JAMHED, 13.08.2015, Merlin, Stuttgart

JAMHED, 13.08.2015, Merlin, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Gar nicht so einfach, über eine Gruppe zu schreiben, über die Gig Blog Psych-Pop-Auskenner und genereller Supertyp L. eigentlich schon alles gesagt hat, und das auch erst vor kurzem. Aber nach Album-Release und nachfolgender Mini-Tour kann sich eine Band ja durchaus weiterentwickeln. Und irgendwie hat ja jeder Liveauftritt auch seine eigene Dynamik. Kann man sich also durchaus an einem zeitnahen weiteren Bericht über Jamhed versuchen.

Besonders auch dann, wenn der Gig im Rahmen des schönen Klinke-Sommer-Festivals im Merlin stattfindet. Der Titel „Klinke XXX“ steht hier übrigens nicht für die dreißigste Austragung (es findet nach offizieller Zählung erst zum sechsundzwanzigsten Mal statt), sondern selbstverständlich für Porno, wie Informant C. erläutert. Ob’s stimmt? Man weiß es nicht, glaubt’s aber gerne.

Ziemlich gut gefüllt ist das Merlin an diesem lauschigen Donnerstagabend. Die pünktlich startende Vorband The Hunting Elephants schauen sich gut fünfzig Zuschauerinnen und Zuschauer an, viele bleiben bei mediterranen Temperaturen aber noch ein bisschen draußen im Biergarten sitzen. Eher konventionellen, aber ambitioniert vorgetragenen Indierock gibt es von der vierköpfigen Band aus Böblingen zu hören. Pluspunkte für selbstbewusstes Auftreten und Publikumorientierung.

Bei Jamhed aus Esslingen wird es um kurz nach zehn dann deutlich voller. Zum ersten Mal gesehen habe ich Jamhed bei der Releaseparty zum aktuellen Album „Lollipop Giveaway in Wee Wah Wonderland“ (erschienen beim Berliner Label Setalight) Ende April in der Rakete. Damals bin ich eher zufällig hingeraten und war extrem positiv überrascht angesichts der komplexen, aber eingängigen Songstrukturen und der überzeugenden Liveperformance. Bei Bands aus der Nähe ist man ja auch ein bisschen großzügig, wenn Können und Darbietung nicht an internationale Standards heranreichen, war aber hier gar nicht nötig. Diesmal bin ich besser vorbereitet, bin im Besitz des sehr guten Albums (Produzent ist Ralv Milberg, der auch Die Nerven produziert) und habe mir den Termin schon länger vorgemerkt. Mal sehen, ob das an der Wahrnehmung etwas ändert. Immerhin fehlt jetzt das Überraschungsmoment.

JAMHED, 13.08.2015, Merlin, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Jamhed haben eine kleine Tour hinter sich (Quelle: Facebook) und wirken insgesamt ein bisschen aufgeräumter als beim letzten Mal in der Rakete, zumindest zu Beginn ihres Auftritts. Mit zarten Glockenspielklängen geht es los, die sich dann zum ersten Song steigern. Sehr dynamisch und intensiv das Ganze und packt die Zuhörenden sofort. Die ersten Songs sind insgesamt etwas getragener und auch mit Ansagen hält man sich (noch) zurück. Im hinteren Publikumsbereich wird dafür umso mehr gequatscht, lässt aber nach ein paar genervten „Pscht!“ deutlich nach. Zum Song, bei dem es um die Pythien im Orakel von Delphi geht, gibt es dann eine etwas längere Erläuterung. Auch dieses Stück zeichnet sich durch den Einstieg mit filigranen, leisen Elementen hin zu einer stetigen Steigerung aus. Musikalisch schon ein ganz eigener Kosmos, in dem die vier aus Esslingen sich hier eingerichtet haben. Das technische Können ist dabei nie Pose, sondern steht immer ganz im Dienst des fein strukturierten Songs. Schadet dem Kunstgenuss übrigens auch nicht, dass die Bandmitglieder zunehmend gesprächiger werden und offenbar generell gerne ein bisschen albern sind (vergleiche Äußerungen zum Gründungsmythos hier). Schöner Gegensatz zur sehr durchdachten und durchaus ernst gemeinten Musik.

JAMHED, 13.08.2015, Merlin, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Für „Favour“ wird dann Querflötist Alex Mink auf die Bühne geholt, der auch als Geheimwaffe für den ganz speziellen 60er-Jahre-Sound im Dienste der bezaubernden Torben Denver Band steht. Nicht umsonst heißt es unter Kennerinnen „Querflötensolo, the thinking woman’s Gitarrensolo.“ Wenn ich es richtig notiert habe, geht „Favour“ dann in das Titelstück des Albums über. Spätestens jetzt quatscht niemand mehr ignorant rein und das Publikum nickt bis in die letzte Reihe mit. Ich beobachte, dass es anwesenden Freunden und neuen Bekannten ähnlich geht wie mir bei meinem ersten Jamhed-Konzert. Huch, wie gut sind die denn? Ist doch nicht normal. „Jetzt noch zwei Songs“ heißt es dann viel zu früh. Und jetzt kommt auch noch die Sitar zum Einsatz. Großartig, auch dass das Instrument nicht überstrapaziert wird, sondern in genau der richtigen Dosierung vorkommt. Das Gute bei Jamhed, bei zwei regulären Songs plus Zugabe kann das Konzert gut und gerne noch eine Schulstunde gehen. Was bei anderen Genres nervt, nämlich Songs mit Überlänge und unklaren Begrenzungen, macht bei psychedelischem Pop durchaus Sinn, braucht auch immer eine Weile, bis die Stücke Fahrt aufnehmen. Bewusstseinserweiterung dauert. Als letztes reguläres Stück vor der Zugabe gibt es dann noch eine Coverversion, die bezeichnenderweise im Vergleich zu den eigenen Stücken gar nicht viel anders oder besser klingt.

Super Liveband, tolles Album. Bleibt zu hoffen, dass hinterher auch die Summe im Hut stimmte, der für die Bands herumging. Auch wenn das Klinke-Festival keinen Eintritt kostet, wer sich entschließt, sich drin eine Band anzuschauen, sollte doch auch bereit sein, einen (kleinen) Schein zu investieren.

JAMHED, 13.08.2015, Merlin, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

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