TINA DICO, 21.10.2015, Scala, Ludwigsburg

TinaDico

Foto: X-tof Hoyer

Ja Mensch, die Tina ist mal wieder im Lande. Diesmal leider ohne Helgi Jonsson, aber auch wieder akustisch und ohne Band. Ein arger Grund zur Freude ist das. Weil sie eine begnadete Musikerin ist und weil sie einfach wunderschön ist. Und damit ist mehr gemeint als nur ihr Äußeres. Die Frau strahlt einfach in jeder Sekunde. Zumindest in denen, in denen ich sie auf der Bühne sehe. Ansonsten sollen ja sogar Popstars Momente haben, in denen sie auch mal ganz normal uncool und nicht so richtig dolle wirken. Ohne rays of light und so. Ob die Tina da eine Ausnahme ist? Werde ich wohl nie rauskriegen.

Jedenfalls freu ich mich schon seit Wochen riesig auf das Konzert. Weil ihre Musik einfach verzaubert und weil das letzte Konzert im Sudhaus in Tübingen richtig richtig klasse war. Gern erinnere ich mich an den Moment zurück, als wir alle (ja sogar Björn, Diamond Dave und ich) ganz verklärt „right here, right here“ vor uns hingesäuselt haben. Die beiden sind heute leider nicht dabei, dafür aber die Mona. Auch schön. Weil die ein Tina Dico-Frischling ist und ich gespannt bin, wie sie das heute finden wird. „Sometimes one girl and one guitar is enough“, wird Tina Dico später sagen. Und sie wird recht behalten. Und wie sie recht behalten wird. Sagt auch die Mona.

Das Scala in Ludwigsburg ist schon eine tolle Location und heute bis auf den letzten Platz belegt. Ein Novum für mich als allerhöchstens Berufsjugendlicher ist, dass wir den Altersdurchschnitt senken, anstatt ihn zu erhöhen. Gesetztes Publikum würde ich sagen. Eher so die Jazzhörer behaupte ich jetzt einfach mal. Das soll jetzt aber auch nicht abwertend klingen, obwohl ich Jazz echt gar nicht mag. Aber respektieren tu ich ihn. Und die Tina sowieso. Ein Dorn im Auge ist mir dann aber der 5-jährige in der ersten Reihe. Weil der so viel Aufmerksamkeit bekommt. Erst von Mads Langer, der das Vorprogramm bestreitet (egal, damit kann ich leben), später aber auch von von Tina (Benimmfrage: ab wieviel Jahren darf man jemand zum Faustkampf auffordern?).

Mads Langer

Foto: X-tof Hoyer

Als erstes betritt aber mal der besagte dänische Landsmann Mads Langer die Bühne. Ebenfalls ein ziemlich begabter Singer/Songwriter mit ordentlich Wums in der Stimme. Seine mit viel Gefühl vorgetragenen, sentimentalen Songs kommen an und am für ein Vorprogramm recht stattlichen Applaus glaube ich erkennen zu können, dass einige der Anwesenden ihn bei seinem Solokonzert im Februar 2016 im Scala wiedersehen werden. Charmanter Typ. Lacht viel, vor allem wenn er über seine nicht ganz glücklich ausgegangenen Frauengeschichten sinniert. Zum Beispiel als er erzählt, wie er Tina Dico in einer Bar in Kopenhagen kennengelernt hat. „Starstruck“ war er, weil die ja schon richtig groß ist in ihrer Heimat. Unterhalten hätten sie sich und ein Bier nach dem anderen gezischt. Irgendwann habe sie seine Hand genommen, ihn aus der Bar gezogen und draußen ein Taxi gerufen. „So ein Arsch“, denke ich so bei mir, lache aber fröhlich mit den anderen, um mir meine Missgunst nicht anmerken zu lassen (meine Frau möge mir das verzeihen, aber ihr würde es sicher auch nicht anders gehen, wenn da jetzt der Mike Patton stehen würde). Dann aber sei sie ins Taxi gestiegen, habe ihm nochmal zugewunken und sei abgedüst, Haha, jetzt lache ich wirklich und zwar aus ganzem Herzen. Aber mit ihr auf der Bühne zu stehen, sei sicher genauso schön wie… hier bricht er ab der Mads. Das mag schon sein. Oder auch nicht. Kann ich ja nicht beurteilen. Er aber auch nicht. Haha. Einen Hit hat er dann auch noch im Gepäck: „You’re not alone“. Holla denke ich, den kenne ich doch aus dem Radio. Dass es eine Coverversion ist, vergisst er zu erwähnen. Immerhin: 3 Millionen Klicks auf Youtube. Lustig wird es, als er versucht nachzustellen, wie er mal versehentlich für ein Metalfestival gebucht wurde. Hat fast schon svavareske Züge. Mit richtig viel Applaus wird er dann nach einer halben Stunde verabschiedet.

