RICHARD THOMPSON ELECTRIC TRIO, 28.09.2015, Theaterhaus, Stuttgart

Foto: Annaliese Moyer Tassano

Scheinwerferlicht fällt auf das Publikum. Der bärtige, ergraute Mann mit dem schwarzen Hemd und ebensolcher Baskenmütze lässt den Blick schweifen. Richard Thompson schaut suchend umher: „It’s all men!“ In der Tat ist der Männeranteil überproportional hoch; und das geschätzte Alter des Durchschnittsbesuchers unwesentlich jünger als das des 66-jährigen Gitarrenhelden. Einige Frauen machen sich lautstark bemerkbar und Thompson wirkt erleichtert.
Die Legende des britischen Folks ist ein seltener Gast auf deutschen Bühnen und macht beim ersten von lediglich drei Konzerten hierzulande Halt im Saal T2 des Theaterhauses am Pragsattel. Thompson hat im Sommer gerade sein 40. Album veröffentlich; produziert vom über jeden Zweifel erhabenen Wilco-Mastermind Jeff Tweedy, der schon der großen Souldiva Mavis Staples zu einem zweiten Frühling verholfen hat. Anders als die amerikanische Sängerin war Thompson immer präsent als klassischer Kritikerliebling, den auch seine Musikerkollegen mit Lobeshymnen überhäufen. Das Ergebnis ist ein Album von zeitloser Grandezza; oder um es mit dem Guardian zu sagen: „Thompson is still unique“. Ebendas zeigt er auch bei seinem überraschend lauten Konzert in Stuttgart, das keinesfalls von einem „mashed potato sound“ getrübt wird, wie ein Zuschauer früh im Set lautstark moniert. Thompson fragt mit höflicher Zurückhaltung das Publikum, ob es denn tatsächlich zu laut sei. Lediglich zwei Personen melden sich. „Would you lend him your ear plugs“, bittet der Engländer den Sitznachbarn des Zwischenrufers. Und weiter geht es.

Meist als Solokünstler mit Akkustikgitarre auf Tour, wird er diesmal als Richard Thompson Electric Trio vom Schlagzeuger Michael Jerome und Davey Farragher am Bass begleitet, was schon der Eröffnung mit „All Buttoned Up“ vom aktuellen Album ausgesprochen wohl bekommt. Der bluesig-düstere Song lässt Thompson Raum für seine zurückhaltenden Gitarrensoli. „Sally B“ und das ebenfalls neue „Broken Doll“ sind von nicht minderer Güte. Obschon als einer der besten Gitarristen allgemein rezipiert, ist Thompson kein Poser. Das ist sein großer Trumpf und sorgt dafür, dass den einzelnen Liedern aufmerksam gelauscht wird. Verdient ist das allemal, schließlich ist er mitnichten nur ein Ausnahmegitarrist sondern auch ein begnadeter Songwriter. Das belegen seine zahllosen Soloalben und vor allem die Veröffentlichungen mit Ehefrau Linda in den 70ern und 80ern und seine Kompositionen für die wichtigste britische Folkband Fairport Convention in den 60ern, die er bereits mit 21 wieder verließ. Wie sehr die letztgenannte Formation noch heute von der Klasse ihres Gründungsmitglieds zehrt, zeigte jüngst der Auftritt der Band auf dem Burg Herzberg Festival im August. Gründungsmitglied Simon Nicol musste nur Thompsons Namen nennen und tosender Applaus ist das unmittelbare Resultat.

Auch wenn neuere Stücke Americana infizierte Bluesnummern sind, ist Thompsons Œuvre in jeder Hinsicht sehr britisch und von keltischen Klängen geprägt: „I Wish I Was a Fool for You“ aus der gemeinsamen musikalischen Vergangenheit mit Linda Thompson ist so ein Beispiel und wird schon bei den ersten Akkorden lautstark beklatscht. Das Stück wird mit geradezu überbordenden Spielfreude zelebriert. Abschließend verlassen Jerome und Farragher die Bühne und lassen Thompson Raum für ein kurzes Soloset. Altbewährtes kommt auf Konzerten gefeierter Veteranen bekanntlich stets besonders gut an und zu diesen Standards gehört selbstredend Thompsons fantastisches, stilbildendes Fingerpicking. „His acoustic picking is just as killer“, lobt der amerikanische Rolling Stone und hat damit absolut Recht. „Hard On Me“ gelingt; der traumhafte Fairport-Convention-Evergreen „Meet on the Ledge“ ist auch ohne die unnachahmliche Stimme der tragisch verstorbenen Sandy Denny ein Ausnahmesong. Thompson singt mit eleganter Gelassenheit jene epischen Zeilen, die den britischen Folk definierten, wie wenig andere. Danach folgt die unvermeidliche Manifestation seines Könnens mit „1952 Vincent Black Lightning“. Besser wurde eine akustische Gitarre in der Popgeschichte selten gespielt.

Die Band kehrt zurück. Thompson beschwört im neuen „Beatnik Walking“ den pittoresken Charme Amsterdams. Es folgen Tiraden des stets politisch aktiven Wahlkaliforniers gegen Margaret Thatcher und die beruhigte Reaktion darauf, dass das Publikum seine Abneigung teilt. Die Linda-and-Richard-Thompson-Stücke sind große Momente eines starken Konzerts. Die unheimlich traurige Auseinandersetzung mit Sandy Dennys Tod „Did She Jumped Or Was She Pushed“, bei dem zugleich ein gewisser Einfluss auf Elvis Costello ganz offenbar wird, und das unter anderem von R.E.M. gecoverte „Wall of Death“ belegen einmal mehr, wie genuin das thompson’sche Songwriting ist, wie überwältigend sein Gespür für Melodien und wie bedrückend seine Lyrik.

Fünf bezaubernde Zugaben in zwei Blöcken gibt es obendrauf. Das bekannteste Gesicht des britischen Folks zeigt mit schnellen Songs wie dem fast brachialen und mit tollem Chor versehenen „Tear Stained Letter“, wie gut ihm die Band tut, und mit „Dry My Tears And Move On“, dass er auch sentimentale Lieder von kitschfreier Klasse schreiben kann. Zum Schluss folgt der Uptempo-Hit „Fork in the Road“. Das Electric Trio spielt mit strahlenden Gesichtern und verabschiedet sich mit „Take A Heart“ und dem was Pete Townshend einmal als „post-war-macho-don’t-interrupt-me-kind-of-noise“ bezeichnete. Das ist überwältigender, angenehmer Lärm. So dass abschließend nur das Plädoyer des profilierten amerikanischen Rolling-Stone-Redakteurs David Fricke aufgegriffen werden kann. „Try to see him live, with an electric band: The solos run long and wild“. Das ist alles wahr und man kann bloß bestärkend ergänzen, dass diese dabei mit einer umwerfend unprätentiösen Nonchalance präsentiert werden, die unter Gitarrenvirtuosen ihresgleichen sucht.

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