HUNDREDS, 01.10.2015, Manufaktur, Schorndorf

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Foto: Özlem Yavuz

Ob ich einspringen kann für einen Konzertbericht? Na klar, mache ich das. Erst recht für ein Konzert in der Manufaktur in Schorndorf, wo es mich nun schon eine Weile nicht mehr hinverschlagen hat. Und dann noch bei Hundreds! Nicht dass ich ausgewiesener Fan wäre, aber durchaus bekennender Sympathisant. Also ein kleiner Glücksfall, könnte man sagen, der sich im Laufe des Abends sogar noch als ein großer herausstellen wird.

In der Manufaktur ist die Atmosphäre gelöst-entspannt, die Leute trudeln nach und nach gemütlich und relaxt ein (viele spenden auch bereitwillig für eine Flüchtlingshilfsaktion, für die am Eingang um Unterstützung gebeten wird). Man unterhält sich bei einem Getränk an den verteilten Stehtischchen, bis das Saallicht dunkler wird und der ohnehin schon sehr gedämpfte Unterhaltungspegel sich nochmals fast bist zur totalen Stille senkt. Und es wird klar, dass sich hier mit mir vorwiegend weitere Sympathisanten und noch viel mehr echte Hundreds-Kenner und -Fans im angenehm gefüllten Saal befinden.

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Foto: Özlem Yavuz

Doch zunächst betritt ein junges, feenhaftes Geschöpf die Bühne, dem eine gewisse Flower-Power-Ausstrahlung nicht ganz abzustreiten ist. Caterina Barbieri, so ihr bürgerlicher Name, nennt sich als Künstlerin Missincat und entpuppt sich als Vertreterin der Gattung Singer-Songwriter mit einer zwar mädchenhaften, aber durchaus starken und angenehmen Stimme. Ja, mit der Akustikgitarre um die Schulter, aber nicht ausschließlich – sie kann auch Keyboard und elektronische Beats in ihre eingängigen Lieder integrieren und macht das richtig gut. Die Italienerin bietet ihre sehr ruhigen, schönen und entschleunigten Pop-Perlchen sehr gekonnt und authentisch dar. Sie möchte das Publikum zum Mitmachen animieren und ruft „Wie geht’s euch?“ worauf sie ein schwäbisches „Ond selber?“ als Antwort erhält – aber die Stimmung ist gelöst und ganz selbstverständlich machen dann auch alle begeistert mit beim Regentropfenfingertippen.

Nach angenehm kurzer Umbauphase wird das Licht wieder herunter gedimmt, das Stimmengemurmel verlischt komplett und auf der Bühne sind elektronische Tasteninstrumente und ein Schlagzeug zu sehen sowie in der Mitte ein einsamer Strahler, der für eine heimelige Lichtstimmung verantwortlich zeichnet. Dieses Bild wird komplettiert durch einen eingespielten monotonen Sound, der uns nun Hundreds angkündigt. Und dann kommt Philipp auf die Bühne und spielt auf seinem E-Piano ein relativ langes, melancholisches Intro.

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Foto: Özlem Yavuz

Von Beginn an herrscht hier aufmerksam-gespannte und neugierige Zuhörruhe und der berühmte Ausspruch von der fallenden Stecknadel kommt einem in den Sinn. Dann erscheint Eva auf der Bühne im kurzen, schlichten aber knallroten Kleid und barfuß. Die Begeisterung im Publikum ist wirklich sehr groß und deutlich zu spüren, obwohl oder erst recht, weil sie nicht laut oder aufdringlich ist. Und auch Eva integriert sich wunderbar in dieses sehr anmutige, ästhetische Gesamtbild und singt das erste Lied und da war es schon um mich geschehen. Diese Stimme live zu erleben, kann ich nur jedem empfehlen. Hin und wieder erinnert sie mich mal an Annie Lennox oder auch Roisin Murphy und bleibt natürlich ganz und gar Eva Milner.

Eva und Philipp Milner sind Geschwister und kommen aus Hamburg. Sie werden landläufig als Elektropop-Duo bezeichnet, doch das greift meines Erachtens zu kurz. Die Legende besagt, dass die beiden auf Familienfesten die Gäste musikalisch bei Laune hielten und so nahm irgendwann das Hundreds-Schicksal seinen Lauf, nachdem das Video „I Love My Harbour“ veröffentlicht wurde, in dem Eva ihre Liebe zum Hamburger Hafen besingt.

