CASTIVAL MIT CASPER, BOSSE UND ZUGEZOGEN MASKULIN, 31.07.2015, Schloss Ludwigsburg

CASTIVAL MIT CASPER, BOSSE UND ZUGEZOGEN MASKULIN, 31.07.2015, Schloss Ludwigsburg

Foto: Steffen Schmid

Achtung Spoileralarm: Wow! Das Castival in Ludwigsburg war ganz großes Kino. Oder wie der Kim danach lautstark verkündet hat: „Des war subber! Schreib, dass der Kim sagt, dass des subber war!“ Auch weil die Supportacts Zugezogen Maskulin und Bosse ordentlich Dampf gemacht haben. Aber vor allem, weil Casper das Ding einfach gerockt hat. Benjamin Griffey ist längst nicht mehr nur der Casper, der rappt. Mittlerweile ist er ein waschechter Entertainer, der die großen Bühnen fest im Griff hat und Tausende in Verzückung spielen kann. Aber jetzt mal ganz von vorn…

Freitag quasi direkt von der Maloche geht es los nach Ludwigsburg. Erstmal noch Kraft (und Bier) tanken im Biergarten. Da sehen wir dann auch schon, wie unterschiedlich das Publikum heute Abend sein wird. In meinem Blickfeld sitzt ein Pärchen so Mitte bis Ende 40, würde ich schätzen. Er im Shirt mit Casper-Schriftzug, sie – dauergewellt – im Anti-Alles-Für-Immer-Shirt. Und genau im gleichen Moment schlendern zwei Mädels draußen vorbei, ebenfalls ganz auf den heutigen Hauptact gedrillt, mit Hotpants und Wollmütze, aber eben eher so um die vierzehn Jahre alt. Casper ist längst Mainstream, da ist das Publikum schon mal breit gefächert. Aber Mainstream muss ja nicht automatisch was Schlechtes bedeuten. Uns zieht es jetzt auch Richtung Schloss Ludwigsburg. Auf dem Weg fällt mir das Shirt einer jungen Frau auf, die ganz offensichtlich nicht Richtung Castival unterwegs ist: „Ich habe Hiphop nicht verstanden“. Irgendwie lustig.

Zwischen ganz viel sehr jungen und doch auch einigen älteren Menschen kommen wir am Schloss an. Überall sitzen schick indie-gestylte Jugendliche, Bier in der einen Hand, Fluppe in der anderen. Die Mundwinkel zeigen bei allen nach oben. Tolle Kulisse hier. Tolles Wetter. Wir holen uns erstmal ein Bier… und spüren die Kinnladen nach unten fallen. Stramme VIER EURO FÜNFZIG kostet ein 0,3er im Plastikbecher. Das 0,2er-Schorle stolze SECHS EURO FÜNFZIG. Echt jetzt? Sind wir hier in der Oper, oder was? Wäre ich wieder 14 Jahre alt, hätte ich wahrscheinlich mit einem einzigen alkoholischen Getränk mein Abendbudget aufgebraucht. Jesses! Gottseidank sind die Zeiten vorbei. Schmerzen tut es trotzdem. Egal, ist bis jetzt doch so ein schöner Abend. Da lass ich mir die Laune doch nicht von solch kapitalistischen Auswüchsen vermiesen. Als wir das schnieke Gelände im Innenhof des Ludwigsburger Schlosses betreten, stehen Zugezogen Maskulin schon auf der Bühne. Kenne ich nicht wirklich, machen sich aber ganz gut da vorn. Beim vorwiegend sehr jungen Publikum (während der Pausen spielen sogar zwei vielleicht gerademal schulpflichtige Kinder um uns herum Fange – wirklich!) lösen die beiden wild herumspringenden Wahlberliner Hiphopper Grim104 und Testo Begeisterungsstürme aus. Gangster-Rap, der sich selbst nicht allzu ernst nimmt. Mag ich ganz gern.

