GENTLEMAN & THE EVOLUTION, CIDADE NEGRA, 19.09.2015, Im Wizemann, Stuttgart

GENTLEMAN & THE EVOLUTION, CIDADE NEGRA, 19.09.2015, Im Wizemann, Stuttgart

Foto: Steffen Schmid

Riesig sind die Erwartungen an Stuttgarts neue Konzert-Location „Im Wizemann“: ein Ersatz für die Röhre und Zapata soll sie sein, eine weitere Halle in der so wichtigen 1.500er-Klasse soll sie bieten, Stuttgarts Platz auf der deutschen Konzertlandkarte verbessern. Mindestens. Vorschuss-Lorbeeren gab’s auch schon in Hülle und Fülle und die Opening-Party war ein Schaulaufen der Stuttgarter Szene. Kurzum: ein Bericht vom allerersten Gig ist ein Muss für uns. Zumal mit Gentleman der wohl wichtigste deutsche Reggae-Star auf dem Programm steht. Erst kürzlich hat er uns den Chiemsee Summer gerettet, was das schnelle Wiedersehen umso erfreulicher macht.

GENTLEMAN & THE EVOLUTION, CIDADE NEGRA, 19.09.2015, Im Wizemann, Stuttgart

Foto: Steffen Schmid

Alles, was eine gute Konzertlocation ausmacht, habe man in den frisch renovierten Industriebau gesteckt. Ein Blick auf die Plakate in der Eingangshalle zeigt musikalische Vielfalt, vom Teenie-Star bis zur Metal-Band ist alles dabei. Der Kalender ist schon gut gefüllt, und das heutige Konzert kam erst sehr spät dazu. „Grooves United“ heißt der Veranstalter, und der „kreative Austausch zwischen Künstlern verschiedener Kulturkreise, unabhängig von Herkunft und Musikstil“ ist sein Ziel. In diesem Sinne werden in einer Minitour Gentleman & the Evolution zusammen mit der brasilianischen Reggae-Combo Cidade Negra nach Köln, Stuttgart und Hamburg geschickt. Ob es nun an der sehr späten Ankündigung oder am Eintrittspreis von vierzig Euro lag, die große Halle des Wizemann ist noch nicht einmal zur Hälfte gefüllt. (Das Konzert am Vortag in Gentlemans Heimatstadt Köln war ausverkauft)

GENTLEMAN & THE EVOLUTION, CIDADE NEGRA, 19.09.2015, Im Wizemann, Stuttgart

Foto: Steffen Schmid

Nun denn, nutzen wir die lockere Bestückung, um uns den Laden genau anzuschauen und freuen wir uns, Gentleman im familiären Rahmen zu sehen. Zuerst fällt die nüchterne Atmosphäre auf: der kühle Charme eines alten Industriebaus, schmucklos, aber auch flexibel. Eine elegante Bar mit gutem Bier einer regionalen Privatbrauerei beherrscht die Eingangshalle. Der Service ist superfreundlich. Fein. Die große Halle erinnert kaum noch ans alte Zapata. Sämtliche Deko und aller Krempel sind rausgeräumt, übrig bleibt eine deutlich größere, angenehm breite Konzerthalle mit einer zusätzlichen Bar und Garderobe. Die harten Oberflächen und Massen von Blechinstallationen an der nackten Metalldecke lassen allerdings leise Zweifel an der akustischen Qualität aufkommen.

GENTLEMAN & THE EVOLUTION, CIDADE NEGRA, 19.09.2015, Im Wizemann, Stuttgart

Foto: Steffen Schmid

Diese Bedenken werden aber mit den ersten Tönen der zehnköpfigen brasilianischen Kapelle zerstreut. Der Sound ist transparent, die Bässe auch für Reggae-Verhältnisse mehr als ausreichend. Ein leichter, nicht störender Hall macht klar, dass man sich nicht in einem kleinen Club befindet und ein kleiner Rundgang zu allen Punkten der Halle bringt eine erfreulich gleichmäßige Sound-Qualität zu Tage. Und das sogar bei moderater Lautstärke. Selbst die Plätze neben der Bühne – rechts und links kann man die Musiker auch von der Seite betrachten – liegen nicht im toten Winkel.

