TAKE THAT, 12.10.2015, Schleyerhalle, Stuttgart

Take That

Wir haben heute leider kein Foto für euch. Aber immerhin haben wir eine Karte für dieses Konzert bekommen.

Kaum etwas hinterlässt einen ähnlich starken emotionalen Eindruck wie die Songs der allerersten Lieblingsband: vielleicht noch das erste eigene Moped, die Geburt des Kindes, das Probieren der zukünftigen liebsten Schokolade. Für einige weibliche Altersgenossinnen waren wohl Take That in den 90ern solch eine prägende musikalische und soziale Erfahrung. Auch dank Dauerrotation auf Viva und MTV und allzu aufnahmebereiter hormonverwirrter Rezeptoren brannten sich ihre Lieder und Videos unauslöschlich in unser Gedächtnis (Netzhemden im Skandälchenvideo zu „Sure“, unvergessen feuchte Oberkörper im Clip zum Jahrhundertsong „Back for Good“).

Wir: Das sind an diesem Abend überraschenderweise nicht ausschließlich Mittdreißigerinnen mit „ihren Mädels“, sondern auch ihr Anhang bzw. ihre Väter, Mütter oder Sekretärinnen. Sprich: Ein wilder Haufen (ca. 7000) solider Fans hat sich in der Schleyerhalle versammelt, um wenigstens die drei „hinterbliebenen“ Take That Mitglieder zu bestaunen (Robbie Williams: kurze Rückkehr 2010-2011, Jason Orange ausgestiegen 2014 mit neuem Berufsziel, wenn man der einschlägigen britischen Presse glauben kann: Psychiater).

Egal ob 1995 oder 2015: Das Erfolgsrezept eines umjubelten “Boy“group-Konzerts bleibt dasselbe. Man nehme:

Musik

Ach ja, die steht ja bei einem Livekonzert eigentlich im Vordergrund… Na gut: Gary Barlow, Mark Owen und Howard Donald spielen eine Mischung aus alten und neuen Songs und sind alle hörbar gut bei Stimme. Owen ist ab und zu an der Gitarre zugange, Howie (oder ist er für diesen Spitznamen jetzt zu alt?!) klopft auf electric drums ein und Barlow, natürlich: Flügel! Highlights: Viele der alten Hits wie „Could it be magic“, „Relight my fire“, „Back for good“ und „Never forget“. Aber auch ein paar neuere Songs von den vergangenen vier (!) Platten sind ganz ok: Radiobekannt ist mir „Patience“, gut gefällt mir das beschwingte „Up all night“, eingängig ist „Hold up the flood“. Kleiner Tiefpunkt stellt für mich der unsäglich stampfige Song „Affirmation“ dar, der auf drei riesigen Podesten in einer Art Priesterkostümen dargeboten wird. Dies führt und direkt zur nächsten Zutat:

Aussehen 

Mark: der Kleine mit dem unschuldigen Blick (soo süß!). Gary: der Moppelige und erklärter Feind aller Robbie-Anhängerinnen. Howie: der durchtrainierte Tänzer mit den Dreadlocks. So ungefähr ging die optische Klassifizierung der Jungs vor 20 Jahren. Und heute: Die drei sind weitgehend gut und vorteilhaft gealtert. Wir sehen ca. sechs bis sieben verschiedene Outfits in allen Farben des Regenbogens – erwähnenswert hier: Mark Owen trägt zeitweise einen lamettaartigen Umhang, eine Art goldenes Yeti-Kostüm. Teile davon meine ich später auf einer Cannstatter Brücke flanieren zu sehen. Obwohl ein paar Jahre jenseits der 40, springen die drei noch ganz agil auf der ins Publikum ragenden Bühne herum.

Tanz 

Ja, sie können’s noch! Zwar wurden einige Choreografien dem zunehmendem Alter sowie der abnehmenden Mitgliederzahl angepasst, dennoch erkennen wir mehrere Originalmoves und sehen auch eine moderne, leicht homoerotisch anmutende Tanzchoreo zum Stück „Flaws“. Insgesamt gelingt Take That eine bestimmt nicht einfache Gratwanderung: Sie bewegen sich schön anzusehend zwischen „show what you have got“ und einer altersangemessenen und gelenkschonenden Art des synchronen Tanzes.

Show 

Es gibt einiges zu bestaunen, es folgt eine kurze Aufzählung (Anspruch auf Vollständigkeit wird nicht erhoben): Feuerwerktechnik; Jahrmarkt und Schausteller beim etwas zähen Opening; viel Konfetti; Luftballons; sich auftuende und schließende Böden auf der Bühne; eine o-förmige Bühne, die einen beneidenswerten Teil des Publikums umschließt; Tänzer in wilden Kostümkreationen; aufblasbare Tiere in Neon etc. pp. Ein Thema ist leider nicht erkennbar, mitunter scheinen die einzelnen Aktionen ein wenig willkürlich aneinander gereiht. Welche Geschichte wird hier erzählt? Egal, da hüpft schon eine Riesenqualle ins Bild und wir kommen zur letzten Zutat:

Kathartische Euphorie (= Kreischen) 

Es fliegen keine Teddybären, abtransportiert wird – soweit ich das von meinem Sitzplatz (!) aus sehen kann – nur eine Dame in fortgeschrittenem Alter, es sieht nicht nach einer Ohnmacht aus. Ein wenig gekreischt wird natürlich schon, aber auf einem Level, das sogar für einen verkaterten Kopf wie meinen erträglich ist. Gary, Mark und Howard bedanken sich ausgiebig beim Publikum, denn sie wissen, dass ihnen hier nicht wenige seit den Anfängen der Band vor 25 Jahren die Treue halten.

Das Rezept wird gewürzt mit einer dezenten Prise Nostalgie und scharfen Erinnerungen: Fertig ist das Spektakel. Never forget!

P.S. Bilder gibt es aufgrund fotografenunfreundlicher Rahmenbedingungen leider keine. Schade um den optischen Genuss in jeder Hinsicht und schade auch, dass sich das Management einer derart erfolgreichen Band nicht ein wenig liberaler zeigt.

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