CASTIVAL MIT CASPER, BOSSE UND ZUGEZOGEN MASKULIN, 31.07.2015, Schloss Ludwigsburg

Foto: Steffen Schmid

In der Pause frage ich mich, ob Bosse hier beim Jungvolk wohl einen schweren Stand haben wird. Klar, Stimmung können die auch. Ist aber dann halt doch was ganz anderes als Casper und Zugezogen Maskulin. Doch kaum stehen Sänger Axel Bosse und seine Band auf der Bühne, ist klar, dass der hier aber auch gar keine Probleme haben wird. Es wird getanzt und fleißig mitgesungen. Manche können sogar die Texte. Auch Schmoudi bestätigt bei seiner Rückkehr aus dem Fotograben: „Auch ganz vorn singen sie alle mit.“ Lobhymnen auf Alkohol, Müßiggang und Koitus kommen halt altersunabhängig gut an. Axel Bosse weiß den Enthusiasmus der Fans jedenfalls zu schätzen: „Danke, dass wir alten Indiepopper hier sein dürfen.“ Lustiger Kerl, der Axel. Für Viva Con Agua, die hier, wie auf vielen anderen Festivals auch, für den guten Zweck Plastikbecher einsammeln , legt er „seine Eier ins Feuer“. Darf man sich halt nicht bildlich vorstellen. Wird einem anders. Die Aufforderung sich nackig zu machen, lehnt der 35-jährige ab. Seit er seine 9-jährige Tochter hat, gehe es mit der Plauze bergab. Das will er dem Publikum nicht antun. Ich habe zwar keine Tochter, aber… egal. Tut hier eigentlich nix zur Sache. Für seinen Appell gegen den neu aufblühenden deutschen Faschismus erntet er viel Applaus. Zu Recht. Mit „Komm lass mal dancen“ kündigt er dann mein Bosse-Lieblingslied des heutigen Abends „So oder so“ an. Wir steppen und singen: „Aber was Gutes wird passieren. Und wenn’s gut ist, bleibt’s bei dir.“ Und was Gutes passiert heute tatsächlich. Bis auf die Kanon-Anstimmerei, das ist echt nicht so meins. Aber wie Schmoudi ganz richtig anmerkt: „Dem verzeiht man das.“

CASTIVAL MIT CASPER, BOSSE UND ZUGEZOGEN MASKULIN, 31.07.2015, Schloss Ludwigsburg

Foto: Steffen Schmid

Wir nutzen die Pause nochmal für ein erfrischendes Luxus-Kaltgetränk (im Plastikbecher). Gegen 21 Uhr ist es dann soweit. Die Spots gehen an, die Einlaufmelodie ertönt und da ist er dann auch – Casper. Das Gejohle ist groß und vom ersten Ton an geht die Post ab. Hände in die Luft, tanzen und „Dies ist kein Abschied“ mitsingen: „Ein Drittel Heizöl, zwei Drittel Benzin…“. Und irgendwie ist bei Casper da von Anfang an dieses ganz bestimmte aufbrausende, aber gleichzeitig auch wehmütige und sentimentale Gefühl der Jugend, dass man auch als 40er noch fühlen kann. Ja das kann er wirklich gut. Zu ästhetischen Bildern und Filmen auf der Leinwand machen er und seine Band mit Songs wie „Auf und davon“, „Hinterland“ und einem meiner Favoriten „Ganz schön okay“ ordentlich Stimmung. Und echt jetzt, hier ist alles mehr als nur okay. Wahnsinnsstimmung, die wohl auch Casper bemerkt. „Ihr habt heute richtig Bock, oder?“, heizt er seine Fans noch mehr an. Es wird wie wild gesprungen, Raketen werden abgefeuert und die Mittelfinger gegen Nazis erhoben. Gibt dann sogar einen lustigen Moshpit, der manch einen ein bissle verwirrt. Den kräftigen Schwarzen beispielsweise, der dreinschaut als würde er nicht ganz verstehen, wo all die Aggression plötzlich herkommt. Er verschränkt die Arme und rammt jeden, der ihm entgegenkommt wieder dahin zurück, wo er hergekommen ist. Oder meine Begleitung Carmen, die ganz offensichtlich noch nie auf einem Punkkonzert war. Alles nur Spaß, Leute, die wollen sich nix Böses. Wirklich aggro ist das nicht, da habe ich schon deftigere Schubskreise gesehen. Jeder der hinfällt, wird auch wieder artig aufgehoben und am Ende haben sich doch alle lieb. Und wir singen:

