DEATHCRUSHER TOUR, 04.11.2015, LKA, Stuttgart

Carcass

Foto: Steffen Schmid

2015 nennt sich das Spektakel „Deathcrusher“, vor 20 bis 25 Jahren haben ähnliche Veranstaltungen an gleicher Stelle auf die ebenfalls klangvollen Namen „Gods of Grind“, oder „Hatefest“ gehört. Auch das heutige Lineup, hätte vor zweieinhalb Dekaden aus den (Haupt)-Bands Carcass (UK), Napalm Death (UK), Obituary (USA), und Voivod (Kanada) bestehen können. Ich bin schon etwas überrascht, dass bei einem Eintrittspreis von unter 30 €, bei diesem Programm, der Laden nicht restlos ausverkauft ist. Nur deshalb heute nagelneue Schuhe angezogen. Nicht zum Glänzen, im Gegenteil – nix besseres hilft gegen den grausigen Look neuer Schuhe, als ein Konzert, bei dem einem oft und herzhaft auf die Schuhe getreten wird, und nicht nur das eigene Bier auf die Schuhe schwappt. Hat trotzdem einigermaßen hingehauen.

Anders als der Kollege Setzer verpassen wir leider Voivod. Es folgt sein Bericht über die alten Helden aus Kanada:

Glückliche alte Männer überall. Wie alt ich selbst bin, merke ich erst als ich mir zusätzlich fremde Finger borgen muss, um nachzuzählen, wann ich Voivod zum ersten Mal gesehen habe. Es war 1987, sie waren Vorgruppe von Kreator und ich erst 14 Jahre alt. Das Konzert haben mein Freund Jan und ich damals mit Stagediving verbracht – denn das war der neue heiße Scheiß. So wie Tinder heute bei den anderen Leuten.

Heute mache ich das nicht mehr, zumal meine ebenfalls mittlerweile betagten Freunde mich wahrscheinlich aus purer Gehässigkeit, Jux und Dollerei einfach fallen lassen würden. Die Kanadier sind auch gut drauf. „Tribal Convictions“, „The Unknown Knows“ und dieser Mittwoch wird im Handumdrehen zum Lieblingstag.

Sänger Denis „Snake“ Belanger stackst lässig über die Bühne, verbreitet ehrenwerte gute Laune, verdreht die Augen und haut Zeilen raus, die sich zumindest in meinem Spatzenhirn längst eingebrannt haben: „Your Mind’s Running Slow“ – ach toll, „Order Of The Blackguards“. „Psychic Vacuum“ ist ebenfalls von wunderbarer Sperrigkeit. Dominique „Rocky“ Laroche am Bass ist auch ein Guter. Und natürlich ist da Daniel „Chewy“ Mongrain, der den 2005 an Krebs verstorbenen Denis „Piggy“ D’Amour ersetzte. Michel „Away“ Langevin treibt die Band vor sich her. Schlichtweg phantastisch.

Das alles ist so gut, sollte ich jetzt sterben, würde ich mir ein offenen Sarg wünschen. Wer zur Beerdigung kommt, müsste dann mein dämliches Grinsen ertragen. Das fantastische „The Prow“ spielen sie auch, nicht ohne sich selbst dabei ein bisschen zu verarschen. Denn da sind sich die geneigten Voivod-Freunde noch heute uneins, ob das nun gute Popmusik oder doch nur Pop ist. Repräsentative Umfrage im Freundeskreis: Geiler Scheiß ist das.

„Forever Mountain“ von der Split-Single mit Napalm Death auch. Und dann noch „Voivod“. Und alle „Voooiiivvoooodd! I’m a Paranoooid“. Bands, die Lieder nach sich selbst benennen sind oftmals ziemlich in Ordnung. Motörhead zum Beispiel.

Nach dem Konzert schenkt uns Voivod Schlagzeuger Away ein Gitarrenpick: „Piggy – Denis D’Amour (1959-2005) R.I.P.“ steht da drauf.

Napalm Death

Foto: Steffen Schmid

Weiter geht es mit Napalm Death – und nicht mit Setzer als Autor. Das sind Gig-Blog Lieblinge, die hatten wir schon öfter im Programm. Die Band, die den heutigen Headliner gebar, scheint unverwüstlich zu sein. Regelmäßig neue Studio-Alben, regelmäßig auf Tour. Vor 25 Jahren nach eigenen Angaben zuletzt an gleicher Stelle gespielt. Bühnendeko ist ein uraltes Napalm-Logo, und ein Schriftzug, der vor ebenfalls ca. 25 Jahren an einem Bunker im Heimatdorf gesprüht war. Oder besser: Es wurde versucht wurde einigermaßen so auszusehen wie das Logo.