TinaDico

Foto: X-tof Hoyer

Um 21 Uhr ist es dann soweit. Die Bühne beginnt zu strahlen, als Tina Dico (eigentlich heißt sie ja… ach egal) sie betritt. Wunderschön ist sie, ihr langes blondes Haar zu einem Zopf gebändigt und im silbernen Glittershirt. Und gleich mit den ersten Tönen von „Someone you love“ zieht sie mich und wohl auch alle anderen in ihren Bann. Diese Stimme! Und dieses Talent zwischen laut und leise, zwischen Kraft und Gefühl, zwischen Optimismus und Pessimismus zu balancieren… unglaublich. Zu jedem Song erzählt sie uns auch eine kleine Geschichte aus ihrem Privatleben. Zu „One“ beispielsweise von ihrer Vorliebe für komplizierte Männer. Zu „Ask again“ von einem misslungenen Heiratsantrag. Ja Mensch, sowas macht man aber auch nicht im Vollsuff. „Sacre Coeur“, einer ihrer Hits, haut mir dann richtig ein Brett vor den Kopf. Wunderschön, wieviel Herz da drin steckt. Gänsehaut bekomme ich immer dann, wenn die Gitarre aussetzt und sie nur noch singt, ja fast schon spricht. Ganz groß.

Lustig wird es, als sie ihr neues Songbook anpreist, so zum mit der Gitarre nachspielen. Weil hier im Saal kein einziger Gitarre spielt. Zumindest meldet sich keiner als sie fragt. Ist ja aber auch eher so ein Jugendding. Und Jugendliche sind hier heute Abend schwer auszumachen. Und würde ich Gitarre spielen… nie im Leben hätte ich mich als Einziger gemeldet. Am Ende hätte sie mich noch angesprochen. Die Schamesröte hätte im Halbdunkel ja keiner gesehen, aber mein Gestammel wäre fürchterlich gewesen. Angeblich habe sie vorher nie auch nur einen einzigen Akkord niedergeschrieben. Ob man das glauben kann? Keine Ahnung, ich bin kein Musiker. Nicht ganz vergessen darf man aber, dass Tina Dico ein Vollprofi und eine richtig gute Entertainerin ist. Ob da immer alles bis aufs Wort stimmt? Musikwünsche fordert sie beispielsweise gern vom Publikum, gespielt wird aber streng nach Setlist (hat mir hinterher ein Vögelchen gezwitschert, das eben diese Setlist gesehen hat). Aber eh egal. Weil ich sowieso zu schüchtern bin, um meinen Lieblingssong „Moon to let“ reinzurufen. Auf den werde ich heute abend übrigens vergebens warten.

TinaDico

Foto: X-tof Hoyer

Zu „Walls“ kommt dann jemand weit weniger schüchternes auf die Bühne. Ein (tatsächlich junger) weiblicher Fan namens Eva. Die hat Tina Dico eine Email geschrieben und die erfüllt ihr prompt ihren größten Traum und singt den Song im Duett mit ihr. Ziemlich toll macht die Eva das. Aber gut, wäre ja auch nicht zu erwarten gewesen, dass jemand das macht, der nicht singen kann oder den Text nicht drauf hat. Trotzdem, Chapeau!

Es folgen weitere wunderschöne Songs mit ganz viel Gefühl und Herz. Das Publikum wird dabei oft eingebunden, egal ob es zu Songs wie „Poetess‘ Play“ oder „Count to ten“ mitsingt oder mitklatscht. Ist ja eigentlich sonst nicht so mein Ding, aber die Tina darf das. Richtig gut gefällt mir auch das flottere „Spark“, zu dem Tina Dico neben der Gitarre auch noch die Footdrums spielt. Das hat richtig Bums. Schlucken muss ich bei „True North“, ihrem Song über ihre Wahlheimat Island. Weil ich diese kleine, wunderschöne Insel mindestens genauso liebe, und es kaum erwarten kann da wieder hinzukommen (noch ganze acht Mal schlafen). Kalt sei es da, aber eben auch unglaublich mystisch und wunderschön. Wie Recht sie mal wieder hat.

Nach etwa eineinhalb Stunden verlässt Tina Dico unter tosendem Applaus und Standing Ovations die Bühne. Und stellt sich mit ihrer Gitarre einfach mitten in den Saal. So ganz ohne Verstärker, und nur auf ihre Stimme beschränkt, wirkt sie dadurch bei „No time to sleep“ plötzlich eher wie eine Straßenmusikerin (im allerpositivsten Sinn selbstverständlich) und nicht mehr wie der Star auf der Bühne. Wunderschön. Wie überhaupt alles heute Abend. Es folgt mit „I’ll go anywhere“ noch ein Duett mit ihrem Landsmann Mads Langer. Soll eigentlich ein Liebeslied sein, aber immer wenn die beiden sich dabei anschauen, muss zumindest einer lachen. Wir lachen mit. „Copenhagen“ ist dann der Song, mit dem uns Tina Dico in die Nacht entlässt. Lange hallt es mir noch in den Ohren nach wie wir alle singen: „Right here, right here“. Zauberhaft!

TinaDico

Foto: X-tof Hoyer

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