OTHER LIVES, HELLO PIEDPIPER, 13.07.2015, Universum, Stuttgart

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Foto: Özlem Yavuz

Der zweite Einsatz für den gig-blog steht an und schon stehe ich vor einer Herausforderung, die in meinen Augen einen der Reize eines solchen Konzertblogs ausmacht. Ein kurzes Reinhören am Sonntag nach der Anfrage, ob jemand einspringen könnte, um über das Konzert von „Other Lives“ zu schreiben und die schnelle Erkenntnis, dass das durchaus ein sehr schöner Abend werden kann – klar, mach ich gerne! Den restlichen Sonntag führe ich mir unter anderem den sehr gelungenen Mitschnitt einer Live-Performance zu ihrem neuen Album „Rituals“ zu Gemüte, das Anfang Mai erschien – man will ja nicht gänzlich unvorbereitet sein.

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Foto: Özlem Yavuz

Und so überrascht es mich keineswegs, als ich nach dem Betreten des Universums eine mit Instrumenten überbordend vollgestellte Bühne entdecke. Für jeden der fünf Bandmitglieder liegen im Schnitt grob geschätzt vier Instrumente bereit und da darunter z.B. auch eine Kesselpauke (welch freudiger Anblick!) steht, ist die Fläche der Bühne bis in den letzten Winkel vollgestellt. Weil die Bühne im Universum nach einschlägiger Betrachtung mehr tief als breit ist, ist es für die fotografierende Özlem unmöglich die instrumentale Vielfalt abzulichten und auch für den nichtfotografierenden Zuschauer schwierig zu überblicken.

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Foto: Özlem Yavuz

Aber zunächst zum Support-Act des Abends, denn ihm sollen gebührende Zeilen zukommen: Fabio Bacchet alias „Hello Piedpiper“  heißt dieser und ist wohnhaft in Köln. Normalerweise mit zwei Bandkollegen musizierend, tritt er im Universum alleine auf, was entweder auf geringere Reisekosten oder auf den geringen Platz auf der Bühne zurückzuführen ist. Jedenfalls steht Fabio etwas an den Rand gedrängt mit Akustik-Gitarre und Loop-Station und um ehrlich zu sein, lassen mich dazu seine etwas hölzern wirkenden Begrüßungsworte kurz Schlimmes befürchten: einen von vielen austauschbaren Singer-Songwritern (stand das schon mal auf der Auswahlliste zum Unwort des Jahres?) präsentiert zu bekommen. Doch diese Befürchtung ist nur von ganz kurzer Dauer, denn Bacchet gelingt es mit seiner sehr präsenten, klaren und vielfältigen Stimme und seinem variantenreichen Gitarrenspiel die volle Aufmerksamkeit des Publikums zu erspielen, was – für eher ruhigere Acts – das größte Kompliment darstellt. Mein Highlight ist das Stück „Lampedusa“, das mit einem morricone-haft pfeifenden Intro beginnt und sich zu einer bitter-süß klingenden Ballade im klassischen Sinn entwickelt. Großartig auch der nie übertriebene Einsatz der Loopmaschine. Und nach anfänglichen Vorurteilen („Seid Ihr alle Wutbürger?“), die mit schwäbischem Charme gekontert werden, entwickelt sich so eine intensive halbe Stunde mit dem sympathischen Hello Piedpiper, den ich irgendwann gerne nochmals hören möchte – alleine oder mit Band.

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Foto: Özlem Yavuz

Dann Bühne frei für Other Lives, die sogar schon für Radiohead als Vorband fungierten und die mit dem Song „Reconfiguration“ fulminant starten: elektronische Beats, Violinen, komplexer und interessante Rhythmen, sowie die elegische, mit viel Hall versehene Stimme des Frontmanns Jesse Tabish. Das gefällt mir richtig gut und doch wird ein den weiteren Abend für mich bestimmender Punkt schon jetzt ersichtlich – der Sound. Laut, stellenweise fast dröhnend kommt der mir vor, und ich frage mich den ganzen Abend, ob dies bewusst gewollt ist oder ob es durch die vielen Instrumente nicht doch zu viel Soundvolumen ist. Die nächsten Songs sind alle vom neuen Album und werden begeistert vom bunt gemischten Publikum aufgenommen. Mittlerweile bin ich einmal durch den zu 2/3 gefüllten Raum gewandert, um schließlich ziemlich hinten den angenehmsten Klang vorzufinden. Dort lausche ich wieder fasziniert und begeistert den ersten Takten von „Landforms“, dem ersten älteren Stück. Klavierklänge beginnen treibend, die beiden Violinen setzen ein, schließlich das Schlagzeug – das ist großartig verträumt, wozu auch das bei den ruhigen Momenten eingesetzte Xylophon beiträgt. Ebenso toll ist dann das Stück „2 Pyramids“, bei dem eine durchgehende Base Drum die flirrenden Violinenklänge wunderbar zusammenhält. Großartig, bis eben doch am Ende wieder ein alles etwas breiig wirkender Bombast entsteht, der meiner Meinung nach zu oft eingesetzt wird.

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Foto: Özlem Yavuz

Oder liegt es an mir, sind es einfach raffiniert aufgebaute Soundwände, deren Struktur sich mir zeitweise nicht erschließt? Jedenfalls ist es mir bei manchen Songparts nicht möglich, die Vielzahl an unterschiedlichen Instrumenten herauszuhören, nicht einmal die Kesselpauke. Das ist sicherlich alles bis in das letzte Detail auf den Punkt genau arrangiert, so wie es die Band auf ihrer Homepage auch angibt. Und es lässt sich dieses teils an die Klassik angelehnte Songwriting auch heraushören, allerdings wird jede Differenziertheit, die ich mir bei der Menge an Instrumenten gewünscht hätte, allzu oft von einem ins Wummernde gehenden Bass oder sich überbietenden Violinen verwischt – vielleicht nur an diesem Abend und nur für meine Ohren. Bei ruhigeren Stücken kommt das von mir Vermisste dann deutlich zum Vorschein, so z.B. bei dem wunderbar melancholisch getragenen „English Summer“.

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Foto: Özlem Yavuz

Die Spielfreude ist den fünf Musikern jedenfalls den ganzen Abend über anzumerken, und sie legen dem sichtlich erfreuten Publikum noch drei Zugaben obendrauf (eines davon ist eine Cover-Version Nirvanas „Something In The Way“) und bei dem abschließenden „Dust Bowl“ passt dann auch die Opulenz in das Gesamtbild. Vielleicht sollte ich die Band einmal auf einer größeren Bühne sehen, wie der Kollege Lino am vergangenen Wochenende beim Phono-Pop-Festival , wo gebührend Platz für die Instrumente und die Wände opulenten Sounds besteht.

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Foto: Özlem Yavuz

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