Napalm haben einen Punk/HC – Hintergrund so vom Beat und vom ganzen Geist her. Auch die Show, die der sympathische Frontman Barney hinlegt, kennt man eher aus dem Hardcore-Bereich als aus dem Metal. Nach unzähligen Touren durch Deutschland überrascht es nicht, dass er ein paar Brocken deutsch spricht. Die Stücke werden mit Ansagen im breitesten Dialekt vorgestellt, und haben regelmäßig politischen Anspruch. Ich bin nicht total firm mit den neueren Alben, daher sagen mir die ersten Stücke vom Aktuellen wenig, aber das spielt keine Rolle, geht nach wie vor ab nach vorne. Blastbeats und „Punkbeats“ wechseln sich ab, beim Hit „Scum“ vom gleichnamigen Album hat sich dann der die oder das „Pit“ gebildet. Das passiert meistens bei den Oberhits, und oft habe ich Bock mit einzusteigen. Heute schlecht wegen Verletzung, das nächste Mal dann wahrscheinlich gerade erst ein Bier geholt, irgendwas ist meistens.

Napalm Death

Foto: Steffen Schmid

Was mir an der Performance auffällt – Barney scheint nicht mehr ganz so tief zu kommen wie früher. Vom Sopran ist er noch ein Stück entfernt, aber ich behalte das im Auge, mal sehen wie er in zehn Jahren klingt. Ganz Ungeduldige fordern schon früh die großen Hits. Ich verstehe es nicht genau, aber wahrscheinlich wird hier nach „Suffer (The Children“), Antwort: „Jaja mein Freund, immer spielen, immer spielen, give us a fucking chance“. Hat aber auch wirklich alles das Stück, ALLES. Death-Metal Growls, Grind-Gitarren, zum Schluss hin ein bisschen Sabbath, und trotzdem ein Punk-Stück. Hat mir bei der Veröffentlichung mit 13 Jahren gefallen, und daran wird sich auch nichts mehr ändern. Nur echten Auskennern fällt auf, dass noch ein zweites Stück mit ähnlichem Namen gespielt wird „You Suffer“, Kürze: Eine Sekunde.

Napalm Death

Foto: Steffen Schmid

Nach weiterem politischen Statement kommt dann noch ein Cover von Dead Kennedys „Nazi Punks Fuck Off“ von einem Sampler, den ich auch schon seit der Veröffentlichung 1992 im Schrank stehen habe. Hat Spaß gemacht, auch wenn ich sagen muss, dass die Album-Versionen der Hits von Napalm deutlich besser sind, hat mich also nicht voll überzeugt die Darbietung vom Sound her. Sonst alles top.

Obituary

Foto: Steffen Schmid

Obituary sind eine klassischere Death-Metal-Band als Napalm Death, zeitweise behaupte ich jetzt mal bestimmt unter den Top 3 was Popularität und Verkäufe angeht.

Los geht’s mit einem ziemlich groovy Intro, gefällt, gefällt sehr. Aus früheren Zeiten erkenne ich noch den Sänger und einen Gitarristen, der Rest könnte ausgetauscht sein, ein kurzer Blick zu Wiki verrät – kein einziger Lineup-Wechsel. Das gibt’s ja nicht. Seit 1984 – mit Unterbrechungen – aktiv. Die Matten sind auch noch in schier unglaublicher Form. Richtig Geld machen sie wahrscheinlich mit Shampoo-Werbung und Halsbonbons.

Obituary

Foto: Steffen Schmid

Obituary klingen von der ersten Minute besser als Napalm. Die Doublebass auf Dauerfeuer – klassisches Deathmetal-Element. Ansagen: weniger, und überhaupt Message, Fehlanzeige. Obwohl, Message könnte sein: „Hail Satan“, und: „Wir werden alle sterben und verotten.“ Von den heutigen elf Alben habe, bzw. hatte ich die ersten drei im Schrank, und trotzdem kenne ich so ziemlich jedes Lied. Da werden die ganz alten Hits heftig abgemolken, ich würde sogar sagen nur die ersten beiden Platten „Slowly we rot“ und „Cause of death“ werden hier großteils gespielt. Aber wie, wirklich top. Das grüne und rote Licht untermauert die düstere Stimmung, plus die fiesen Leads, das hat schon was. Zum Fürchten reicht es aber nicht, noch nicht mal als fast noch Kinder hatten wir Schiss. Von manchen Stücken kenne ich noch die Namen „Find the arise“, „Dying“, und natürlich das zentrale Stück, ihr „Bridge over troubled waters“ mit dem schönen Titel „Slowly we rot“, ein Traum, good times!

