine Sekunde später kommt er auf die Idee, er könnte ihr auch welchen einflößen, wenn er ihn in den Mund nimmt und ihr einen Kuss aufdrückt. Will sie nicht. Daher spuckt er sie wieder mit Whisky an. Diesmal unzerstäubt. Mehr so als Strahl.
Er würgt Leute mit dem Mikroständer.
Oder presst sie damit an sich.
Er streckt bangenden Mädchen seinen Schoß ins Gesicht.
Er presst sie mit den Armen an sich.
Er zieht sie an den Haaren.
Er schlägt sie mit einer Reitgerte.
Er schüttet ihnen Whisky über den Kopf.
Und als die Flasche leer ist, nimmt er halt den Rotwein.
Ach, was wäre er gerne GG Allin.
So sprunghaft, so schlüssig in seinen Handlungen wie ein junges Reh: Da fängt er einen Streit mit einem Typen vorne rechts an. Nicht ganz klar, worum es geht. Auch der Bassist Christian Larsson mischt mit. Schläge werden angedroht und was weiß ich. Fünf Minuten gibt es Verbrüderung mit Umarmung und Knuddelknuddelmausibär. Fünf Minuten wieder Geschrei und Androhung von Kapitalverbrechen.
Drinks werden geklaut.
Und verschüttet.
Und so ein Typ kann sich gerade noch davor retten, dass ihm die Zigarette auf dem Arm ausgedrückt wird.
Dafür bietet das Mädchen daneben bereitwillig den ihren an. Wo hätte der Arme angesichts des Rauchverbots und ohne Aschenbecher schließlich auch mit der Kippe hin sollen?
Und dann ist da noch die Geschichte mit dem Pärchen vorne links. Also direkt neben Sue Real, um genau zu sein. Die zeigen Niklas ununterbrochen den Mittelfinger. Ununterbrochen. Mit jeder freien Hand. An Anfang findet er das noch lustig. Sieht dann so aus:

SHINING + DER WEG EINER FREIHEIT + IMPERIUM DEKADENZ, 13.11.2015, Keller-Klub, Stuttgart

Foto: Sue Real

Ziemlich schnell wird er aber ziemlich grantig:

SHINING + DER WEG EINER FREIHEIT + IMPERIUM DEKADENZ, 13.11.2015, Keller-Klub, Stuttgart

Foto: Sue Real

Und irgendwann platzt ihm dermaßen der Kragen, dass er aufhört, die beiden nur zu beschimpfen und mit unverständlichen Flüchen zu belegen, sondern gleich das versammelte Publikum auffordert, die beiden zu verdreschen: Merchandise im Wert von 100 € für jeden, der einen von beiden zusammenschlägt.

Aufruf zu einer Straftat. Ob das noch unter Kunstfreiheit läuft? Aber ums kurz zu machen: Sie juckt das nicht. Nur ihr Freund ist so schnell weg, so schnell kann ich gar nicht schauen. Ist ja dann auch gar nichts passiert. Den einzigen Kollateralschaden trägt Sue Real davon, als er vom Bassisten getroffen wird, weil der mal knapp an besagtem Pärchen vorbei spuckt.

Also, merke: Gehe nicht zu weit vor, wenn Du es nicht abgekommen willst. Und nicht so weit nach hinten, dass Du von all dem nichts mehr mitbekommst. Mann, was haben wir gelacht!

Und die wichtigste ‚Erkenntnis’ – also altbekannte Tatsache: Mädchen sind halt doch viel härter als die Jungs. Nachher am Merch stehen sie alle um Niklas rum, machen Fotos mit ihm, lassen sich Autogramme geben, lassen sich ohrfeigen. Was man halt so macht. Auf einem Black Metal-Konzert.

SHINING + DER WEG EINER FREIHEIT + IMPERIUM DEKADENZ, 13.11.2015, Keller-Klub, Stuttgart

Foto: Sue Real

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