„Wir lagen lachend in den Trümmern
und fühlen uns frei.
Wir sind 30 Fuß high und steigend.
Zuhause ist da wo man sich vermisst,
doch wir glauben an ein Licht,
das niemals erlischt.“

Was ich an Casper schon immer sehr gemocht habe, ist, dass er über den Tellerrand schaut. Musikalisch, aber auch in seinen Texten wird das immer wieder deutlich. Da werden die Smiths als Referenz genannt oder eben Axel Bosse mit Band zum Castival geladen. Letzteren nennt er übrigens einen der feinsten Menschen überhaupt. Meint sogar: „Jeder sollte ein Stück Axel Bosse in sich tragen.“ Ich glaube ihm das.

Es folgen „Unzerbrechlich“ und „Michael X“. Schon ein wenig Gänsehaut­feeling, wenn Casper singt: „Die Lautsprecher tönen es laut, aber hörst Du das auch?“ und es hallt von Tausenden wie aus einer Kehle zurück: „Sag, hörst Du das auch?“ Nach „Der Druck steigt“ geht es vor der Bühne nochmal richtig ab. Raketen, Bengalos, Flammen… was weiß ich was alles. Wir sind hin und weg und starren Richtung Feuer und Rauchsäulen und in rotes Licht getauchtes Schloss und bemerken dabei nicht mal, dass Casper sich geschützt von einer Crew Securities nur wenige Meter vor uns seinen Weg durchs Publikum bahnt. Als dann von der Bühne weg ein paar Raketen horizontal über unsere Köpfe zischen (Ihr wisst schon, an so Drähten entlang) und in der Mitte des Innenhofes an einem Bühnenturm explodieren, steht er da plötzlich oben, der Casper. Wie cool, jetzt sind wir ganz nah dran. Ja Mann, lass die Spiele beginnen! Zu „Die letzte Gang der Stadt“, „So perfekt“ und „Das Grizzly Lied“ kocht die Stimmung nochmal richtig hoch. Casper rappt und springt auf dem Turm und stachelt seine Fans ordentlich an. Nach 90 Minuten ist dann Feierabend. Aber na klar, Casper kommt nochmal zurück. Mit „Alaska“ und dem Moshpitanheizer „Jambalaya“. Dann ist aber mit einem dicken Knall wirklich Ende. Flammenwerfer und so. Casper verabschiedet sich gemeinsam mit seiner Band von seinen Fans und schaukelt Ludwigsburg für meinen Geschmack noch ein wenig zu sehr die Eier („Da werden wir noch in Jahren drüber sprechen“). Ja egal, auch der darf das. Tausende zufriedene Fans strömen durch den Hof in die Nacht. Und die ist ja noch jung.

Casper

Bosse

Zugezogen Maskulin

3 Gedanken zu „CASTIVAL MIT CASPER, BOSSE UND ZUGEZOGEN MASKULIN, 31.07.2015, Schloss Ludwigsburg

  • 3. August 2015 um 16:55
    Permalink

    In der Oper ists billiger, Carsten! :)

  • 18. Oktober 2015 um 22:52
    Permalink

    Dieses „Ich habe Hip-Hop nicht verstanden“- shirt ist von dem werten Rapper 3plusss :D

  • 23. Oktober 2015 um 10:30
    Permalink

    Danke für den Hinweis Leonie… das wusste ich nicht.

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