Carcass

Foto: Steffen Schmid

Caracass hatten wir auch schon im Blog, damals als Vorband, heute der verdiente Headliner. Ein „richtiges“ zweistündiges Clubkonzert wäre natürlich ganz oben auf der Wunschliste gestanden, aber das hier ist die zweitbeste Variante. Carcass in küzester Zeit in Ludwigsburg und Stuttgart – uns geht es gut.

Der Headliner-Status wird deutlich an vergrößerter Bühne, aufgebocktem Schlagzeug, und Ventilatoren, die den Engländern die Haare fliegen lassen. Nach 18-jähriger Pause haben Carcass auf (unserem) schwäbischen Nuclear Blast ein neues Album veröffentlicht, welches ich zur Show in Ludwisburg (2013) noch nicht so richtig aufgenommen hatte. Heute kann ich sagen, wirklich top Platte, passt wirklich alles, gelungener kann man ein Comeback kaum hinlegen. Mutmaßlicher Top-Coup von Nuclear Blast, und hoffentlich auch Top-Seller. Mein Eindruck wird von Jeff Walker (Gesang, Bass) bestätigt, als er einen Hieb gegen das frühere Label „Earache“ setzt, dass man jetzt endlich mal bei einem anständigen Label gelandet sei, welches „natürlich“ deutsch ist. Sympatischer humorvoller Typ, der nur Abzug für das Carcass-Shirt bekommt, und womöglich auch für die Haare, die ziemlich gefärbt aussehen.

Carcass

Foto: Steffen Schmid

Einstieg ist „Unfit for human consumption“ vom neuen Album – klare Ansage, es müssen nicht die alten, zahlreichen Hits gemolken werden, das neue Material ist genauso stark. Stört mich trotzdem nicht, dass frühzeitig „Incarnated solvent abuse“ vom 1991er Album „Necrotism“ kommt. Damals hat sich schon angekündigt, dass Carcass zu höherem berufen sind. Gelegentlich geht der Gesang etwas unter, aber insgesamt glaube ich haben Carcass gut geklungen, auch wenn zu diesem Zeitpunkt vor lauter Freude das Bier besonders gut gelaufen ist. „Buried Dreams“ vom ganz großen „Heartwork“ kommt auch, wer das nicht kennt, kennt Metal nicht. Gitarrist Bill Steer, Hauptsongwriter, hat sicher in Fachkreisen den Status „Gitarrengott“, legt zusammen mit Gitarrist Ben Ash Doppelsoli hin – Carcass, die Thin Lizzy of Death Metal.“Captive Bolt Pistol“ war die erste Single bei „Nuclear Blast“, und daher selbstredend Hit. Der „old Shit“ wird von Bill Steer gegrowled, „Reek of putrification“ und „Exhume to consume“, echt extremes Material, welches mir im Gegensatz zu den Obituary-Platten tatsächlich mindestens Unbehagen verursacht hat. Passt auch heute nicht zu Bill Steer von der Optik her, weil er immer noch aussieht wie ein Flower-Power-Kind.

Es wird noch eine Schippe Hits nachgelegt, „Corporal Jigsore Quandry“ von 1991, und das Meisterstück „Heartwork“. Heartwork, Heartwork, Heartwork. Top 20 Metal-Album seit es Metal gibt. Abschluss „Mount of execution“, welches wie eine Ballade beginnt, sich aber zu einem Rocker mausert. Eine Ballade von Carcass –  bei dieser Vorstellung mache ich jetzt mal besser Schluss, bevor es wirklich gruselig wird.

Carcass

Foto: Steffen Schmid

Carcass

Obituary

Napalm Death

3 Gedanken zu „DEATHCRUSHER TOUR, 04.11.2015, LKA, Stuttgart

  • 10. November 2015 um 20:09
    Permalink

    „…ein kurzer Blick zu Wiki verrät – kein einziger Lineup-Wechsel.“

    Samma, was hast du denn für ein Wikipedia? Obituary hatten fast so viele Line-Up Wechsel wie Sylvie Van der Vaart.

  • 22. November 2015 um 17:54
    Permalink

    Hoppla, ich habe offenbar bei der schlechteren, der Original Wiki-Seite (US) geschaut. Da steht bei „Past Members“ wirklich nur einer drin. Das kommt davon, wenn eine Seite nicht von Deutschen gepflegt wird.

  • 22. November 2015 um 18:00
    Permalink

    …ich korrigiere, da steht keiner drin.

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