VAGUE, KAUFMANN FRUST, 22.9.2015, Merlin, Stuttgart

VAGUE, KAUFMANN FRUST, 22.9.2015, Merlin, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Die Open-Air-Saison ist spätestens nach dem Feuerseefest am vergangenen Wochenende auch in Stuttgart vorbei und als ob es abgesprochen sei, wandeln sich die Konzerte wieder ausnahmslos in Clubveranstaltungen, während ich auf dem Weg dorthin die erste Kastanie vom Boden aufsammle, einstecke und weiter durch den Herbstregen eile in Richtung Merlin.

Im Februar spielten Vague aus Wien schon einmal zusammen mit den Stuttgarter Jungs von Kaufmann Frust – im etwas geheimen Ossex, was an jenem Abend so überfüllt war, dass ich den Auftritt der Kaufmänner im Gang stehend nur unzureichend verfolgen konnte. Überfüllt ist das Merlin an diesem Abend leider nicht, und kurz vor dem Beginn beschleicht mich kurz die Befürchtung, dass die Musik der beiden Bands im deutlich cleaneren Merlin vielleicht nicht solch eine Sogwirkung entfaltet, wie in einem 40 Menschen fassenden Kellergewölbe.

VAGUE, KAUFMANN FRUST, 22.9.2015, Merlin, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Schnell wird aber klar, dass der bessere Sound und die geräumigere Bühne das Fehlen der Enge auf jeden Fall kompensieren. Und ebenso schnell verbreiten die Songs von Kaufmann Frust eine zur aufkommenden Jahreszeit passende Melancholie, welche einerseits durch die ruhigen, sphärischen Gitarrensounds entsteht, andererseits durch die immer wieder verzweifelt klingenden, teils mehrstimmig gesungenen Texte: „So wie’s ist, kann’s nicht bleiben“. Bei deutschen Texten ist der Grad zur Teenie-Plattitüde seltsamerweise deutlich schmaler als bei englischen, die vier Jungs verstehen es aber durch wirklich schöne Verse auf die gute, sprich poetische Seite zu treten: „Wir halten seit Stunden nur Schweigeminuten“ – wunderbar! Dazu bricht die Band immer wieder durch post-rockige Instrumentalparts die getragene Grundstimmung, als würden Melancholie und Wut miteinander bei jedem Song erneut in den Ring steigen. Diesem Ringen zu lauschen macht großes Vergnügen und man kann auf die weitere Entwicklung von Kaufmann Frust gespannt sein!

VAGUE, KAUFMANN FRUST, 22.9.2015, Merlin, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Bei Vague dagegen ringt musikalisch nichts. Das ist zunächst etwas erstaunlich, da sich drei Gitarristen auf der Bühne versammeln. Vielmehr gelingt es den fünf Musikern, bei denen sich kein typischer Frontmann abzeichnet, von Anfang an einen sehr weichen, ausbalancierten Sound auf die Bühne zu bringen, der sich anschmiegt wie die herbstliche Nachmittagssonne an die sich langsam verfärbenden Wälder des Stuttgarter Kessels. Wer dem Sommer noch nachhängt, kann sich alternativ auch in ein Cabrio auf der Fahrt durch Kalifornien wähnen, die Zeit vergessend, relaxed, easy.

VAGUE, KAUFMANN FRUST, 22.9.2015, Merlin, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Es bleibt nicht aus, dass ich, der in den Achtzigern laufen und lesen lernte, höchstens einige Anleihen von The Cure vernehme, wogegen der Abend bei manchem nostalgische Begeisterung und Erinnerung an eine Band namens „Felt“ auslöst, was tatsächlich sehr nahe am Sound von Vague ist. Die englischen Texte wirken teilweise fast etwas rotzig gesungen, was die Lässigkeit, mit der sich die Musiker auf der Bühne präsentieren, noch verstärkt und so ein Gesamtpaket entstehen lässt: eine wohltemperierte Klangwoge, in die man sich wie in eine Hängematte hineinlegen kann, die leicht schaukelt und keine heftigen Erschütterungen aufweist.

Wieder im herbstlichen Regen überlege ich, ob nicht die ein oder andere Erschütterung, die ein oder andere Unebenheit diesem Sound gut zu Gesicht stünde. Aber manche Dinge sind einfach schön und interessant, auch ohne rauhe Ecken und Kanten – z.B. die erste Kastanie des Herbstes oder eben die Musik von Vague.

VAGUE, KAUFMANN FRUST, 22.9.2015, Merlin, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

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