Die Bühne ist ausreichend hoch, um von allen Stellen gut eingesehen zu werden. Aber nicht so hoch, dass die Musiker nicht einen schnellen Sprung ins Publikum wagen können (wovon Gentleman ausreichend Gebrauch machen wird). Die Beleuchtungsanlage ist erwartungsgemäß opulent, nur am Frontlicht hat man an diesem Abend gespart. Die Musiker verschwinden meist im Dämmer. Kurzum: die Rahmenbedingungen sind fast perfekt. Jetzt kommt es nur noch auf die Performance der Musiker an.

GENTLEMAN & THE EVOLUTION, CIDADE NEGRA, 19.09.2015, Im Wizemann, Stuttgart

Foto: Steffen Schmid

Cidade Negra sind den deutschen Reggae-Fans nahezu unbekannt, aber die Schar brasilianischer Fans bejubelt die Band und ihre nahezu ausschließlich portugiesischen Ansagen ausgiebig und singt auch ganze Passagen mit. Stilistisch kann man das Dargebrachte als Soft-Reggae mit Elementen aus Latino-Musik, HipHop und einer großen Portion Pop einordnen. Nicht ganz mein Ding, und auch Kollege Setzer, der an seinem opulenten Dreadlock-Kopfschmuck schon von Weitem als Genre-Auskenner zu erkennen ist, mag nicht so recht begeistert sein.

GENTLEMAN & THE EVOLUTION, CIDADE NEGRA, 19.09.2015, Im Wizemann, Stuttgart

Foto: Steffen Schmid

Eine Stunde später entert The Evolution, Gentlemans Band, die Bühne. Die beiden ersten Titel werden von den Background-Sängerinnen vorgetragen, bevor Tilman „Gentleman“ Otto die Bühne betritt. Und er lässt mit seinem Eröffnungs-Medley keine Sekunde lang Zweifel daran, wer heute musikalisch der Herr im Haus ist. Vom Anblick einer halbleeren Halle lässt er sich nicht beirren und schon nach wenigen Minuten hat er den Laden im Griff. Seine Band ist eine gute Ecke tighter als die der Vorgänger und sein Repertoire von Roots Reggae über Dancehall und Ska bis hin zu Raggamuffin versetzt den Laden komplett in Bewegung. Als er im Publikum zwei Dauer-Fans ausmacht, werden diese kurzerhand für ein paar Gesangsparts auf die Bühne geholt und auch sonst lässt er keine Gelegenheit zur Kontaktaufnahme aus. Man kann zu seiner Reggae-Folklore und seinem ausgeprägten Jamaika-Patois stehen, wie man mag, als Frontmann und Entertainer ist er eine Bank.

GENTLEMAN & THE EVOLUTION, CIDADE NEGRA, 19.09.2015, Im Wizemann, Stuttgart

Foto: Steffen Schmid

Nach gut eineinviertel Stunden beendet er sein durchweg überzeugendes Set mit einer mächtig überzuckerten Version von Marleys glücklicherweise unkaputtbarem „Redemption Song“, auf die ich gerne verzichtet hätte. Danach holt er die Musiker von Cidade Negra auf die Bühne, um gemeinsam noch ein paar Titel zum besten zu geben, was allerdings weit weniger druckvoll rüberkommt und insofern den Spannungsbogen des Konzerts etwas überstrapaziert. Cidade Negras Frontmann Toni Garrido ist aber begeistert und schmeißt sich mit „St. Pauli, St. Pauli“-Rufen ans Publikum ran, bis ihn Gentleman darauf hinweist, dass sie erst morgen in Hamburg spielen.

Fazit: das Wizemann hat seine Premiere – zumindest bei geringem Besuch – mit Bravour bestanden. Spannend bleibt, wie es bei vollem Haus funktioniert; und auch auf die kleine Halle sind wir sehr gespannt. „Grooves United“ haben das Wizemann übrigens auch nochmal gebucht, und zwar am 27.9. mit Seu Jorge.

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Gentleman & the Evolution

Cidade Negra

Ein Gedanke zu „GENTLEMAN & THE EVOLUTION, CIDADE NEGRA, 19.09.2015, Im Wizemann, Stuttgart

  • 20. September 2015 um 21:00
    Permalink

    Hi, hi, Setzer der Reggae-Auskenner

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