KAFKA TAMURA, 16.09.2015, Keller Klub, Stuttgart

KAFKA TAMURA, 16.09.2015, Keller Klub, Stuttgart

Foto: David Oechsle

Eine Runde Schnaps für alle. Selten so freundlich von einer Band begrüßt worden. Und zwar schon vor der Tür. Es ist Viertel nach acht („Einlass 19 Uhr“) und vor dem Keller Klub hat sich eine ansehnliche Menge Wartender versammelt. Da kommen Kafka Tamura, genauer: Patrick Bogner und Gabriel Häuser, mit einem Tablett und einer Buddel Schnaps heraus und entschuldigen sich erstmal bei jedem einzelnen Gast für die Verspätung wegen technischer Probleme. Diese kleine Geste sagt ganz viel über den inzwischen nicht mehr ganz so geheimen Geheim-Tipp Kafka Tamura. Perfektionisten sind sie. Detailverliebt, professionell und überaus sympathisch.

KAFKA TAMURA, 16.09.2015, Keller Klub, Stuttgart

Foto: David Oechsle

Nach einem kurzen Warm-Up des sichtlich tour-gestressten Berliner Trios Metryk (Elektro mit einer Prise TripHop) betreten vier Musiker von Kafka Tamura die fein dekorierte Bühne des Keller Klub. Ganz in schwarz. Ein einfaches, aber wirkungsvolles Arrangement aus Blumengebinden, einigen Leuchtstoffröhren, sparsam gesetzten Effektlichtern und einem schicken Backdrop zeigen an: Auch hier wird nichts dem Zufall überlassen. Kafka Tamura soll einen Wiedererkennungswert haben. Bogner an den Keyboards und Häuser an den Drums haben sich mit einem Gitarristen und einem Bassisten verstärkt und spielen ein instrumentales Intro, bevor Emma Dawkins – fast wie ein richtiger Star – die Bühne betritt.

KAFKA TAMURA, 16.09.2015, Keller Klub, Stuttgart

Foto: David Oechsle

Ich muss mir die Augen reiben. Unglaublich, was aus diesem Trio in den letzten zwei Jahren geworden ist. Klingt jetzt vielleicht ein bisschen pathetisch, aber plötzlich bin ich – wie ein naher Verwandter – ein bisschen stolz drauf, was aus „meinen“ Kafka Tamura geworden ist. Im Sommer 2013 im Galao habe ich sie entdeckt. Ganz frisch war die Band damals, Emma Dawkins ein schüchterner Teenager, der kaum ein Wort herausbrachte, Patrick und Gabriel zwei vergleichsweise „alte“ Musiker, aber mit unübersehbarer Begeisterung an ihrer neuen Band. Aber schon damals hatten sie mit „Somewhere Else“ einen handfesten Hit auf der Setlist. Und ich haben mich damals zu der Prognose verstiegen, dass sie mal die großen Hallen spielen werden. Nun gut, die ganz große Halle ist der Keller Klub noch nicht, aber knapp 100 Zuschauer haben sich eingefunden, und was sich da auf der Bühne tut, das ist so angelegt, dass es in großen Hallen funktionieren würde (als Support von Milky Chance haben sie diese ja auch bereits kennengelernt).

KAFKA TAMURA, 16.09.2015, Keller Klub, Stuttgart

Foto: David Oechsle

Natürlich steht das aktuelle Album „Nothing To Everyone“ auf dem Programm, und mit dem Hit „Somewhere Else“ ganz zu Beginn des Sets ebnen die fünf den Weg für eine Folge subtiler, melancholischer Indie-Pop-Songs. Trotz des breiteren Live-Arrangements bleibt die Band dezent im Hintergrund; Minimalismus und Präzision bestimmen den Kafka-Tamura-Sound. Emma Dawkins mit ihrer markanten Stimme und extrem abgeklärt klingenden Intonation steht im Mittelpunkt. Inzwischen hat sie ihre Scheu abgelegt, scherzt mit dem Publikum. Zwei Jahre Bühnenerfahrung sind ihr anzumerken, ihren kühlen Charme hat sie aber dabei nicht verloren. Ganz im Gegenteil.

KAFKA TAMURA, 16.09.2015, Keller Klub, Stuttgart

Foto: David Oechsle

Während sich der Blogger-Kollege Christoph beim Konzert in Köln über eine größere Zahl Störer beschweren musste, hält sich das in Stuttgart doch sehr in Grenzen. Das Publikum ist fast durchweg aufmerksam und freundlich. Nur ein einziger Angetrunkener scheint einen besonderen Spaß daran zu finden, immer in die leisen Stellen hineinzulallen. Und hier passiert dann etwas, was ich auch als erfahrener Konzertbesucher so noch nicht gesehen habe: Zwischen zwei Titeln verlässt Patrick Bogner die Bühne, tritt auf den vierschrötigen Störenfried zu und erklärt ihm ganz ruhig in wenigen, aber offen­sicht­lich wohl­gesetzten Worten, dass sein Verhalten stört. Das wird vom Publikum mit großem Applaus gewürdigt und wenig später verlässt der Angesprochene den Saal. Chapeau! (Im Nachhinein ärgere ich mich übrigens, dass es nur selten das Publikum selbst schafft, solche Nervbolzen ruhig zu stellen.)

KAFKA TAMURA, 16.09.2015, Keller Klub, Stuttgart

Foto: David Oechsle

Nach einer Stunde endet das Set, das mit „No Hope“ und „Bones“ übrigens zwei weitere potenzielle Hits in der Qualität von „Somewhere Else“ enthält, mit einer auf’s Trio reduzierten Besetzung. Am Bühnenrand sitzend begleiten die beiden Herren Emma Dawkins bei zwei weiteren Titeln, darunter nochmal „No Hope“, das in dieser Minimalversion die ganze Klasse des Songwritings erkennen lässt.

„Kafka Tomorrow“. So klingt es, wenn Emma den Band-Namen in ihrem britischen Akzent ausspricht. Und das passt wirklich. Irgendwie sind sie schon zu lange der Geheim-Tipp, spätestens morgen sollte doch endlich der große Durchbruch kommen. An jeder Stelle merkt man: Diese Band ist heute schon verdammt gut, aber sie hat noch mehr Potenzial. So dicht und einnehmend das Album ist, etwas mehr stilistische Varianz und Tempowechsel könnten das nächste noch besser machen. Und ich bin sicher: mit dem hohen Qualitäts­anspruch und ihrem markanten und gut wiedererkennbaren Sound werden sie noch ein größeres Publikum erreichen. Tomorrow.

KAFKA TAMURA, 16.09.2015, Keller Klub, Stuttgart

Foto: David Oechsle

Metryk

Kafka Tamura

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