JULIETTE GRÉCO, 03.10.2015, Theaterhaus, Stuttgart

Greco

Foto: David Oechsle

„Meine Wutanfälle sind nach wie vor legendär! Früher war ich ein Enfant terrible, heute bin ich eine schreckliche alte Dame“, erzählte Juliette Gréco 2012 der Zeit. Anfang Februar feiert die von Jean Paul Sartre protegierte Existentialisten-Muse, ewige Stilikone und Chansonette ihren 89. Geburtstag. Vorher gastiert sie für eine handverlesene Auswahl an Konzerten in meist legendären Sälen – und auch zum mittlerweile siebten Mal im Stuttgarter Theaterhaus. Es soll ihre finale Tournee sein. Auf der Bühne wirkt sie milde und zufrieden. Schon ihr Auftreten gerät angemessen schillernd. Ihre Musiker, Ehemann Gérard Jouannest am Flügel und Jean-Louis Matinier am Akkordeon, spielen eine entspannt-zeitlose Chanson-Melodie, dann fällt das Spotlicht auf die Bühnenmitte und Juliette Gréco tritt winkend und Luftküsse verteilend bedächtigen Schrittes an das Mikrophon; es ist die Eröffnung eines 70-minütigen Reigen weltbewegender Chansons aus der Feder eines Jacques Brel oder Serge Gainsbourg, den sie mitentdeckt und am Anfang seiner Weltkarriere förderte. Stehende Ovationen goutieren bereits das persönliche Erscheinen der Grande Dame des französischen Chanson.

„Merci!“ ist das postulierte Abschiedsmotto der Tour. Die Erkenntnis dessen bedrücke sie, verriet sie Anfang des Jahres in einem Interview, ließ aber auch weitaus positiver verlauten, dass „jeder Augenblick der beste Augenblick“ ihres Lebens sei. Ihre physische Erscheinung verleiht der Aussage Nachdruck. Ohne merkliche Mühen steht sie das komplette Konzert hindurch und strahlt bis heute jene elegante unnahbare Aura aus, jenes Charisma, das im Alter noch würdevoller zur Geltung kommen kann. In ihrem bodenlangen, schwarzen Samtkleid von Dior oder einem anderen Großschneider und den schwarzgefärbten Haaren steht die Gréco auch modisch bis heute ganz in der Tradition der Pariser Existentialisten, der intellektuellen Szene aus Saint-Germain-de-Près, die sie in den fünfziger Jahren in der Außenwirkung entscheidend mitprägte. Sartre motivierte die junge Schauspielerin damals Sängerin zu werden und sei im Gegensatz zur allgemeinen Wahrnehmung ein „sehr lustiger Mann“ gewesen, wie sie 2012 der Zeit berichtete. Die Tage mit Sartre, de Beauvoir, Camus, Giacometti oder auch Picasso an nunmehr ikonischen Orten wie dem Café de Flore oder dem Deux Magots liegen nun Jahrzehnte zurück, die Protagonisten sind längst verstorben. Gréco ist übrig geblieben.

Umso bemerkenswerter ist ihre Leidenschaft, die sie bis heute immer wieder zum Touren ermutigt. Die enorme Ticket-Nachfrage ist da nur die logische Konsequenz. Selbstredend ist das Konzert mit über tausend Zuschauern ausverkauft. Das Publikum hat sich chic gemacht, ist im Schnitt über sechzig und der Gréco offensichtlich schon seit Jahrzehnten treu ergeben. Zu recht. Nur die schwarzen Rollkragenpullover fehlen. Uns werden Plätze auf der Treppe angeboten, die wir dankend annehmen.

Es ist früh am Abend, kurz nach halb acht, als Juliette Gréco die ersten Verse singt. „Sous le ciel de Paris“, ein klassisches Chanson von 1951, ist die perfekte Eröffnung. Grécos Stimme ist tiefer geworden. Mitunter bellt sie wie Nick Cave, was positiv zu verstehen ist. Naturgemäß kann der Gesang einer alten Dame nicht mehr jugendliche Höhen erreichen, was aber zu ihrer dunklen Aura ausgezeichnet passt. Wenn man den Auftritt eher als stilvollen Vortrag bewegender Lieder versteht, ihn damit quasi auf die Ebene einer Lesung erhebt, wird das rasch verständlich. Sie betonte dies höchstselbst in der jüngeren Vergangenheit als geradezu kathartischen Aspekt: „Ich habe nie an meiner Stimme gearbeitet, aber sie hat sich befreit. Sie war früher viel höher, weil ich glaubte, eine junge Frau müsse so singen. Erst als ich mehr zu mir selbst kam, ist die Stimme tiefer geworden. Die tiefe Stimme ist meine wahre Stimme. Ich bin erst spät ich selbst geworden.“

