MICHAEL SCHENKER’S TEMPLE OF ROCK, 24.10.2015, Wizemann, Stuttgart

Michael Schenker

Foto: Steve Sonntag

Auf dem Weg zu Michael Schenker’s Temple of Rock erst mal am Hauptbahnhof von Zombies aufgehalten worden. Die trugen Dirndl und Lederhosn. Sehr vielsagend. Ich war dann ’ne Weile mit Zugucken beschäftigt. Deshalb war ich auch erst um 20:30 im Wizemann und habe die Vorband verpasst.

Definitiv keine Zombies hier. Eine Menge Leute mit hoher Stirn und weißen Haarkränzen zwar, aber: Definitiv keine Zombies hier. Auf lange weiße Haare schaffen es nur wenige. (Ist ja so ein Ziel von mir.) Warum ich hier bin, weiß ich noch nicht so genau. Eigentlich kenne ich die Band nicht und weiß über Michael Schenker nur, wessen Bruder er ist, und von Temple of Rock nichts. Der eigentliche Hintergrund meines Besuches ist ein Interesse an U.F.O., deren Auftritt auf den 14. Dezember verlegt wurde, deren Auftritts­ankündi­gung aber immer wieder mit der Frage kommentiert wurde: mit oder ohne Michael Schenker?

Ach ja, Michael Schenker, das ist doch der Bruder von … Jedenfalls zwingt einen die Frage, sich mal zu überlegen, was der eigentlich macht. Na denn.

Dass er mir mehr als wohlwollendes Kopfnicken wird abringen können, glaube ich nicht. Bei einigen aus dem Publikum wird das anders sein. Die nicken und hippeln ja schon bei der Pausenmusik mit wie andere bei einer Show. Haarlänge und -farbe hin oder her: Definitiv keine Zombies hier.

Michael Schenker

Foto: Steve Sonntag

Als die Band dann auf die Bühne kommt, wird schnell klar, dass sie – was auch immer die von mir verpasste Vorgruppe geleistet haben mag – auch gar keine Anheizer gebraucht hätten, weil die Leute sofort abgehen. Verschenkt wird aber auch nichts. Die fangen sofort mit dem U.F.O.-Hit „Doctor, Doctor“ an. Der Saal tobt, auch wenn die Haare praktisch nur bei den drei Leuten fliegen, die jünger sind als ich – passiert mir auch selten. Hat Michael Schenkers Band vielleicht auch Nachwuchsprobleme, so doch gewiss keine mit der Treue des Publikums, das sie sofort kickgestartet hat.

Beim zweiten Stück, „Live And Let Live“, einer Uptempo-Nummer vom neuen Album „Spirit on A Mission“, zeigt sich auch die Anschlussfähigkeit des neuen Materials. Hände hoch und mitgesungen, scheint die allgemeine Meinung. Ich merke schon, ich habe dem Publikum nicht umsonst Vorschusslorbeeren gegeben.

Aber was tut sich nun eigentlich bei Michael Schenker und seinen Mannen? Der frickelt natürlich –  genau wie erwartet – seine schnellen und schlüssigen Soli auf der Flying V. Das Ganze eingebettet in eingängige Mitsing-Nummern, mal schneller wie „Lights Out“ oder langsamer wie „Where The Wild Winds Blow“. Das erhebt nicht den Anspruch auf musikalische Originalität oder auf individuellen künstlerischen Ausdruck. So sagt Doogie White, der Sänger mit der glatten, warmen Stimme, ja auch: Klassische Songs, klassischen Rock halt darf man erwarten. Nicht den Anspruch darauf, hohe Kunst zu sein. Aber es erhebt definitiv den Anspruch, unterhaltsam zu sein.

Und den erfüllt es für das Publikum auch. Ob das der vollherzige Applaus ist, das häufige Mitklatschen oder das Gejohle, ob es die gelegentliche Pommesgabel ist oder das wild Arm in Arm tanzende Pärchen hinten in der Halle, oder ob es die wieder und wieder aus vielen gut geölten Kehlen mitgesungenen Lyrics sind, das Wizemann lässt daran keinen Zweifel.

Michael Schenker

Foto: Steve Sonntag

Und der Maestro selbst? Der schafft es natürlich auch schon, mitten in den Stücken Applaus für Soloparts oder Leads zu bekommen. Seine Fans hat er halt im Griff, wenn er da in leicht über seine Gitarre gebeugter Haltung auf der Bühne steht mit umgedrehter Schirmmütze, auf der vorne eine Sonnenbrille sitzt. Breit grinst er, wie fast alle hier im Raum, nur etwas jungenhafter.

Ein paar klassische Rock-Attribute sind natürlich auch dabei. So eine Gitarre mit zwei Hälsen wie bei „Saviour Machine“ sieht halt cool aus. Die breiten, Pin-bestickten Revers des Sängers dagegen sind eher etwas ausgelutscht. Na ja.

So, was ist jetzt der Erkenntnisgewinn des Ganzen? Meins ist das nicht, aber Spaß hatte ich trotzdem. Das liegt sicherlich an der allgemeinen Stimmung, welche die Band dem Publikum entlockt. Aber auch an den Uptempo-Nummern – die Downtempo-Stücke wie die aktuelle Single „Communion“ taugen mir nicht so und ziehen sich manchmal dann doch –, die so ein bisschen was Zeitloses haben und an das erinnern, was an irgendwelchen der hunderten Abenden in der RoFA im Hintergrund vor sich hin wummerte. Sorry, ich kann auch nichts dafür, mit so was wie „Rock You Like A Hurricane“ aufgewachsen zu sein.

Der Song ist mir eigentlich ziemlich schnuppe. Den Leuten hier im Saal aber nicht. Hat doch was, wenn die Generation 50+ mal wieder dermaßen abgehen kann, wenn Papa mal wieder minutenlang auf einem Bein hüpft und mit dem anderen den Takt kickt. Mich selbst macht das jetzt freilich nicht übermäßig sentimental, was mich hoffentlich nicht meinerseits zum Zombie macht. Na, vielleicht doch. Von mir aber mal abgesehen: Definitiv keine Zombies hier, sondern Leute, mit denen ich an dem Abend echt gut unterhalten war.

Tja, und dieser Michael Schenker? Wer war noch mal sein Bruder?

Michael Schenker

Foto: Steve Sonntag

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