Doch zurück zum Auftritt. Von der ersten gesungenen Silbe an hatte ich eine Gänsehaut. Das ist sogar für einen musikbegeisterten, konzerterfahrenen Gig-Blogger doch eine besondere und nicht alltägliche Erfahrung und in diesem Fall eine besonders schöne dazu. Ich weiß nicht, wie sie das schaffen, aber es scheint einfach alles zu stimmen heute Abend und sich zu einem nahezu perfekten Gesamterlebnis zusammenzufügen: Der Sound ist makellos, die Stimmung, die durch Licht und sicheres, unprätentiöses-  ich möchte sagen – verspieltes und zugleich erwachsenes und absolut authentisches Auftreten erzeugt wird, ist phänomenal – und berührt.

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Foto: Özlem Yavuz

Auf der Bühne stehen Philips beide, nun ja eher schrabbelige, schon etwas in die Jahre gekommene Stage-Pianos, natürlich angereichert mit kaum sichtbaren Extras an Spielsachen, einschließlich des obligatorischen Glockenspiels, das zum Hundreds-typischen Sound gehört. Und ja auch ein kleines Laptop ist irgendwo wahrzunehmen. Auf der anderen Seite der Bühne auch das bereits erwähnte Schlagzeug, das wohl bislang nicht zum Einsatz bei den Auftritten von Hundreds kam. Und so wie sich das liest, so klingt das dann auch: ganz schön akustisch und analog für ein Elektropop-Duo. Und wie ich mir aus gut unterrichteten Kreisen habe sagen lassen und Eva bestätigt das auch auf der Bühne, handelt es sich tatsächlich auch um eine akustische Live-Variante, des sonst viel stärker elektronisch ausgerüsteten Duos. Und es ist einfach nur schön!

Jedes einzelne Lied ist komplett ausgespielt und kann auch so gehört werden, da das Publikum ehrfürchtig wartet, bis der letzte Ton verklungen ist, bevor es beginnt zu applaudieren. Und es ist wahrlich keine Note verschwendet oder überflüssig bei den musikalischen Kostbarkeiten, die uns das grundsympathische Geschwisterpaar darbietet. Zu den wenigen Sätzen, die ans Publikum gerichtet werden, gehört auch das Bekenntnis ein wenig stolz darauf zu sein, hier in der Manufaktur auftreten zu können, wo schon viele Vorbilder auf der Bühne standen.

Alles auf den Punkt, alles hat seinen Sinn und trägt die diese betörende Atmosphäre und Stimmung. Hundreds präsentieren ihre Songs voluminös und zugleich minimalistisch reduziert; diese scheinen sich bei dieser Art der Umsetzung nun vollkommen entfalten zu können. Es wird sogar auch zweistimmig gesungen! Und auch das, ab dem dritten Lied zum dauerhaften und stimmigen Begleiter gewordene, Schlagzeug (samt Schlagzeuger) fügt sich teils zurückhaltend, teils treibend, aber immer passend und emphatisch in das Sound-Gebilde ein. Ich höre auch in meiner Umgebung immer wieder, dass Leute mitsingen, aber im Flüsterton um nicht zu stören.

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Foto: Özlem Yavuz

Das Repertoire umfasst das gesamte Œu­v­re des Geschwisterpaars. So kommen wir den Genuss, Lieder von „Hundreds“ (2010), „Variations“ (2011), „Aftermath“ (2014) und auch von der neu erschienen „Tame The Noise“ EP zu hören, einschließlich des kongenialen Björk-Covers „Who Is It?“. So wie auf „Variations“ Remixe und elektronische Interpretationen enthalten sind, kann man nun auf der aktuellen „Tame The Noise“ Veröffentlichung eine Zusammenstellung von Hundreds-Werken eben in den ruhigen, eher akustisch anmutenden Versionen des heutigen Abends hören.

Hundreds hatten sich schon verabschiedet und waren von der Bühne gegangen, während man selbst noch mit einem Grinsen oder wahlweise offenem Mund da steht und damit beschäftigt ist, sich aus diesem wohlig-melancholischen Trancezustand langsam herauszulösen und zu verstehen beginnt, an welch außergewöhnlichem Musikereignis man da teilhaben durfte, als die beiden noch ein weiteres Mal auf die Bühne kommen und „Wonderful Life“ als Zugabe spielen. Ja genau, das von Black aus dem Jahr 1987.

Dieser Glücksfall, hier einspringen zu dürfen, hat mich vom Sympathisanten zum Anhänger gemacht. Für mich ein wichtiges Konzert, das von ebenfalls anwesenden Gig-Blog Kollegen bereits für die Top-5 Liste der Lieblingskonzerte gehandelt wird.  „No Need To Hide And Cry / It’s A Wonderful Wonderful Life“.

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Foto: Özlem Yavuz

Hundreds

Missincat

Ein Gedanke zu „HUNDREDS, 01.10.2015, Manufaktur, Schorndorf

  • 6. Oktober 2015 um 08:59
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    … werd ich mir wohl mal anhören ‚müssen‘. Man merkt, dasses Dir gefallen hat ;-)

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