Den ausgewählten Chansons jedenfalls tut das merklich gut. Die begleitenden Bewegungen, ihre Gestik ist viel ausladender als in der Vergangenheit und perfekt dosiert. Selbiges gilt für die Akzentuierung der Verse. In Kombination mit großen Gesten fallen mitunter schiefe Töne nämlich überhaupt nicht ins Gewicht. Das passt zu ihrer Aussage, dass Singen „ein bisschen wie Theater“ sei: „Ich belebe etwas wieder, das andere geschrieben haben. Ich lasse es durch meinen Körper hindurchgehen“.
Ansagen zwischen den einzelnen Stücken hält sie komplett auf Französisch. Meist beschränkt sie sich auf ein kurzes Nennen des Komponisten und des Titels: „Brel: Les Vieux“. Allbekannte Chansons werden geschickt so arrangiert, dass man sie zwar sofort erkennt, sie aber mit der veränderten Stimme glänzend harmonieren. Grundsätzlich folgt jeder Darbietung unmittelbarer frenetischer Applaus. Gréco sieht man schon früh im Konzert ihre Dankbarkeit an und die ewig Schüchterne wirkt von Lied zu Lied entspannter: „Wenn die Leute sich bei den Konzerten erheben und mir applaudieren, denke ich, das Meer kommt auf mich zu. Ich bin überrascht – glücklich und überrascht.“ Die weiteren Brel-Stücke „Le tango funèbre“ und vor allem „Amsterdam“ sind wahre Glanzlichter, hier klingt sie tatsächlich wie Nick Cave, was ein Gewinn ist. „Un petit poisson, un petit oiseau“ und Gainsbourgs „L’Accordeon“ sowie „La Javanaise“ beglücken frankophile Ohren. Es ist für Juliette Gréco wahrlich ein Leichtes, dem Publikum das zu geben, was es sich wünscht.

Immerhin war sie die Vorreiterin späterer Interpreten: „Im Nachhinein muss man dazusagen, dass viele der Autoren, deren Texte ich gesungen habe, erst später berühmt geworden sind. Ich war die Erste, die Brel sang. Ich habe als Erste eine ganze Platte mit Gainsbourg-Chansons gemacht. Es heißt immer: Seht, die Gréco, sie singt nur die ganz Großen! Als ich sie sang, waren sie noch ziemlich klein.“ Das stimmt alles und erklärt, mit welcher Selbstverständlichkeit sie noch heute Gainsbourg und vor allem Brel aufführt. Ein Großteil der Chansons in Stuttgart stammen aus dem Œuvre des Belgiers, der längst als allgemeines französisches Kulturgut gilt. Großtaten wie das „Lied über den Tod“ (Gréco) „J’arrive“ und vor allem „Ne me quitte pas“ sind die absoluten Publikumslieblinge. Der Applaus fällt riesig aus. Der Abend endet mit großen Favoriten. Mehrmals wird die agile, äußerst schlanke 88-Jährige auf die Bühne zurückkehren, Blumen, Briefe und Plüschtiere in Empfang nehmen und gütig lächeln. Luftküsse und mehrere Verbeugungen folgen. Dann ist tatsächlich Schluss und man realisiert, dass dies wohl das letzte Mal war, dass man eine derartige Ikone ihrer Generation auf einer Stuttgarter Bühne sehen konnte.

Im Frühling schloss sie in einem Interview, dass man wissen müsse, „wann eine Sache zu Ende ist“, und es entscheidend sei vorher aufzuhören: „Ich möchte, dass man mich so in Erinnerung behält“. Das bemerkenswerte Konzert im Theaterhaus am Pragsattel hat eindrucksvoll unter Beweis gestellt, dass sie sich über das Erreichen dieses Ziels keinerlei Gedanken machen muss.

Greco

Foto: David Oechsle

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